Amandas Geheimnis

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10

Jonathan hätte es nicht über sich gebracht, zu fahren, ohne Violetta Bescheid zu geben. Sie hatte in kürzester Zeit Flugtickets für sie gebucht und ihren Koffer gepackt. Als er sie am Flughafen zwischen all den Leuten ausmachte, fand er sie sah aus, als hätte sie nicht viel geschlafen, sie trug ein vornehmes Kostüm und hielt einen winzigen Koffer in ihren Händen. Um die Stimmung aufzulockern scherzte Jonathan, ob sie vorhatte auszuwandern, mit all ihrem Gepäck. Sie beteuerte nichts mehr als eine Haarbürste dabei zu haben, das war alles was sie brauchte. Die Begrüßung von Violetta und Clarissa war höflich ausgefallen. Clarissa mochte Violetta, das konnte Jonathan sehen, ihr gefiel ihre zurückhaltende aber bestimmte Art, ihr gefiel, dass sie kein Geld von ihnen für die Flugtickets annahm. Sie waren sehr früh am Flughafen gewesen, nachdem Check in und der Sicherheitskontrolle hatten sie noch mehr als eine Stunde bis ihr Flieger ging. Sie setzten sich in ein Burgerrestaurant und Jonathan musste schmunzeln, weil die zwei so feinen Damen in seiner Gesellschaft so absolut nicht in diesen Laden passten. Nachdem sie Platz genommen und Violetta einen Cheeseburger und Clarissa einen Beefburger bestellt hatten, Jonathan merkte, dass er nichts essen konnte und fragte sich warum, richtete Violetta ihren Blick auf Jonathan.

„Wo ist Hannah?“

Er fragte sich, wie lange sie diese Frage schon hatte stellen wollen. Jonathan spürte einen Stich in seiner Brust beim Erwähnen dieses Namens.

„Hannah lies“, sagte er, als wäre das eine Antwort.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie treffend sie ihren Bühnennamen gewählt hatte.

„Sie ist weg vom Fenster“, sagte Clarissa, damit ihr Enkel nicht antworten musste.

Violetta schien nicht zufrieden mit dieser Antwort.

„Und woher hast du Emils Adresse?“

Jonathan zögerte, dann nahm er den Brief seiner Mutter aus seiner Jackentasche und reichte ihn Violetta. Je weiter sie las, desto mehr zitterten ihre Hände. Als sie das Ende des Briefs erreicht hatte, sah sie Jonathan einen Moment an. Dann legte sie ihre Hand auf seinen Arm, um ihm Trost zu spenden und seltsamerweise half ihm diese Geste. Ein Kellner mit Glatze brachte ihre Burger und für einige Zeit aßen sie schweigend. Jonathan nippte an seiner Orangenlimonade, die er statt etwas zu Essen bestellt hatte. Violetta wandte sich an Clarissa:

„Sie hätten mich wirklich einweihen können. Wissen Sie eigentlich, wie sehr mich diese Sache aufwühlt?“

Es war ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören. Clarissa reagierte nicht, sie schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte. Violetta nahm einen Bissen von ihrem Hamburger und tunkte ein Pommes in die Sauce auf ihrem Teller. Sie leckte sich ihre fettigen Finger ab und sprach weiter.

„Wie kommen Sie dazu, Ihrem Enkel so etwas anzutun? Wie kommen Sie dazu einer völlig Fremden so etwas anzutun? Haben Sie gar nicht an die Folgen gedacht?“

Clarissa nahm wortlos einen Brief aus ihrer Jackentasche und reichte ihn Violetta.

„Was ist das?“

„Lesen Sie“, war alles was Clarissa sagte.

Jonathan hatte seine Limonade ausgetrunken und bestellte eine zweite. Violetta las zuerst leise, dann laut.

Frau Mutter,

ich bitte Sie inständig, kontaktieren Sie meine Schwester. Vio ist eine zarte Seele. Ich glaube, mein Verschwinden hat sie hart getroffen. Es ist mir ein Anliegen, dass sie erfährt wo ich bin. Ich weiß, ich könnte ihr selbst einfach schreiben, sie anrufen, mich melden. Ich habe es unzählige Male versucht, hatte den Hörer schon in der Hand, saß vor dem unbeschriebenen Blatt Papier doch es kam nichts. Bitte geben Sie ihr ein Lebenszeichen von mir, richten Sie ihr aus, dass es mir gut geht, dass ich an sie denke.

Hochachtungsvoll,

Ihr verlorener Sohn,

Emil

Violetta verstummte einen Moment. Jonathans Herz raste. Diese Worte hatte sein Bruder geschrieben. Er konnte es kaum glauben.

„Sie wollten, dass Jonathan mich kontaktiert. Er hat mich gefunden, weil Sie es so wollten. Sie hätten dennoch den Wunsch meines Bruders erfüllen können und mir seine Botschaft ausrichten, ohne dass ich erfahren musste, dass er einen Halbbruder hat, der sein Leben lang nichts von ihm wusste, der sein verschmitztes Gesicht nicht kennt, wenn er Kuchen stiehlt, der seinen watschelnden Gang nicht kennt, der nichts von ihm weiß und plötzlich fordert wegen einer leiblichen Verwandtschaft etwas über ihn zu erfahren, wenn ich selbst nichts mehr über ihn weiß, weil ich nicht weiß, wo er ist. Wissen Sie eigentlich, wie sehr ich die letzten fünf Jahre gelitten habe? Sie hätten das mit einem Satz beenden können. Denken Sie ich bin Ihre Marionette?“

„Es war meiner Tochter und mir wichtig, dass ihr beide euch kennen lernt. Und zwar auf natürliche Weise. Wenn wir Sie kontaktiert hätten, hätten wir Ihnen von Jonathan erzählen müssen, dann hätten Sie ihn erwartet. Sie wären nicht authentisch gewesen. Das wollten wir vermeiden.“

Clarissas Stimme war kraftlos. Sie schien hin und hergerissen zwischen einer Rechtfertigung gegenüber dieser Fremden und einer Erklärung ihres Verhaltens. Sie begnügte sich damit zu schweigen. Violettas Stimme hatte an Stabilität gewonnen, sie schien zum Angriff bereit. Jonathan legte seine Hand auf ihren Arm und gab ihr damit zu verstehen, dass es keinen Sinn hatte sich über Clarissa und seine Mutter aufzuregen. Sie sah ihn angriffslustig an, ein paar Sekunden lang, dann sagte sie:

„Ich bevorzuge es selbst Entscheidungen über mein Leben zu treffen.“

Ihre Stimme bebte aber mehr sagte sie nicht. Jonathan sah seine Großmutter an, der er ansah, dass die Botschaft angekommen war. Wie für sie üblich, gab sie als einzige Regung ein Nicken von sich, was auch immer das heißen mochte. Sie aßen schweigend auf und Clarissa zahlte für alle, niemand erhob Einspruch. Es war ihre Art sich zu entschuldigen.

Die Flugbegleiterinnen huschten hin und her und vergaben Getränke an die Fluggäste, ein Kind weinte, von zwei Sitzreihen weiter hinten dröhnte Musik über Kopfhörer an seine Ohren. Während des ganzen Fluges war Jonathan schlecht vor Aufregung.

Vom Flughafen aus waren es noch zwei Stunden mit dem Bus. Violetta kaufte die Fahrkarten und fand heraus, wann sie aussteigen mussten. Clarissa klagte zunehmend öfter über schmerzende Glieder und Erschöpfung. Jonathan versuchte dem keine Beachtung zu schenken, aber ihre Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Das war ihre letzte Reise. Während der Busfahrt dachte er darüber nach, was er zu Emil sagen würde, wenn er vor ihm stand. Seine Übelkeit hatte ein Ausmaß angenommen, dass er kaum ertragen konnte. Seine Gesichtsfarbe hatte ein ungesundes grünblass angenommen und er musste sich bemühen nicht zu erbrechen. Als er dachte seine Magensäfte nicht mehr halten zu können, blieb der Bus an der Endstation stehen. Jonathan griff nach seinem Rucksack und rannte hinaus, um sich auf den Rasen neben der Bushaltestelle zu übergeben. Er bemerkte, dass er angewiderte Blicke zugeworfen bekam, manche Menschen stießen Laute des Ekels aus, glückicherweise konnte er nicht verstehen, was über ihn getuschelt wurde. Violetta eilte zu ihm und reichte ihm eine Flasche Wasser, deren Inhalt er gierig verschlang. Er gurgelte und spuckte das Wasser wieder aus, trank ein paar Schlucke und stützte sich auf Violetta. Seine Knie waren weich geworden. Der Busfahrer war ausgestiegen um eine Zigarette zu rauchen. Clarissa mühte sich ab die Koffer aus der Gepäckablage zu hieven, weil der Busfahrer ihr nicht half. Violetta verfrachtete Jonathan auf die Bank, die an der Busstation stand und eilte zu seiner Großmutter, um ihr mit den Koffern zu helfen. Sie verfrachtete Clarissa und das Gepäck neben Jonathan auf die Bank und ging auf den Busfahrer zu.

„Pardon Monsieur, nous cherchons le monastaire.“

Sie fragte ihn nach dem Weg zum Kloster in der Stadt. Er zuckte mit den Schultern, nicht ohne Violetta von oben bis unten zu mustern.

„Qu-est ce que tu fais ce soir?“ fragte er anstatt ihr zu antworten.

„Ganz bestimmt nichts mit dir“, sagte sie und spuckte ihm vor die Füße.

„Qua?“ fragte er empört.

Violetta ließ ihn stehen und wandte sich Clarissa und Jonathan zu.

„Lasst uns in die Stadt gehen und bei der Touristeninformation nach dem Kloster fragen.“

Clarissa schüttelte den Kopf.

„Das wird nicht nötig sein.“

Sie deutete hinter Violetta. Als sie sich umdrehte sah Violetta ein gigantisches Kloster in den Himmel ragen. Es hatte beige Steinwände und dunkle kegelförmige Dächer auf seinen Türmen.

—-

Sie saßen seit einer halben Stunde zwischen ihren Reisetaschen auf der Bank der Bushaltestelle. Clarissa hatte von einem fahrenden Händler Mangos gekauft und nun waren ihre Finger voll mit Mangosaft. Jonathan verzichtete darauf einen Bissen zu nehmen, sein Magen hatte sich zwar etwas beruhigt, jedoch wollte er keinen zweiten Vomitus provozieren. Violetta kaute auf ihren Nägeln herum. Keiner von ihnen sprach es aus aber bisher war der Gedanke Emil zu finden eben das gewesen, eine abstrakte Idee, doch jetzt als sie so nah dran waren ihn tatsächlich aufzuspüren, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Clarissa machte den ersten Schritt. Sie steckte sich das letzte Stück Mango in den Mund, wischte ihre Hände an ihrem Kleid ab und sagte:
„Ich will jetzt meinen Enkel sehen.“

Sie erhob sich schwerfällig und reichte Jonathan die Hand. Er nahm sie in seine und führte seine Omi auf das große Tor zu. Violetta folgte hinter ihnen. Der Temperaturwechsel von der französischen Sommerhitze zu der angenehmen Kühle im inneren der Kirche überraschte nicht, jedoch tat der Wechsel von hell zu dunkel ihnen einen Moment in den Augen weh. Beim Eingang war ein Schalter bei dem Eintrittskarten verkauft wurden. Ein großer fleischiger Mönch saß dort und sah grimmig drein, seine Kutte spannte an seiner Brust, an welcher ebenso ein Namensschild mit der Aufschrift Pater Mairiere befestigt war. Violetta wechselte ein paar Worte mit ihm auf Französisch, sein Gesicht hellte sich auf und er ließ sie gratis hinein. Als sie hinter der Absperrung waren und einen Moment ehrfürchtig schweigend die Wände und die Decke ansahen, die mit Malereien, Goldstatuen und bunten Glasfenstern verziert waren beobachteten fragte Jonathan:

„Was hast du zu ihm gesagt?“

„Dass wir von der Presse sind und einen Artikel über das Kloster schreiben.“

„Und er wollte keinen Ausweis sehen?“

„Nein.“

„Warum hast du ihm nicht die Wahrheit gesagt? Vielleicht kennt er Emil und hätte uns gesagt, wo wir ihn finden können.“

„Wer weiß, ob er uns sehen will. Besser, er weiß nicht, dass wir kommen.“

„Und was willst du jetzt machen? Hier sitzen und warten bis er kommt?“

„Warum nicht?“

„Meine Knochen schmerzen in der Kälte. Lasst uns lieber in den Klostergarten gehen, da ist es warm“, schlug Clarissa vor.

„Klostergarten?“, fragte Jonathan.

Clarissa deutete auf ein Schild an der Wand, das den Weg zum Klostergarten wies. Er nickte und führte seine Großmutter weiter am Arm. Sie schnaufte.

„Willst du dich setzen? Sollen wir eine Pause machen?“

„Nein!“, sagte Clarissa energisch.

Also gingen sie weiter. Violettas Schritte klangen wie Kinderfüße auf dem Steinboden. Die Haut seiner Großmutter hatte sich noch nie so alt und schwer angefühlt wie in diesem Augenblick. Jeder Schritt fühlte sich an wie eine Wallfahrt, sie schienen langsamer und langsamer zu werden. Je näher die Türe kam auf der in großen geschwungenen Buchstaben Klostergarten stand, desto weiter weg erschien sie. Und dann standen sie auf einmal davor, Jonathan legte seine Hand auf die Klinke und drückte sie herunter.

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Was ist aus dir geworden?

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Es gab eine Zeit, da haben wir zusammen gelacht,

jeden Satz für den Anderen zu Ende gedacht.

Wir haben uns jeden Tag gesehen,

wir wollten überallhin mit einander gehen.

Jetzt frage ich mich, was ist aus dir geworden?

Lebst du in deinem Traumhaus im hohen Norden?

Bist du bei den Fjorden, wie du es immer wolltest?

Säuberst du Rauchfänge, oder produzierst du liebliche Klänge?

Hast du deine Ziele erreicht? Hast du deine Haare gebleicht?

Was ist aus dir geworden?

Hast du Kinder oder Rinder?

Bist du noch, wer du früher warst? Oder lebst du jetzt in einem Karst?

Amandas Geheimnis

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9

Jonathan war auf Hannahs warmem Körper eingeschlafen, er hatte ihre Haut berührt und ihren Geruch inhaliert. Er hatte ihre Lippen auf seinen gespürt, ihr Schweiß hatte sich mit seinem vermengt. Ein Lichtstrahl fiel durch einen Spalt zwischen den Vorhängen in sein Gesicht und machte ihn wach. Jonathan wollte noch einen Moment liegen bleiben, einen Moment länger genießen, dass Hannah neben ihm lag, unter ihm, das Bett mit ihm teilte. Sein Arm war unter seinem Torso eingeklemmt, er wechselte seine Position, ohne die Augen zu öffnen. Er wollte Hannah einen Guten Morgen-Kuss geben, er wollte ihr süßes Lächeln sehen. Jonathan zwang sich dazu ein Auge zu öffnen. Keine Hannah. Er öffnete auch das Zweite. Hannah war fort. Wahrscheinlich war sie in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen. Er raffte sich auf, wischte sich über die Augen, der Wein hatte ihm nicht gut getan, er spürte ihn in seinen Gliedern, bei jeder Bewegung, in seinem Kopf. Gerade als Jonathan aufstehen und sein Zimmer verlassen wollte, klopfte es an seiner Türe.

„Komm rein“, sagte er lächelnd.

Die Türe öffnete sich und sein Lächeln erstarb. Vor ihm stand Clarissa.

Sie bedeutete ihm schweigend ihr zu folgen. Ihr langsamer, humpelnder Gang verstärkte das Unbehagen, das sich seit sie vor der Türe gestanden war, in Jonathan ausgebreitet hatte. Sie hatte keine Worte gebraucht, um ihm zu verstehen zu geben, dass etwas vorgefallen war. Jonathan folgte ihr den Gang entlang, die Stiegen hinunter in das Esszimmer und erstarrte. Der Kandinsky war weg. Er sah sich um, setzte an etwas zu sagen. Seine Frage, was mit dem Bild passiert war, beantwortete er sich selbst, indem er einen Blick aus dem Fenster warf. Die Limousine war verschwunden. Das Gemälde war weg, Hannah war weg, die Limousine war weg.

„Wie um alles in der Welt konnte das passieren?“

Jonathan stand mit offenem Mund da. Clarissa antwortete nicht. Es hatte ihr die Sprache verschlagen. Ich bin eine Welle. Erst jetzt verstand Jonathan Hannahs Worte. Sie baute sich langsam auf, nahm mehr und mehr Platz ein, wurde so groß, dass man sich ihr nicht entziehen konnte, nur um dann zu zerplatzen. Hitze stieg in ihm auf. Er ging ein paar Schritte auf die nackte Wand zu, an der zuvor der Kandinsky gehangen war, um nach dem Telefon zu greifen, das daneben auf einem Hocker stand. Er nahm den Hörer und war im Begriff zu wählen, als ihm etwas ins Auge stach. Jonathan legte den Hörer wieder auf die Gabel und ging ganz nah an die Wand. Da klebte etwas. Ein Stück Papier? Nein, ein Kuvert, so weiß wie die Wand, sodass er es im ersten Moment übersehen hatte. Er wandte sich seiner Großmutter fragend zu, die am Esstisch platzgenommen hatte. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Jonathan griff nach dem Kuvert, löste die Klebestreifen von der Wand und öffnete den Umschlag. Seine Hände zitterten, die Hitze in ihm wurde unerträglich. Er hatte das merkwürdige Gefühl sich setzen zu müssen und ließ sich auf dem Boden nieder. Erst dann nahm er das Blattpapier aus dem Umschlag und las was darauf stand.

Mein lieber Jonathan,

bitte entschuldige. Ich weiß bereits seit längerem, wo sich dein Bruder befindet. Ich habe vor drei Jahren über eine Zeitungsannonce Kontakt zu ihm aufgenommen und seitdem schreiben wir uns Briefe. Ich bin der einzige Mensch, dem er seinen Aufenthaltsort anvertraut hat. Wahrscheinlich, weil er weiß, dass ich ihn nie besuchen werde können. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dir sagen soll, wo du ihn finden kannst. Mama und ich fanden, du könntest ein Abenteuer vertragen. Wir haben alles auf deinen dreißigsten Geburtstag gelegt. Wir wollten dir endlich die Chance geben aus dem Schneckenhaus auszubrechen, in das wir dich dein Leben lang gezwängt haben. Wir wollten dich zwingen deinen Weg zu gehen, endlich dein Leben zu leben. Ich habe mir immer für dich gewünscht, dass du deinen Weg findest. Ich fürchte, das ist mir misslungen. Das Abenteuer erforderte viel Planung, zunächst musste ich dir die Wahrheit sagen. Dann engagierte Mama Hannah und Dario. Sie sollten dein Vertrauen gewinnen, sich mit dir anfreunden, dir helfen. Sie sind Geschwister, verwaist, leben von Hannahs Gage als Sängerin und Darios Gehalt als Chauffeur. Als Bezahlung für ihre Dienste wollten sie den Kandinsky. Er ist mehr wert, als sie beide zusammen in einem Jahr verdienen könnten. Mama und ich gaben dir nur die notwendigen Informationsstücke, die du brauchtest, um selbst Nachforschungen anzustellen. Dass du die Antwort hinter dem Bild finden würdest, ist eine meiner besseren Ideen. Mama hat diesen Brief vor ein paar Wochen dahinter versteckt. Wenn du diesen Brief liest, bist du am Ende deiner Suche angekommen. Im Kuvert findest du Emils Kontaktdaten beigelegt. Es steht dir frei ihn zu kontaktieren oder nicht. Er weiß nichts von dir. Die Tatsache, dass er adoptiert ist, aus einer Vergewaltigung entstanden, mit einer Mutter im Gefängnis, schien mir für den Anfang genug der Wahrheit. Dass er einen kleinen Bruder hat, einen unglücklichen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, wollte ich mir für einen Moment aufsparen, in dem ihm dieser Gedanke Trost spendet. Oder du tust es einfach selbst.

Ich hoffe, wir haben dich nicht zu sehr verärgert.

In Liebe,

deine Mutter, Amanda.

Jonathan ließ den Brief sinken und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Einen Moment blieb er so sitzen, dann anders als Clarissa erwartet hatte, begann er schallend zu lachen. Er war von sich selbst überrascht, hatte er doch nicht gedacht, dass er noch genug Kraft dafür in sich tragen würde. Er fühlte sich wie verdaut und ausgespuckt. Verkatert, müde, verwundet.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, hörte er die Stimme seiner Oma vom Tisch zu ihm herüber klingen.

Anstatt ihr zu antworten, lachte er noch mehr, legte sich nun ganz auf den Boden, kugelte sich vor Lachen.

„Was ist nur in dich gefahren?“

Sie hatte den strengen Tonfall angenommen, mit dem sie ihn als Kind oft zurechtgewiesen hatte, wenn er Unfug gemacht hatte. Jonathan holte tief Luft und hörte schlagartig auf zu lachen. Er erhob sich vom Boden und ging die wenigen Schritte zum Esstisch. Er nahm neben seiner Großmutter Platz, legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und sagte:

„Ich sollte also ein Abenteuer erleben? Das ist euch gelungen. Ihr habt die Fäden lange genug gezogen. Jetzt entscheide ich. Ich fliege nach Frankreich. Heute noch.“

Er sprach ohne seine Stimme zu erheben, ohne laut zu werden, ganz ruhig. Alle Emotion war mit dem Lachen aus ihm gewichen. Er war jetzt nur noch unendlich erschöpft.

„Geh vielleicht duschen, bevor du aufbrichst. Du hast schon mal frischer ausgesehen.“

Er sah Clarissa in die Augen und glaubte für einen Moment so etwas wie Mitgefühl in ihnen aufflackern zu sehen aber dann hatte sie wieder ihren altbekannten strengen Blick. Sie hatte ihn zwar beleidigt aber immerhin schien sie verstanden zu haben, ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen zu können. Er verschwand ins Badezimmer.

Er wollte sich reinwaschen. Dreck weg, Schweiß weg, Schmerzen weg. Hannah weg. Jonathan hatte nie an die angeblichen Heilkräfte von Wasser geglaubt, als er aus der Dusche stieg musste er jedoch feststellen, dass zumindest seine Kopfschmerzen und sein Schwindel verschwunden waren. Jetzt noch eine starke Tasse Kaffee und er war wieder wie neu. Naja fast. Er hatte sich einen Bademantel seines Großvaters angezogen, war barfuß in die Küche geschlüpft und hatte Kaffee aufgestellt. Er hatte das Eintreten von Clarissa nicht bemerkt.

„Du siehst aus wie er.“

Einen Moment dachte er, sie meinte es als Kompliment, dann fügte sie hinzu:

„Unheimlich, wie wenn er von den Toten zurückgekommen wäre.“

In diesem Moment, als er dastand, nackt unter dem Stoff, barfuß mit nassen Haaren, hinter ihm der kochende Kaffee am Herd, wurde ihm klar, dass er nicht der Einzige war, dem das Herz gebrochen worden war. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass Clarissa, seine Omi, auch all die Verluste erlebt hatte, die er erlebt hatte. Nicht nur er hatte seinen Großvater verloren, sondern auch sie ihren Mann, nicht nur er hatte seiner Mutter Lebwohl gesagt, sondern sie auch ihrer Tochter und nicht nur er war um seinen Bruder gebracht worden, sondern sie auch um ihren Enkel. Sie war mit ihm alleine gewesen, eine ältere Dame, stets elegant gekleidet und sehr belesen, mit dieser gewählten Ausdrucksweise, sicherlich hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie war nicht nur körperlich, auch finanziell, gar nicht in der Lage gewesen sich um ihn zu kümmern. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Er goss Kaffee in eine Tasse, leerte Milch darauf und gab zwei Stücke Zucker hinzu.

„Fehlt er dir?“, fragte er.

 „Mit jedem Atemzug.“

„Kommst du mit nach Frankreich?“

„Ich bin alt.“

Er zuckte mit den Achseln, um ihr zu zeigen, dass er nicht verstand, was das heißen sollte. Er nahm einen Schluck Kaffee und achtete darauf, wie er ihm die Kehle herunter rann.

„Wenn ich diese Reise mache, wird es meine letzte sein.“

„Ich fühle es in meinen Knochen. Ich werde endlich zu ihm gerufen.“

Amandas Geheimnis

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8

Violetta sprach schnell. Jonathans Schulfranzösisch reichte nicht aus, um ihr folgen zu können. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sie gar nichts über sie gefragt hatte, er war gekommen, mit der Tür ins Haus gefallen und hatte ihr nur Fragen zu ihrem Bruder gestellt. Der auch sein Bruder war. Violetta nickte ein paar Mal und sagte „Oui je comprends“ oder „D’accord“, dann legte sie auf. Ihr Gesichtsausdruck verriet nicht, was in ihr vorging. Hannah war auf dem Sofa, neben Jonathan eingenickt. Violetta sah ihn an.

„Ich habe mit einem Postangestellten gesprochen und ihn gefragt, ob in der Stadt, oder in der Nähe ein Kloster ist. Er hat es verneint, aber versprochen sich zu erkundigen, wie weit entfernt das nächste Kloster ist und mich dann wieder anzurufen.“
„Du sprichst sehr gut Französisch.“

„Ich habe ein Jahr in Lyon gelebt.“

„Toll.“

„Als Schülerin, mit 17. Sprichst du Französisch?“

„Nicht wirklich.“

Sie schwieg einen Moment und starrte auf ihre Hände.

„Wenn ihr nach Frankreich fahrt, wenn ihr Emil findet, nehmt mich mit.“

Er hatte nicht darüber nachgedacht, sie einzuladen aber nun schien es ihm logisch, auch wenn etwas in ihm sich wehrte. Ein grüner stechender Impuls.

„Wir holen dich morgen ab. Wenn du mir deine Telefonnummer gibst, kann ich eine halbe Stunde vorher anrufen. Und du meldest dich, wenn die Post sich wieder meldet.“

Sie sah ihn an, mit diesem merkwürdigen Blick von ihr, dem leicht schiefen Kopf, den prüfenden Augen. Beim Nummern austauschen warf Jonathan einen Blick auf seine Handyuhr.

„Wir haben dich lange genug aufgehalten“, sagte er und erhob sich.

Für alles weitere würden sie während der Fahrt Zeit haben. Sie würden sicherlich zwei Tage unterwegs sein. Mit dem Auto nach Frankreich, was für eine Schnapsidee, dachte Jonathan und lächelte in sich hinein. Es war die erste blödsinnige Idee in seinem Leben. Er war stolz auf sich. Er berührte Hannah leicht an der Schulter. Sie riss ihre Augen auf vor Schreck.

„Bin ich eingeschlafen?“

Jonathan nickte.

„Ich wollte gerade gehen“, erklärte er.

Hannah stand auf, umarmte Violetta zum Abschied.

„Wir sehen uns morgen. Ich fahre mit euch mit“, sagte Violetta und wand sich aus der Umarmung.

„Ist doch egal, du sahst aus als könntest du eine Umarmung gebrauchen. Bis morgen dann.“
„Bis morgen.“

Jonathan ging zur Türe, er hatte weder Jacke noch Schuhe ausgezogen, wie ungehobelt von ihm, wartete bis Hannah neben ihm stand und warf Violetta einen letzten Blick zu.

„Ich rufe dich an. Eine halbe Stunde vor Abfahrt. Versprochen.“

Sie nickte. Jonathan hatte nicht mit dem kalten Wind gerechnet, der ihnen im Stiegenhaus entgegen schlug und zog seine Jacke zu.

 

Als sie das Haus verließen, regnete es. Sie stiegen in die U-bahn. Im Zug saß ein Mann in rosarotem Bademantel neben einer Frau mit grünen Haaren. Hannah hatte sich neben den Mann gesetzt und Jonathan ihr gegenüber. Ihr Haar war ein wenig zerzaust. Sie hatte einen Fleck Erdnusssauce im Gesicht. Jonathan schmunzelte.

„Ich bin eine Welle“, sagte Hannah leise.

„Wie bitte?“

Sie lächelte als Antwort.

„Du hast Erdnusssauce im Gesicht.“

Sie benetzte ihre Lippen mit ihrer Zunge und wischte sich dann mit ihrer Handfläche über den Mund. Der Erdnusssaucenfleck war nun an ihrer Hand, von wo aus sie ihn in ihre Hose wischte. Jonathan schmunzelte erneut.

„Glaubst du der Thomas sucht uns?“

„Wieso sollte er?“

„Immerhin haben wir sein Auto gestohlen.“

Hannahs Kopf bewegte sich, ihr Mund öffnete sich und ein Bach von Lachen ergoss sich über die U-bahn. Nach einer Weile brachte sie hervor:

„Die Limousine gehört Dario.“

„Hast du die ganze Zeit gedacht, dass uns die Polizei auf den Fersen ist?“

Jonathan nickte kleinlaut.

„Was für eine alberne Vorstellung“, sagte Hannah immer noch sichtlich amüsiert.

„Wir müssen aussteigen“, stellte Jonathan fest und verließ den Zug, ohne darauf zu achten, ob Hannah ihm folgte.

Er hatte die Hitze gespürt, die in seinem Gesicht hochgestiegen war, er hatte seine Röte, seine Scham vor ihr verbergen wollen. Erst als er aus dem Bahngebäude heraus und bei der ersten Straßenkreuzung war, blieb er stehen. Hannah war so dicht hinter ihm, dass sie von seinem abrupten stehen bleiben überrascht wurde und in ihn hinein lief. Sie stieß sich den Kopf an seinem Schulterblatt.

„Bitte entschuldige.“

Sie sah ihn verärgert an.

„Ist es sehr schlimm?“

„Geht schon, Schwamm drüber.“

Die letzten Meter bis zum Haus seiner Mutter legten sie schweigend zurück. Jonathan hatte das Gefühl nun endgültig jegliche winzige Chance bei Hannah zu landen verspielt zu haben.

 

„Eine Violetta hat angerufen. Ich soll euch ausrichten, dass die Post sie zurückgerufen und gemeint hat, dass im Umkreis weit und breit kein Kloster steht. Dass der Mann, der die Postkarte geschickt hat, wohl nicht gefunden werden will und von weit weg zu dieser Post fährt, um dort seine Briefe aufzugeben.“

Clarissa hatte sie mit dieser Nachricht empfangen. Jonathan sank auf das Sofa im Wohnzimmer nieder und zog sich eine Decke über den Kopf. Er spürte, dass sich jemand zu ihm setzte.

„Wirfst du jetzt das Handtuch?“

Die Frage seiner Großmutter beinhielt einen vorwurfsvollen Ton, wie sooft.

„Was soll ich denn noch tun? Es ist aussichtslos. Er will nicht gefunden werden. Nicht von Violetta, nicht von mir.“

Seine Stimme klang unter der Decke gedämpft.

„Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst“, forderte Clarissa.

Widerwillig schob Jonathan den Stoff von seinem Gesicht und sah seiner Großmutter in die Augen.

„Wann haben Hindernisse einen Meischner je davon abgehalten sein Ziel zu erreichen?“

Hannah war im Begriff das Zimmer zu verlassen, um ihnen Privatsphäre zu geben, doch Clarissa sagte:

„Hannah, bleiben Sie hier. Ich möchte Ihre Meinung hören. Wie würden Sie sich verhalten, wenn es um Ihre Schwester gehen würde?“

Hannah überlegte einen Moment.

„Ich denke, ich würde alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu finden.“

„Und wenn du das getan hättest und nichts dabei heraus kommt?“, warf Jonathan ein.

Seine Großmutter bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. Hannah war am Wort. Er sollte nicht unterbrechen, so wie Clarissa ihm das beigebracht hatte, unterbrechen war ungehobelt, es gehörte sich nicht.

„Ich würde mich nicht zufrieden geben, bis ich sie gefunden hätte. Ich würde so lange nach einer Spur suchen, bis ich sie gefunden hätte. Wenn das bedeuteten würde bei jedem Kloster in Frankreich anzurufen, würde ich es tun.“

Dieser Gedanke war Jonathan noch gar nicht gekommen.

„Aber das ist Wahnsinn“, meinte er.

„Das ist Ansichtssache“, sagte Hannah.

„Finde ich auch“, pflichtete ihr Clarissa bei.

 

Jonathan hatte die letzten zwei Stunden damit verbracht die Telefonnummern von allen Klöstern Frankreichs im Internet zu recherchieren. Er war alleine spazieren gegangen, um seinen Kopf zu lüften, um die Wut abzuschütteln, die sich in ihm breit gemacht hatte. Das Gefühl der Untergebenheit, das ihn seit seiner Kindheit begleitete, welches er stets in der Gegenwart seiner Großmutter empfand. Das er auch in Hannahs Gegenwart empfand. Er war fast zwei Stunden lang gegangen, ohne darüber nachzudenken wohin. Als er zurückkam hatte Dario Spaghetti al Vongole gekocht. Jonathans Frage, woher er die Meeresfrüchte hatte blieb unbeantwortet und sie aßen Pasta und tranken Wein. Dann hatte sich Jonathan entschuldigt und in sein Zimmer zurückgezogen, um französische Klöster zu googlen. Es schien aussichtslos. Es waren einfach zu viele. Er schaltete seinen Computer aus, entmutigt und legte sich ins Bett. Dario hatte darauf bestanden diese Nacht im Wohnzimmer zu schlafen. Er hatte das ganz ohne Worte getan, in Dariomanier, sein Bettzeug war einfach vom oberen Stockwerk, von Jonathans Zimmer in das Wohnzimmer gewandert. Jonathan war schon fast eingeschlafen, als ein leises Klopfen ihn störte. Er stand schlaftrunken auf, Hannah stand vor seiner Zimmertüre. Sie trug nichts außer einem Nachthemd. Sie verbrachte die Nacht in seinem Zimmer.

 

Das Brot

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Sandra war ein Euro auf den Boden gefallen, als sie beim Bäcker hatte bezahlen wollen. Sie hatte nicht gesehen, wo er hin gerollt war; jetzt kroch Sie auf dem Boden herum, um nach ihm zu suchen. Die Kundschaft, die sich in der Schlange hinter ihr gebildet hatte, wurde unruhig. Eine Frau seufzte betont genervt, ein Mann bot ihr an, ihr den Euro zu schenken, wenn sie dann endlich wegkäme, er hätte schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Sandra nahm mit zitternden Händen die Münze des Mannes entgegen, bezahlte, nahm ihr Brot und verließ das Geschäft. Der Euro war an den roten Schuhen einer beleibten Frau vorbei, in eine Nische zwischen einem Brotregal und der Wand gerollt; wo sich nun Spinnweben um ihn stritten. Sandra war bereits auf der Straße, das Brot in der Hand, auf dem Weg nach Hause. Nur eine Straße musste überquert werden, dann war sie da. Bei der Ampel fiel ihr eine Bettlerin auf, die sich in einer Gebetshaltung auf den Gehsteig gelegt hatte. Sandra trat ein paar Schritte auf sie zu und reichte ihr ein Stück Brot. Die Frau schnappte und verschlang es schneller, als Sandra erwartet hatte. Sie gab laute Schmatzgeräusche von sich. Sandra wollte etwas zu ihr sagen, als die Ampel auf Grün umschaltete. Sie ging über die Straße und griff nach ihrem Schlüssel. Er war durch ein Loch im Innenfutter ihrer Jackentasche gerutscht und hatte sich unter ihrer rechten Achsel verhakt. Um ihn herausfummeln zu können, brauchte sie beide Hände. Sandra suchte nach einem Ort, an dem sie das Brot ablegen konnte, fand jedoch keinen. Sie versuchte eine Weile weiter den Schlüssel mit einer Hand aus dem Saum zu befreien, vergeblich. Ein etwa achtjähriges Mädchen bog um die Ecke und sah Sandra direkt an.

„Entschuldige bitte. Kannst du einen Moment mein Brot halten?“

„Ich darf nicht mit Fremden sprechen“, erwiderte das Mädchen.

„Schon passiert.“

Das Mädchen blieb einen Moment unschlüssig stehen. Sandra nutzte ihn.

„Also, hältst du jetzt mein Brot oder nicht? Du kannst auch ein Stück abhaben.“

Die Achtjährige legte ihren Kopf schief, als müsste sie ihre Gedanken in eine Ecke rinnen lassen und nickte dann. Sie streckte ihre kurzen Arme nach dem Brot aus. Sandra drückte es ihr in die Hände, sagte eilig „Danke“ und machte sich wieder am Schlüssel zu schaffen.

„Du hast komische Haare“, sagte das Mädchen nach einer Weile kauend.

„Das trägt man jetzt so“, erklärte Sandra.

Der Schlüssel war nun fast bei dem Loch in der Jackentasche angekommen. Sandra ruckelte noch einmal an ihm, dann konnte sie ihn mit den Fingern durch das Loch herausziehen. Sie atmete erleichtert auf und sperrte die Haustüre auf. Sie drückte die Türe mit ihrem Gesäß auf, drehte sich zu dem Mädchen um und nahm ihm das Brot aus den Händen.

„Danke“, sagte sie wieder und strich der Kleinen über den Kopf.

Sie ließ die Türe hinter sich zufallen. Zu ihrer Wohnung waren es nur mehr wenige Schritte, die sie eilig, fast hastig zurücklegte. Den Schlüssel behielt sie in der Hand bis sie auch ihre Wohnungstüre aufgeschlossen hatte; im Vorzimmer ließ sie ihn klirrend in die Schüssel auf der Kommode fallen. Sie legte das Brot einen Moment neben die Schüssel, während sie Jacke und Schuhe ablegte, und brachte es dann in die Küche. Sandra schnitt eine Scheibe herunter, bestrich sie mit Butter und nahm sie mit in ihr Wohnzimmer. Sie mochte Brösel auf dem Boden. Ihr Laptop, den sie zuvor in den Energiesparmodus geschickt hatte, sprang nun bei ihrer Bewegung der Maus an. Einen Moment verharrte Sandra auf der geöffneten Musikwebsite, dann scrollte sie zur Kommentarspalte hinunter. Sie haute in die Tasten:

Halt endlich dein Maul du hirnamputierte Fotze.

Von dem beim Kauf ein Kilo schweren Brot, war zu diesem Zeitpunkt gerade noch die Hälfte übrig.

 

Amandas Geheimnis

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7

Die Mappe enthielt Fotos, mehrere Zeitungsartikel und Amandas Anklageschrift. Jonathan hielt zum ersten Mal einen Bericht über den Fall seiner Mutter in Händen. Bis auf das, was sie ihm selbst erzählt hatte, wusste er nichts über ihre Festnahme, ihre Anklage, ob sie ein Gerichtsverfahren gehabt hatte. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass es über seine Mutter Zeitungsartikel gab, aber er musste einräumen, dass das Sinn machte. Wie oft hatte er schon Berichte im Fernsehen über Kriminalfälle dergleichen gesehen? Ihn überkam Wut bei dem Gedanken, dass jemand solch einen Bericht über seine Mutter im Fernsehen gesehen haben und nun glauben könnte, sie sei gefährlich oder verrückt. Dieses Gefühl verstärkte sich beim Lesen der Zeitungsartikel. Der Schlimmste lautete wie folgt:

 

Messermörderin macht Mann mausetot

Vergangenen Dienstag bot sich der Polizei folgendes Bild: Amanda Meischner, 34,Mutter eines Sohnes, blutüberströmt über der Leiche des zwanzig Jahre älteren Dirk Samson, einem freundlichen älteren Herren, der seine Pension  mit Klavierunterricht aufbesserte. Meischner hatte mit einem Küchenmesser mehrere Male wild auf ihren ehemaligen Klavierlehrer eingestochen. Ein Tatmotiv sei nicht bekannt. Die Frau habe wohl aus Wahn gehandelt, einem Augenzeugen zu Folge soll sie in einer Apotheke beim Kauf von Psychopharmaka gesichtet worden sein.

An dieser Stelle hörte Jonathan auf zu lesen. Er sah zuerst Hannah und dann Violetta an.

Nach den Zeitungsartikeln war eine CD eingeklebt.

„Was ist da drauf?“, fragte Jonathan.

„Nachrichtenberichte über Ihre Mutter.“

„Das will ich sehen“, insistierte Jonathan.

„Bist du dir sicher?“, fragte Hannah, die hinter ihm gestanden und mitgelesen hatte.

Er nickte als Antwort. Mit den Nachrichtenberichten war es dasselbe, sie waren alle auf der Seite von Herrn Samson, Amanda wurde durchwegs als wahnsinnig, grausam und soziopathisch dargestellt. Nach drei Meldungen über den Mord, den seine Mutter begangen hatte, drückte Jonathan auf Pause.

„Ihr wisst, dass das vollkommener Schwachsinn ist, oder?“

„Wie meinen?“, fragten Hannah und Violetta gleichzeitig.

„Meine Mutter ist nicht verrückt. Und sie ist auch nicht gefährlich. Herr Samson war keineswegs ein freundlicher Mann.“

Er ließ seine Worte einen Moment wirken, dann fuhr er fort.

„Vor ein paar Tagen war ich in der Redaktion einer Tageszeitung, um die Wahrheit über meine Mutter zu veröffentlichen, ich wurde abgewiesen, die drucken lieber schwarz und weiße Darstellungen, Herr Samson ist der Gute, meine Mutter die Böse. Ja, sie hat ihn umgebracht. Aber wissen Sie auch warum?“

Violetta zuckte mit den Schultern und diese kleine Geste hatte etwas so teilnahmsloses, dass Jonathan erst richtig in Fahrt kam. Er hatte die folgenden Worte noch nie ausgesprochen, ihm lief eine Gänsehaut über den ganzen Körper, während er es tat.

„Emil ist Herr Samsons Sohn. Dieser freundliche, alte Herr hat seine vierzehnjährige Klavierschülerin gegen ihren Willen penetriert und geschwängert. Als sie ihm zwanzig Jahre später zufällig begegnete ist es mit ihr durchgegangen. So, jetzt kennen Sie die wirkliche Wahrheit.“        

Das Schweigen, das sich über den Raum gelegt hatte, dröhnte wie eine vorbei rauschende U-bahn. Violetta schlug die Hände vors Gesicht, um ihr Zittern zu verbergen stand sie auf und begann auf und ab zu gehen.

„Meinen Eltern ist erzählt worden, dass sie mit vierzehn schwanger wurde, von ihrer großen Liebe Carl Flynn, einem Engländer auf Interrail in Wien. Ihre Eltern haben sie raus geschmissen und sie hat das Kind aufgegeben.“

„Wer hat das Ihren Eltern erzählt?“

Jonathans Stimme bebte. Hannah war bleich geworden.

„Die Heimleitung, das war alles, was die wussten, laut der Heimleitung, lag bei dem Baby, das vor ihrer Türe abgelegt worden war, ein Brief, in dem seine Mutter darum bat, dem Sohn eines Tages, wenn er erwachsen sei, zu erzählen, er sei aus einer großen Liebe entstanden, dass es ihr sehr schwer gefallen war von ihm Abschied zu nehmen, aber das es nicht anders möglich gewesen war, weil sie erst vierzehn war und kein Geld, geschweige denn eine Ausbildung abgeschlossen hatte. Sie habe vergangenen Sommer Carl Flynn kennen gelernt und die beiden hatten sich unsterblich in einander verliebt. Jedoch hatten die Umstände dazu geführt, dass er wieder nach England musste und so war sie selbst allein mit dem Baby geblieben und hatte keine Möglichkeit gesehen, es selbst groß zu ziehen. Der Brief war von Ihrer Mutter unterschrieben.“

Jonathan war auf merkwürdige Weise von Violettas Worten amüsiert. Das klang nach seiner Mutter, eine weitere kleine Geschichte. Carl Flynn, dass er nicht lachte. Hannah suchte seinen Blick, ihr Ausdruck war ganz ähnlich wie seiner, belustigt.

„Carl Flynn ist der Name einer Kinderbuchfigur“, sagte Hannah und Violetta blieb wie angewurzelt stehen.

„Meine Eltern haben mir die Geschichten von Carl und Molly Flynn unzählige Male vorgelesen“, sprach sie weiter.

Violetta setzte sich wieder hin, ihr schien das alles zu viel zu sein.

„Wären Sie so freundlich mir eine der Tabletten aus der ersten Lade dieser Kommode zu reichen und ein Glas Wasser?“, bat sie Hannah.

Hannah ging zur Kommode, öffnete die erste Lade und zog eine Schachtel Tabletten heraus.

„Diese hier?“

„Ja, Valium, bitte.“

Hannah verschwand kurz aus dem Zimmer und kam mit einem mit Wasser gefüllten Glas wieder, sie reichte Violetta das Glas und die Tablettenschachtel. Hannah und Jonathan sahen Violetta dabei zu wie sie mit ihren zitternden Fingern eine Valium aus der Packung drückte, sie mit ihren zitternden Fingern in den Mund steckte und ein wackelndes Glas an den Mund setzte und trank.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht unsensibel sein, ich hatte ja keine Ahnung“, erklärte sie entschuldigend.

Jonathan, dessen Wut verflogen war, war sein Ausbruch von vorhin nun höchst peinlich.

„Jetzt kennen Sie ja die Wahrheit“, meinte er, nun selbst entschuldigend.

„Habt Ihr Hunger?“, wollte Hannah wissen.

„Ich könnte essen“, meinte Jonathan, Violetta nickte.

„Ich habe nichts da“, verlautbarte Frau Korn.

„Keine Sorge, ich bestelle was beim Asiaten um die Ecke. Ich kann nicht kochen.“

Hannah zückte ihr Smartphone und recherchierte die passende Telefonnummer, dann sah sie kurz auf und erklärte:

„Ich bestell einmal Peking Ente, einmal Gong Bao und einmal Acht Schätze.“

 

„Was gedenkst du ihm zu sagen, wenn du ihn findest?“, fragte Violetta zwischen zwei Bissen Pekingente.

„Emil?“

„Ja.“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht“, gab Jonathan zu.

„Wieso willst du ihn eigentlich finden?“, fragte sie weiter.

„Na hallo, er ist immerhin mein Bruder.“

„Wirst du ihm von seinen Eltern erzählen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ich erinnere mich noch, dass wir damals zusammen ferngesehen haben. Mama, Papa, Emil und ich. Ich war sechzehn. Emil war übers Wochenende zu Hause, er hat in Innsbruck Theologie studiert, kam zum Wäsche waschen aber nach Hause. Er war mit zwanzig noch nicht fähig seine eigene Wäsche zu waschen, ist das zu glauben? Da haben sie in den Nachrichten von diesem Mordfall berichtet. Ich weiß noch wie empört und schockiert ich war und Mama auch. Der Papa hat gar nicht richtig zugehört, er war in seine Zeitung vertieft. Dann fiel der Name der Frau, die den Mord begangen hatte und meine Eltern warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Damals konnte ich ihn nicht deuten, heute weiß ich, sie haben den Namen wieder erkannt, der in schnörkeliger Handschrift unter dem Brief der leiblichen Mutter ihres Sohnes gestanden hatte. Der Brief ist übrigens auch in der Mappe, ganz am Schluss. Emil war der Einzige von uns, der nicht auf der Seite des Ermordeten stand. Er vermutete, dass diese Frau ihre Gründe gehabt haben musste. Er hat sich immer in Leute hineinversetzen können, wisst ihr? Das war fast schon unheimlich.“

Sie aßen mehrere Bissen ohne zu sprechen bis Violetta plötzlich so abrupt aufsprang, dass sie ihre Reisschale auf dem Teppich ausleerte. Ihr Blick war zuversichtlicher geworden, als Jonathan und Hannah ihn bisher zu Gesicht bekommen hatten.

„Ich weiß, wie wir ihn finden können!“

Sie verschwand einen Augenblick in einem der Zimmer, die man vom Gang aus begehen konnte und kam mit einem Stapel Postkarten wieder.

„Der Poststempel sagt uns wo die Karten abgeschickt wurden und das könnte uns helfen seinen Aufenthaltsort zu bestimmen!“

Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der ihr nicht stand, sie lächelte.

Amandas Geheimnis

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6

Sie waren vom Donaukanal, wo Jonathan sein Büro hatte, am Hundertwasserhaus vorbei zur Rasumofskygasse geschlendert. Hannah hatte darauf bestanden, dass sie zu Fuß gingen. Sie hatte auch darauf bestanden ihn zu begleiten. Clarissa und Dario würden ihnen mit dem Auto nachfahren und sie abholen. Die letzte Nacht hatten sie alle zusammen im Haus seiner Mutter verbracht. Hannah hatte sich das Zimmer mit Clarissa geteilt, Dario mit Jonathan. Er war sich vorgekommen wie im Ferienlager. Dario hatte kein Wort gesagt. Jonathan begann daran zu zweifeln, dass er überhaupt sprechen konnte. Durch das zügige Gehen wurden Hannahs Wangen rot, ihre Haut war heiß. Sie hatte einen ganz besonderen Gang. Ihr Kopf wackelte immer leicht im Takt mit ihren Schultern, wenn sie ihre Beine bewegte. Wer war diese Frau eigentlich, ertappte sich Jonathan dabei zu denken. Und warum half sie ihm? Ihm schoss ein Sprichwort durch den Kopf: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, stell keine Fragen. Zumindest hatte sein Großvater das immer so gesagt. Jonathan nahm also seinen ganzen Mut zusammen, streckte seine Hand aus und griff nach Hannahs. Sie zog ihre nicht weg.

 

Die Klingel mit Korn drückte Jonathan einmal lang. Als eine Frauenstimme aus der Gegensprechanlage fragte, wer da sei, sagte Hannah, bevor Jonathan antworten konnte:

„Post“ und sie wurden hinein gelassen. Das Stiegenhaus roch nach Erbsensuppe. Die Nummer 12 war ganz oben, der Lift war temporär außer Betrieb. Nach drei Stockwerken begann Jonathan heiß zu werden, er warf Hannah einen Seitenblick zu, sie schien gar nicht zu merken, dass sie sich körperlich betätigte, trotz ihrer hohen Schuhe. Im sechsten Stock waren sie endlich bei den Nummern 10, 11 und 12 angekommen aber Jonathan brauchte erst einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Hier oben war nichts mehr von dem Erbsensuppengeruch zu bemerken. Jonathan klopfte an die Türe mit der Nummer 12. Seine Hand erzeugte ein hohles Geräusch an der hölzernen Türe, das ihn prompt an das Klopfen erinnerte, das ihn in der dunklen Kammer erfreut hatte. Er hatte dort begonnen sich mit Klopfmelodien bei Laune zu halten. Eine rundliche Frau mit feuerroten Haaren öffnete die Türe. Zora, dachte Jonathan. Nein, sie war zu jung.

„Frau Korn?“

„Wer will das wissen?“, fragte sie misstrauisch.

„Mein Name ist Jonathan Meischner. Ich suche meinen Bruder.“

Sie hatte eine von Falten zerfurchte Stirn, dabei konnte sie nicht viel älter als er selbst sein.

Ihre Augen hatten sich geweitet, ihr Mund sich leicht geöffnet, sie gab ein leises Fiepen von sich. Sie verharrte so, bis Hannah ihre Hand auf ihre Schulter legte und ihr sacht über den Kopf strich.

„Bitte, kommen Sie herein“, sagte sie plötzlich und sie folgten ihr in die Wohnung.

 

„Ich bin Violetta Korn. Sie suchen nach meinem Bruder, meinem Adoptivbruder, Emil Korn, auch Pip genannt, wegen seinen großen Erwartungen.“

Sie hatte ihnen mit zitternden Händen Kaffee gemacht, das Service wirkte sehr nobel. Es musste ein Vermögen gekostet haben.

„Ich habe nie Gäste, für meine Gäste nur das Beste“, hatte sie gemurmelt und in der Küche hantiert, während Hannah sich die Gemälde an den Wänden ansah und Jonathan auf dem geräumigen Sofa Platz genommen hatte.

Violetta hatte sich Jonathan gegenüber, in einem Fauteuil niedergelassen, ihre Kaffeetasse ruhte auf ihrem Schenkel, ihre Hand zitterte. Hannah zog es vor zu stehen und machte ein Stehcafé aus der Wohnung. Jonathans Herz hatte in der letzten Minute so viele Hüpfer gemacht, dass er fürchtete, es würde bald mit ihm zu Ende gehen. Das war die Wohnung, in der sein Bruder gelebt hatte, in der er aufgewachsen war, geträumt hatte. Ihm war nie in den Sinn gekommen, dass er eine Schwester gehabt haben konnte.

„Sehen Sie, meine Eltern adoptierten Emil, weil sie bis dahin keine eigenen Kinder bekommen hatten. Ein Jahr nach seiner Adoption kam dann ich. Wie haben Sie mich gefunden?“

Jonathan erzählte ihr die ganze Geschichte, er fasste sie zusammen, so dass sie nur wenige Sätze einnahm.

„Und von Frau Junker habe ich erfahren, dass Ihre Eltern hier leben.“

Violetta sah zu Boden.

„Ich fürchte Frau Junker ist schlecht informiert.“

Erst jetzt viel Jonathan auf, dass sie gänzlich in schwarz gekleidet war.

„Unsere Eltern sind vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Das tut mir leid“, sagte Hannah.

Jonathan konnte es nicht sagen, es blieb ihm im Hals stecken.

„Wo ist Emil jetzt?“, fragte er stattdessen.

Sie antwortete nicht gleich. Als sie es tat, sah sie ihm direkt in die Augen. Ihre Augen waren wie Gesichter.

„Sie suchen Ihn und er sucht Gott. Er konnte nicht hier bleiben. Nach ihrem Tod hat ihn hier nichts gehalten, hat er gesagt. Auch nicht seine kleine Schwester, nicht seine Vio und im Land bleiben konnte er auch nicht. Er ist ausgewandert. Er lebt nun in Frankreich, in einem Kloster, als Mönch.“

Das also war die Verbindung nach Frankreich.

„In welchem Kloster? In welcher Stadt?“

Violetta sah ihn abwesend an.

„Ich weiß es nicht. Er wollte nicht gefunden werden. Er hat mich nicht informiert.“

„Hat er nie versucht mit Ihnen Kontakt aufzunehmen?“, fragte Hannah.

„Er schickt mir jedes Jahr zum Geburtstag eine Postkarte. Das ist alles.“

Jonathan schwieg einen Moment um die Schwester seines Bruders zu betrachten.

„Kann ich sein Zimmer sehen?“, fragte er und überraschte sich selbst.

Violetta zögerte. Ihr Mascara war an ihrem linken Auge verschmiert, ihm war gar nicht aufgefallen, dass sie geweint hatte. Sie sah ihn an, als hätte er den Papst gefragt, ob er katholisch sei.

„Es ist die dritte Türe links. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen keine Tour gebe aber mich regt das immer so auf ihre Zimmer zu betreten.“
Jonathan erhob sich langsam, stellte seine Kaffeetasse auf den Couchtisch und vergewisserte sich, dass Hannah ihm folgte. Der Gang mit den drei Türen auf jeder Seite war hell erleuchtet von Energiesparlampen. Einen Moment überlegte Jonathan seiner Neugierde nachzugeben und einen Blick in alle Zimmer zu werfen, er entschied sich jedoch dagegen. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er, selbst wenn er wollte, nichts tun konnte, dass seiner zurückhaltenden, ständig auf Etikette bedachten Erziehung entsprach. Er ließ seine Hand einen Moment auf der Klinke der dritten Türe auf der linken Seite ruhen. Mit Hannahs Atem im Nacken drückte er nach unten und die Tür schwang auf.

 

Er wusste nicht, was er erwartet hatte aber sicher nicht das. Das Zimmer war voll mit Ikonen. Von einer Wand lächelte ihm Maria mit dem Jesuskind entgegen, von einer anderen Johannes der Täufer, auf dem Schreibtisch befand sich eine hölzerne Statue von Christus am Kreuz. Ein einziges Bild zeigte nicht das Antlitz einer Heiligen, es war ein Familienfoto der Korns von dem alle vier die betrachtende Person anlachten. Emil musste etwa siebzehn gewesen sein, schätzte Jonathan. Er selbst war wohl kaum älter als sieben gewesen. Er konnte nicht anders als daran zu denken, dass er in diesem Jahr mit seiner Mutter ans Meer gefahren war. Sie waren mit dem Zug nach Slowenien gefahren, es war das erste Mal gewesen, dass er das Meer gesehen hatte. Er glaubte sich zu erinnern, dass er in diesem Urlaub einmal nachts aufgewacht war und seine Mutter hatte weinen hören. Aus Scham hatte er seinen Harndrang unterdrückt und hatte versucht wieder einzuschlafen. Vielleicht hatte sie einen Alptraum gehabt, eine Erinnerung an Herrn Samson, oder vielleicht hatte sie an ihren kleinen Emil gedacht. Es war eines der seltenen Male gewesen, dass Jonathan eine Gefühlsregung seiner Mutter miterlebt hatte. Sie, Tochter ihrer Mutter, war von der stoischen Art seiner Großmutter angesteckt worden, unfähig aus diesem Gefängnis auszubrechen. Und dann war sie wirklich in ein Gefängnis gekommen, aus dem sie nicht ausbrechen konnte und sein Leben war zur Hölle auf Erden geworden. Wie passend, dachte er, als er sich im Zimmer seines Bruders umsah. Er sah sich sein Bücherregal an und war überrascht im ganzen Zimmer keine Bibel zu finden. Hannah hatte es die Sprache verschlagen. Sie schien unfähig zu artikulieren, was sie dachte. Jonathan handelte wider seinen Instinkt und setzte sich auf das frisch gemachte Bett, er roch an der Decke, auf der sich eine Staubschicht angesetzt hatte. Er roch Bergamotte, entfernt aber doch. Was für ein Leben hatte sein Bruder gehabt? Er wollte es herausfinden.

„Lass uns die Wahrheit ans Licht bringen“, sagte er mehr zu sich als zu Hannah.

Sie nickte und verließ als erstes den Raum. Jonathan folgte ihr.

 

„Ich habe viele Fragen“, begann Jonathan.

Er hatte Violetta in derselben Position wie zuvor gefunden. Ihr Blick war unleserlich.

„Was wollen Sie wissen?“, fragte sie unmotiviert.

„Wie war eure Kindheit?“

Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Kunterbunt und biologisch. Würde ich sagen, wenn ich es zusammenfassen müsste. Meine Mutter war hoffnungslos chaotisch. Sie verlegte ständig ihre Sachen. Mein Vater hingegen hatte ein ausgeklügeltes Ordnungssystem, das er auf die Unordnung seiner Frau anwandte und sie damit zur Weißglut brachte, weil sie dann nichts mehr fand. Aber sie fand auch in ihrem Chaos nichts. Wenn wir mit unserer Mutter irgendwohin gingen, kamen wir immer mindestens zehn Minuten zu spät, mit unserem Vater waren wir zehn Minuten zu früh. Sie war unsympathisch zu spät und er unsympathisch pünktlich. Während unsere Mutter ihr Leben meist ihrer Arbeit widmete, sie sprach häufig über die Wichtigkeit von Uterus und Ovarien, Wörter, die ich als Kind nicht verstand; übernahm Papa die Erziehung. Er hatte hier gegenüber seinen eigenen Kindergarten aufgemacht und Emil und ich sind da auch hingegangen. Papa war ein Verfechter der Freiheit, er hatte seine Diplomarbeit über Kants Freiheitsbegriff in Bezug auf die Erziehung von Kindern geschrieben und lebte mit uns täglich seine Thesen. Er war geneigt uns nichts zu verbieten, er sprach gelegentlich Empfehlungen aus, ließ uns aber immer die Freiheit selbst zu entscheiden. Das ging so weit, dass er sich weigerte uns Ratschläge zu geben, wenn wir nicht wussten, was zu tun war. Er zitierte dann unterschiedliche philosophische Herangehensweisen und ließ uns eine davon wählen. Wenn sich später herausstellte, dass wir die falsche Entscheidung getroffen hatten, gab es zur Aufmunterung Schokoladencremetorte von Oberlaa. Er zwang uns stets Stellung zu beziehen und präzise kundzutun, warum wir die entsprechende Meinung vertraten und auf Grund dieser eine Entscheidung trafen. Mama, die eine weniger radikale Einstellung zur Freiheit hatte, wurde zu unserer Quelle der Weisheit. Sie stand immer mit Rat zur Seite und erwartete nicht von ihren Kindern alle Belange selbst in die Hand zu nehmen. Ich weiß nicht, wie oft sich unsere Eltern deswegen gestritten haben.“

Sie hielt inne, um einen Schluck Kaffee zu nehmen und fuhr dann fort:

„Emil und ich hatten beide in Deutsch immer die besten Noten, weil wir von unserem Vater gefordert wurden viel zu lesen und präzise zu denken und zu sprechen. Als ich vierzehn war, wollte meine Deutschlehrerin mich durchfallen lassen, weil sie nicht glauben konnte, dass ein Mädchen in meinem Alter über ein solches Vokabular verfügen konnte. Sie war sicher, ich hatte die Schularbeit von einem erwachsenen Menschen schreiben lassen und sie dann auswendig gelernt. Papa musste in die Schule kommen und der Frau erklären, dass ich die Arbeit selbst geschrieben hatte. Ich weiß noch, er war immer fröhlich, freundlich, lächelte.“

„Wurdet ihr in irgendeiner Weise religiös erzogen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Papa, ein überzeugter Atheist, fand, dass es jedes Menschen freie Entscheidung war, einen religiösen Glauben zu haben oder nicht. Emil hat bereits als Kind darauf bestanden, in die Kirche zu gehen, er betete täglich. Sein Taschengeld sparte er für Heiligenbildchen die er auf Flohmärkten kaufte.“

„Hat er jemals Fragen zu seinen leiblichen Eltern gestellt?“

„Nicht, das ich wüsste.“

„Weiß er, wer seine Mutter ist? Wer sein Vater?“

Jonathan hatte das Wort Vater beinahe vor ihre Füße gespuckt.

„Alle Informationen, die unsere Eltern hatten waren in einer Mappe im Bücherregal in ihrem Schlafzimmer. Das wusste er, sie sagten, wann immer er wollte, könnte er nachlesen. Ich weiß nicht, ob er es je getan hat.“
„Haben Sie jemals nachgelesen?“

Sie nickte leicht.

„Dann wissen Sie also Bescheid.“

Sie nickte noch einmal. Sie schwiegen einen Moment. Hannah war im Türrahmen zwischen Gang und Wohnzimmer stehen geblieben und hörte zu.

„Dürfte ich einen Blick in die Mappe werfen?“, bat Jonathan.

Sie nickte und Hannah verschwand einen Moment, um dann mit einer dünnen grünen Mappe wiederzukehren. Sie reichte sie Jonathan.

„Danke.“

Er atmete tief durch, bevor er sie öffnete.