Meine kleine, heiße Schwalbe

© dietintenfisch

Seit sie sich erinnern konnte, mochte sie Vögel. Allgemein, Geschöpfe, die fliegen konnten, aber im Besonderen Vögel. Sie wusste nicht, woher diese Vernarrtheit kam, irgendwie war sie einfach da. Sie waren ehrlich. Wenn sie neugierig waren, oder hungrig, kamen sie herbei, schauten zum Fenster herein, oder näherten sich einem im Park. Und wenn sie nicht mehr verweilen wollten, flogen sie einfach davon. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, einfach so ihre Flügel ausbreiten und wegfliegen zu können? Dann würde sie aufsteigen, in die Lüfte, und über allem schweben, alles hinter sich lassen. Die Geräusche der Stadt, die Motoren, die Stimmen, die Menschen. Alles würde plötzlich ganz klein werden, kleiner und immer kleiner, bis sie all die bunten Punkte nicht mehr voneinander unterscheiden würde können. Sie beneidete die Vögel. Und dachte an letzten Sommer. Eine Schwalbe war durch ein Fenster herein geflogen und hatte sich beim Anschlagen an einem Möbelstück, den Flügel geprellt. Das Tierchen hatte sich vor Angst am Boden gekrümmt, mit seinem Schnabel um sich gehackt, beim Versuch es anzufassen. Sie hatte schließlich ein paar Körner in der Wohnung verstreut und die Schwalbe hatte sie gierig aufgepickt. Der Vogel hatte sich schließlich anfassen lassen, ganz sanft, und dabei hatte sie gemerkt, wie heiß der kleine Körper gewesen war. Sie würde diesen Tag nicht mehr vergessen. Es war der Tag, an dem sie ihre kleine, heiße Schwalbe getroffen hatte. Nach einer Stärkung durch Körner und Wasser und einem leicht unbeholfenen Start, war die Schwalbe zurück ans Fenster geflogen, hatte einen Moment ihr Köpfchen zurück gewandt, wie um zu sagen, „Schau, wie toll ich fliegen kann“. Dann folgten das majestätische Ausbreiten der Flügel und das Absetzen, hinauf in die Lüfte. Und dann war das Vögelchen verschwunden. Die Schwalbe mochte sie verlassen haben, aber nicht die Erinnerung an sie. Seitdem ließ sie jeden Tag ihr Fenster offen, egal, ob Winter oder Sommer, und wartete auf ihre kleine, heiße Schwalbe.  Sie hatte ein paar neugierige Besuche von Tauben und Spatzen bekommen, daher hatte sie sich angewöhnt stets ein Stückchen Brot am Fensterbrett liegen zu haben. Einmal hatte sogar eine Krähe bei ihr vorbei geschaut, weil ihre Eltern sie aus dem Nest geschmissen hatten, damit sie das Fliegen lernte. Aber es schien, als wollte sie das Fliegen noch nicht lernen. Sie hopste herum, auf ihren langen, dürren Beinen und bedienter sich ihrer Flügel nur wenn es nicht anders möglich war. Ihr Flug glich dem Gang eines Betrunkenen. Taube, Spatzen, Krähe, Schwalbe. Sie wartete auf ihre kleine, heiße Schwalbe, mit dem geprellten Flügel. Aber sie kam nicht.

Amandas Geheimnis

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Epilog:

Jonathan trat durch die Türe und erblindete einen Moment, weil sich der Wechsel von der Dunkelheit der Kirche zum Mittagslicht des Gartens für ihn zu schnell vollzogen hatte. Nach einigen Sekunden und heftigem Blinzeln erkannte er Schemen. Da war ein Blumenbeet; Rosen; und ein Mann, der es pflegte. Er trug eine Mönchskutte und einen Hut gegen die Hitze. Die Kutte, die an Pater Mairiere so stramm ausgesehen hatte, verschluckte ihn beinahe. Seine Hände waren voller Erde, er war dabei die Rosen mit einer überaus großen Gartenschere zu Recht zu schneiden. Er summte lächelnd vor sich hin. Er sah verdammt jung aus. Violetta und Clarissa kamen hinter ihm her, Violetta stützte die ältere Frau. Sie warf einen Blick auf den Mann im Rosenbeet, prüfend, dann mit Wiedersehensfreude. Bevor sie auf ihn zu stürmen, oder nach ihm rufen konnte, reagierte Jonathan.

„Herr Korn?“, fragte Jonathan vorsichtig.

Er war ein paar Schritte weiter nach vorne getreten, so dass Emil ihn aber nicht Violetta und Clarissa sehen konnte, die vor der Türe, hinter der Ecke warteten.

Das Summen verstummte, der Mann ließ die Schere sinken und drehte sich zu ihm um.

„So hat mich lange niemand mehr genannt“, sagte er und es wirkte als wäre er selbst überrascht vom Klang seiner Stimme.

„Sie sind ein schwer zu findender Mann.“

„Ja“, er nickte leicht, sein Lächeln war verschwunden.

„Mein Name ist… Jonathan. Ich schreibe eine Reportage über Waisen in Klöstern. Ich wollte ihnen ein paar Fragen stellen“, sagte Jonathan weil ihm nichts Besseres einfiel.

„Für welche Zeitung schreiben Sie?“

„Für den Standard“, Jonathan war überrascht wie leicht ihm das Schwindeln fiel.

„Ich spreche nicht mit Journalisten über mein Privatleben. Ich spreche mit niemandem über mein Privatleben.“

Jonathan war sich sicher, dieser Mann war sein Bruder. Er hatte Amandas Gesichtszüge. Jonathan lächelte. Wenn jetzt nur Hannah bei ihm wäre.

„Ich verstehe.“

„Außerdem sind Sie falsch informiert. Ich bin kein Waise.“

„Verzeihen Sie bitte die Störung. Ich dachte nur sie hätten vielleicht gerne Ihre Lebensgeschichte erzählt. Schließlich passiert es nicht alle Tage, dass-“.

Bevor er den Satz beenden konnte, stürzte Violetta hinter der Ecke hervor und schrie um Hilfe. Clarissa war in Ohnmacht gefallen. Emil erkannte seine Schwester, schien einen Moment verunsichert, ob er nicht träumte und dann eins und eins zusammen zu zählen.

 

 

 

Amandas Geheimnis

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10

Jonathan hätte es nicht über sich gebracht, zu fahren, ohne Violetta Bescheid zu geben. Sie hatte in kürzester Zeit Flugtickets für sie gebucht und ihren Koffer gepackt. Als er sie am Flughafen zwischen all den Leuten ausmachte, fand er sie sah aus, als hätte sie nicht viel geschlafen, sie trug ein vornehmes Kostüm und hielt einen winzigen Koffer in ihren Händen. Um die Stimmung aufzulockern scherzte Jonathan, ob sie vorhatte auszuwandern, mit all ihrem Gepäck. Sie beteuerte nichts mehr als eine Haarbürste dabei zu haben, das war alles was sie brauchte. Die Begrüßung von Violetta und Clarissa war höflich ausgefallen. Clarissa mochte Violetta, das konnte Jonathan sehen, ihr gefiel ihre zurückhaltende aber bestimmte Art, ihr gefiel, dass sie kein Geld von ihnen für die Flugtickets annahm. Sie waren sehr früh am Flughafen gewesen, nachdem Check in und der Sicherheitskontrolle hatten sie noch mehr als eine Stunde bis ihr Flieger ging. Sie setzten sich in ein Burgerrestaurant und Jonathan musste schmunzeln, weil die zwei so feinen Damen in seiner Gesellschaft so absolut nicht in diesen Laden passten. Nachdem sie Platz genommen und Violetta einen Cheeseburger und Clarissa einen Beefburger bestellt hatten, Jonathan merkte, dass er nichts essen konnte und fragte sich warum, richtete Violetta ihren Blick auf Jonathan.

„Wo ist Hannah?“

Er fragte sich, wie lange sie diese Frage schon hatte stellen wollen. Jonathan spürte einen Stich in seiner Brust beim Erwähnen dieses Namens.

„Hannah lies“, sagte er, als wäre das eine Antwort.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie treffend sie ihren Bühnennamen gewählt hatte.

„Sie ist weg vom Fenster“, sagte Clarissa, damit ihr Enkel nicht antworten musste.

Violetta schien nicht zufrieden mit dieser Antwort.

„Und woher hast du Emils Adresse?“

Jonathan zögerte, dann nahm er den Brief seiner Mutter aus seiner Jackentasche und reichte ihn Violetta. Je weiter sie las, desto mehr zitterten ihre Hände. Als sie das Ende des Briefs erreicht hatte, sah sie Jonathan einen Moment an. Dann legte sie ihre Hand auf seinen Arm, um ihm Trost zu spenden und seltsamerweise half ihm diese Geste. Ein Kellner mit Glatze brachte ihre Burger und für einige Zeit aßen sie schweigend. Jonathan nippte an seiner Orangenlimonade, die er statt etwas zu Essen bestellt hatte. Violetta wandte sich an Clarissa:

„Sie hätten mich wirklich einweihen können. Wissen Sie eigentlich, wie sehr mich diese Sache aufwühlt?“

Es war ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören. Clarissa reagierte nicht, sie schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte. Violetta nahm einen Bissen von ihrem Hamburger und tunkte ein Pommes in die Sauce auf ihrem Teller. Sie leckte sich ihre fettigen Finger ab und sprach weiter.

„Wie kommen Sie dazu, Ihrem Enkel so etwas anzutun? Wie kommen Sie dazu einer völlig Fremden so etwas anzutun? Haben Sie gar nicht an die Folgen gedacht?“

Clarissa nahm wortlos einen Brief aus ihrer Jackentasche und reichte ihn Violetta.

„Was ist das?“

„Lesen Sie“, war alles was Clarissa sagte.

Jonathan hatte seine Limonade ausgetrunken und bestellte eine zweite. Violetta las zuerst leise, dann laut.

Frau Mutter,

ich bitte Sie inständig, kontaktieren Sie meine Schwester. Vio ist eine zarte Seele. Ich glaube, mein Verschwinden hat sie hart getroffen. Es ist mir ein Anliegen, dass sie erfährt wo ich bin. Ich weiß, ich könnte ihr selbst einfach schreiben, sie anrufen, mich melden. Ich habe es unzählige Male versucht, hatte den Hörer schon in der Hand, saß vor dem unbeschriebenen Blatt Papier doch es kam nichts. Bitte geben Sie ihr ein Lebenszeichen von mir, richten Sie ihr aus, dass es mir gut geht, dass ich an sie denke.

Hochachtungsvoll,

Ihr verlorener Sohn,

Emil

Violetta verstummte einen Moment. Jonathans Herz raste. Diese Worte hatte sein Bruder geschrieben. Er konnte es kaum glauben.

„Sie wollten, dass Jonathan mich kontaktiert. Er hat mich gefunden, weil Sie es so wollten. Sie hätten dennoch den Wunsch meines Bruders erfüllen können und mir seine Botschaft ausrichten, ohne dass ich erfahren musste, dass er einen Halbbruder hat, der sein Leben lang nichts von ihm wusste, der sein verschmitztes Gesicht nicht kennt, wenn er Kuchen stiehlt, der seinen watschelnden Gang nicht kennt, der nichts von ihm weiß und plötzlich fordert wegen einer leiblichen Verwandtschaft etwas über ihn zu erfahren, wenn ich selbst nichts mehr über ihn weiß, weil ich nicht weiß, wo er ist. Wissen Sie eigentlich, wie sehr ich die letzten fünf Jahre gelitten habe? Sie hätten das mit einem Satz beenden können. Denken Sie ich bin Ihre Marionette?“

„Es war meiner Tochter und mir wichtig, dass ihr beide euch kennen lernt. Und zwar auf natürliche Weise. Wenn wir Sie kontaktiert hätten, hätten wir Ihnen von Jonathan erzählen müssen, dann hätten Sie ihn erwartet. Sie wären nicht authentisch gewesen. Das wollten wir vermeiden.“

Clarissas Stimme war kraftlos. Sie schien hin und hergerissen zwischen einer Rechtfertigung gegenüber dieser Fremden und einer Erklärung ihres Verhaltens. Sie begnügte sich damit zu schweigen. Violettas Stimme hatte an Stabilität gewonnen, sie schien zum Angriff bereit. Jonathan legte seine Hand auf ihren Arm und gab ihr damit zu verstehen, dass es keinen Sinn hatte sich über Clarissa und seine Mutter aufzuregen. Sie sah ihn angriffslustig an, ein paar Sekunden lang, dann sagte sie:

„Ich bevorzuge es selbst Entscheidungen über mein Leben zu treffen.“

Ihre Stimme bebte aber mehr sagte sie nicht. Jonathan sah seine Großmutter an, der er ansah, dass die Botschaft angekommen war. Wie für sie üblich, gab sie als einzige Regung ein Nicken von sich, was auch immer das heißen mochte. Sie aßen schweigend auf und Clarissa zahlte für alle, niemand erhob Einspruch. Es war ihre Art sich zu entschuldigen.

Die Flugbegleiterinnen huschten hin und her und vergaben Getränke an die Fluggäste, ein Kind weinte, von zwei Sitzreihen weiter hinten dröhnte Musik über Kopfhörer an seine Ohren. Während des ganzen Fluges war Jonathan schlecht vor Aufregung.

Vom Flughafen aus waren es noch zwei Stunden mit dem Bus. Violetta kaufte die Fahrkarten und fand heraus, wann sie aussteigen mussten. Clarissa klagte zunehmend öfter über schmerzende Glieder und Erschöpfung. Jonathan versuchte dem keine Beachtung zu schenken, aber ihre Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Das war ihre letzte Reise. Während der Busfahrt dachte er darüber nach, was er zu Emil sagen würde, wenn er vor ihm stand. Seine Übelkeit hatte ein Ausmaß angenommen, dass er kaum ertragen konnte. Seine Gesichtsfarbe hatte ein ungesundes grünblass angenommen und er musste sich bemühen nicht zu erbrechen. Als er dachte seine Magensäfte nicht mehr halten zu können, blieb der Bus an der Endstation stehen. Jonathan griff nach seinem Rucksack und rannte hinaus, um sich auf den Rasen neben der Bushaltestelle zu übergeben. Er bemerkte, dass er angewiderte Blicke zugeworfen bekam, manche Menschen stießen Laute des Ekels aus, glückicherweise konnte er nicht verstehen, was über ihn getuschelt wurde. Violetta eilte zu ihm und reichte ihm eine Flasche Wasser, deren Inhalt er gierig verschlang. Er gurgelte und spuckte das Wasser wieder aus, trank ein paar Schlucke und stützte sich auf Violetta. Seine Knie waren weich geworden. Der Busfahrer war ausgestiegen um eine Zigarette zu rauchen. Clarissa mühte sich ab die Koffer aus der Gepäckablage zu hieven, weil der Busfahrer ihr nicht half. Violetta verfrachtete Jonathan auf die Bank, die an der Busstation stand und eilte zu seiner Großmutter, um ihr mit den Koffern zu helfen. Sie verfrachtete Clarissa und das Gepäck neben Jonathan auf die Bank und ging auf den Busfahrer zu.

„Pardon Monsieur, nous cherchons le monastaire.“

Sie fragte ihn nach dem Weg zum Kloster in der Stadt. Er zuckte mit den Schultern, nicht ohne Violetta von oben bis unten zu mustern.

„Qu-est ce que tu fais ce soir?“ fragte er anstatt ihr zu antworten.

„Ganz bestimmt nichts mit dir“, sagte sie und spuckte ihm vor die Füße.

„Qua?“ fragte er empört.

Violetta ließ ihn stehen und wandte sich Clarissa und Jonathan zu.

„Lasst uns in die Stadt gehen und bei der Touristeninformation nach dem Kloster fragen.“

Clarissa schüttelte den Kopf.

„Das wird nicht nötig sein.“

Sie deutete hinter Violetta. Als sie sich umdrehte sah Violetta ein gigantisches Kloster in den Himmel ragen. Es hatte beige Steinwände und dunkle kegelförmige Dächer auf seinen Türmen.

—-

Sie saßen seit einer halben Stunde zwischen ihren Reisetaschen auf der Bank der Bushaltestelle. Clarissa hatte von einem fahrenden Händler Mangos gekauft und nun waren ihre Finger voll mit Mangosaft. Jonathan verzichtete darauf einen Bissen zu nehmen, sein Magen hatte sich zwar etwas beruhigt, jedoch wollte er keinen zweiten Vomitus provozieren. Violetta kaute auf ihren Nägeln herum. Keiner von ihnen sprach es aus aber bisher war der Gedanke Emil zu finden eben das gewesen, eine abstrakte Idee, doch jetzt als sie so nah dran waren ihn tatsächlich aufzuspüren, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Clarissa machte den ersten Schritt. Sie steckte sich das letzte Stück Mango in den Mund, wischte ihre Hände an ihrem Kleid ab und sagte:
„Ich will jetzt meinen Enkel sehen.“

Sie erhob sich schwerfällig und reichte Jonathan die Hand. Er nahm sie in seine und führte seine Omi auf das große Tor zu. Violetta folgte hinter ihnen. Der Temperaturwechsel von der französischen Sommerhitze zu der angenehmen Kühle im inneren der Kirche überraschte nicht, jedoch tat der Wechsel von hell zu dunkel ihnen einen Moment in den Augen weh. Beim Eingang war ein Schalter bei dem Eintrittskarten verkauft wurden. Ein großer fleischiger Mönch saß dort und sah grimmig drein, seine Kutte spannte an seiner Brust, an welcher ebenso ein Namensschild mit der Aufschrift Pater Mairiere befestigt war. Violetta wechselte ein paar Worte mit ihm auf Französisch, sein Gesicht hellte sich auf und er ließ sie gratis hinein. Als sie hinter der Absperrung waren und einen Moment ehrfürchtig schweigend die Wände und die Decke ansahen, die mit Malereien, Goldstatuen und bunten Glasfenstern verziert waren beobachteten fragte Jonathan:

„Was hast du zu ihm gesagt?“

„Dass wir von der Presse sind und einen Artikel über das Kloster schreiben.“

„Und er wollte keinen Ausweis sehen?“

„Nein.“

„Warum hast du ihm nicht die Wahrheit gesagt? Vielleicht kennt er Emil und hätte uns gesagt, wo wir ihn finden können.“

„Wer weiß, ob er uns sehen will. Besser, er weiß nicht, dass wir kommen.“

„Und was willst du jetzt machen? Hier sitzen und warten bis er kommt?“

„Warum nicht?“

„Meine Knochen schmerzen in der Kälte. Lasst uns lieber in den Klostergarten gehen, da ist es warm“, schlug Clarissa vor.

„Klostergarten?“, fragte Jonathan.

Clarissa deutete auf ein Schild an der Wand, das den Weg zum Klostergarten wies. Er nickte und führte seine Großmutter weiter am Arm. Sie schnaufte.

„Willst du dich setzen? Sollen wir eine Pause machen?“

„Nein!“, sagte Clarissa energisch.

Also gingen sie weiter. Violettas Schritte klangen wie Kinderfüße auf dem Steinboden. Die Haut seiner Großmutter hatte sich noch nie so alt und schwer angefühlt wie in diesem Augenblick. Jeder Schritt fühlte sich an wie eine Wallfahrt, sie schienen langsamer und langsamer zu werden. Je näher die Türe kam auf der in großen geschwungenen Buchstaben Klostergarten stand, desto weiter weg erschien sie. Und dann standen sie auf einmal davor, Jonathan legte seine Hand auf die Klinke und drückte sie herunter.

Was ist aus dir geworden?

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Es gab eine Zeit, da haben wir zusammen gelacht,

jeden Satz für den Anderen zu Ende gedacht.

Wir haben uns jeden Tag gesehen,

wir wollten überallhin mit einander gehen.

Jetzt frage ich mich, was ist aus dir geworden?

Lebst du in deinem Traumhaus im hohen Norden?

Bist du bei den Fjorden, wie du es immer wolltest?

Säuberst du Rauchfänge, oder produzierst du liebliche Klänge?

Hast du deine Ziele erreicht? Hast du deine Haare gebleicht?

Was ist aus dir geworden?

Hast du Kinder oder Rinder?

Bist du noch, wer du früher warst? Oder lebst du jetzt in einem Karst?

Amandas Geheimnis

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9

Jonathan war auf Hannahs warmem Körper eingeschlafen, er hatte ihre Haut berührt und ihren Geruch inhaliert. Er hatte ihre Lippen auf seinen gespürt, ihr Schweiß hatte sich mit seinem vermengt. Ein Lichtstrahl fiel durch einen Spalt zwischen den Vorhängen in sein Gesicht und machte ihn wach. Jonathan wollte noch einen Moment liegen bleiben, einen Moment länger genießen, dass Hannah neben ihm lag, unter ihm, das Bett mit ihm teilte. Sein Arm war unter seinem Torso eingeklemmt, er wechselte seine Position, ohne die Augen zu öffnen. Er wollte Hannah einen Guten Morgen-Kuss geben, er wollte ihr süßes Lächeln sehen. Jonathan zwang sich dazu ein Auge zu öffnen. Keine Hannah. Er öffnete auch das Zweite. Hannah war fort. Wahrscheinlich war sie in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen. Er raffte sich auf, wischte sich über die Augen, der Wein hatte ihm nicht gut getan, er spürte ihn in seinen Gliedern, bei jeder Bewegung, in seinem Kopf. Gerade als Jonathan aufstehen und sein Zimmer verlassen wollte, klopfte es an seiner Türe.

„Komm rein“, sagte er lächelnd.

Die Türe öffnete sich und sein Lächeln erstarb. Vor ihm stand Clarissa.

Sie bedeutete ihm schweigend ihr zu folgen. Ihr langsamer, humpelnder Gang verstärkte das Unbehagen, das sich seit sie vor der Türe gestanden war, in Jonathan ausgebreitet hatte. Sie hatte keine Worte gebraucht, um ihm zu verstehen zu geben, dass etwas vorgefallen war. Jonathan folgte ihr den Gang entlang, die Stiegen hinunter in das Esszimmer und erstarrte. Der Kandinsky war weg. Er sah sich um, setzte an etwas zu sagen. Seine Frage, was mit dem Bild passiert war, beantwortete er sich selbst, indem er einen Blick aus dem Fenster warf. Die Limousine war verschwunden. Das Gemälde war weg, Hannah war weg, die Limousine war weg.

„Wie um alles in der Welt konnte das passieren?“

Jonathan stand mit offenem Mund da. Clarissa antwortete nicht. Es hatte ihr die Sprache verschlagen. Ich bin eine Welle. Erst jetzt verstand Jonathan Hannahs Worte. Sie baute sich langsam auf, nahm mehr und mehr Platz ein, wurde so groß, dass man sich ihr nicht entziehen konnte, nur um dann zu zerplatzen. Hitze stieg in ihm auf. Er ging ein paar Schritte auf die nackte Wand zu, an der zuvor der Kandinsky gehangen war, um nach dem Telefon zu greifen, das daneben auf einem Hocker stand. Er nahm den Hörer und war im Begriff zu wählen, als ihm etwas ins Auge stach. Jonathan legte den Hörer wieder auf die Gabel und ging ganz nah an die Wand. Da klebte etwas. Ein Stück Papier? Nein, ein Kuvert, so weiß wie die Wand, sodass er es im ersten Moment übersehen hatte. Er wandte sich seiner Großmutter fragend zu, die am Esstisch platzgenommen hatte. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Jonathan griff nach dem Kuvert, löste die Klebestreifen von der Wand und öffnete den Umschlag. Seine Hände zitterten, die Hitze in ihm wurde unerträglich. Er hatte das merkwürdige Gefühl sich setzen zu müssen und ließ sich auf dem Boden nieder. Erst dann nahm er das Blattpapier aus dem Umschlag und las was darauf stand.

Mein lieber Jonathan,

bitte entschuldige. Ich weiß bereits seit längerem, wo sich dein Bruder befindet. Ich habe vor drei Jahren über eine Zeitungsannonce Kontakt zu ihm aufgenommen und seitdem schreiben wir uns Briefe. Ich bin der einzige Mensch, dem er seinen Aufenthaltsort anvertraut hat. Wahrscheinlich, weil er weiß, dass ich ihn nie besuchen werde können. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dir sagen soll, wo du ihn finden kannst. Mama und ich fanden, du könntest ein Abenteuer vertragen. Wir haben alles auf deinen dreißigsten Geburtstag gelegt. Wir wollten dir endlich die Chance geben aus dem Schneckenhaus auszubrechen, in das wir dich dein Leben lang gezwängt haben. Wir wollten dich zwingen deinen Weg zu gehen, endlich dein Leben zu leben. Ich habe mir immer für dich gewünscht, dass du deinen Weg findest. Ich fürchte, das ist mir misslungen. Das Abenteuer erforderte viel Planung, zunächst musste ich dir die Wahrheit sagen. Dann engagierte Mama Hannah und Dario. Sie sollten dein Vertrauen gewinnen, sich mit dir anfreunden, dir helfen. Sie sind Geschwister, verwaist, leben von Hannahs Gage als Sängerin und Darios Gehalt als Chauffeur. Als Bezahlung für ihre Dienste wollten sie den Kandinsky. Er ist mehr wert, als sie beide zusammen in einem Jahr verdienen könnten. Mama und ich gaben dir nur die notwendigen Informationsstücke, die du brauchtest, um selbst Nachforschungen anzustellen. Dass du die Antwort hinter dem Bild finden würdest, ist eine meiner besseren Ideen. Mama hat diesen Brief vor ein paar Wochen dahinter versteckt. Wenn du diesen Brief liest, bist du am Ende deiner Suche angekommen. Im Kuvert findest du Emils Kontaktdaten beigelegt. Es steht dir frei ihn zu kontaktieren oder nicht. Er weiß nichts von dir. Die Tatsache, dass er adoptiert ist, aus einer Vergewaltigung entstanden, mit einer Mutter im Gefängnis, schien mir für den Anfang genug der Wahrheit. Dass er einen kleinen Bruder hat, einen unglücklichen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, wollte ich mir für einen Moment aufsparen, in dem ihm dieser Gedanke Trost spendet. Oder du tust es einfach selbst.

Ich hoffe, wir haben dich nicht zu sehr verärgert.

In Liebe,

deine Mutter, Amanda.

Jonathan ließ den Brief sinken und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Einen Moment blieb er so sitzen, dann anders als Clarissa erwartet hatte, begann er schallend zu lachen. Er war von sich selbst überrascht, hatte er doch nicht gedacht, dass er noch genug Kraft dafür in sich tragen würde. Er fühlte sich wie verdaut und ausgespuckt. Verkatert, müde, verwundet.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, hörte er die Stimme seiner Oma vom Tisch zu ihm herüber klingen.

Anstatt ihr zu antworten, lachte er noch mehr, legte sich nun ganz auf den Boden, kugelte sich vor Lachen.

„Was ist nur in dich gefahren?“

Sie hatte den strengen Tonfall angenommen, mit dem sie ihn als Kind oft zurechtgewiesen hatte, wenn er Unfug gemacht hatte. Jonathan holte tief Luft und hörte schlagartig auf zu lachen. Er erhob sich vom Boden und ging die wenigen Schritte zum Esstisch. Er nahm neben seiner Großmutter Platz, legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und sagte:

„Ich sollte also ein Abenteuer erleben? Das ist euch gelungen. Ihr habt die Fäden lange genug gezogen. Jetzt entscheide ich. Ich fliege nach Frankreich. Heute noch.“

Er sprach ohne seine Stimme zu erheben, ohne laut zu werden, ganz ruhig. Alle Emotion war mit dem Lachen aus ihm gewichen. Er war jetzt nur noch unendlich erschöpft.

„Geh vielleicht duschen, bevor du aufbrichst. Du hast schon mal frischer ausgesehen.“

Er sah Clarissa in die Augen und glaubte für einen Moment so etwas wie Mitgefühl in ihnen aufflackern zu sehen aber dann hatte sie wieder ihren altbekannten strengen Blick. Sie hatte ihn zwar beleidigt aber immerhin schien sie verstanden zu haben, ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen zu können. Er verschwand ins Badezimmer.

Er wollte sich reinwaschen. Dreck weg, Schweiß weg, Schmerzen weg. Hannah weg. Jonathan hatte nie an die angeblichen Heilkräfte von Wasser geglaubt, als er aus der Dusche stieg musste er jedoch feststellen, dass zumindest seine Kopfschmerzen und sein Schwindel verschwunden waren. Jetzt noch eine starke Tasse Kaffee und er war wieder wie neu. Naja fast. Er hatte sich einen Bademantel seines Großvaters angezogen, war barfuß in die Küche geschlüpft und hatte Kaffee aufgestellt. Er hatte das Eintreten von Clarissa nicht bemerkt.

„Du siehst aus wie er.“

Einen Moment dachte er, sie meinte es als Kompliment, dann fügte sie hinzu:

„Unheimlich, wie wenn er von den Toten zurückgekommen wäre.“

In diesem Moment, als er dastand, nackt unter dem Stoff, barfuß mit nassen Haaren, hinter ihm der kochende Kaffee am Herd, wurde ihm klar, dass er nicht der Einzige war, dem das Herz gebrochen worden war. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass Clarissa, seine Omi, auch all die Verluste erlebt hatte, die er erlebt hatte. Nicht nur er hatte seinen Großvater verloren, sondern auch sie ihren Mann, nicht nur er hatte seiner Mutter Lebwohl gesagt, sondern sie auch ihrer Tochter und nicht nur er war um seinen Bruder gebracht worden, sondern sie auch um ihren Enkel. Sie war mit ihm alleine gewesen, eine ältere Dame, stets elegant gekleidet und sehr belesen, mit dieser gewählten Ausdrucksweise, sicherlich hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie war nicht nur körperlich, auch finanziell, gar nicht in der Lage gewesen sich um ihn zu kümmern. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Er goss Kaffee in eine Tasse, leerte Milch darauf und gab zwei Stücke Zucker hinzu.

„Fehlt er dir?“, fragte er.

 „Mit jedem Atemzug.“

„Kommst du mit nach Frankreich?“

„Ich bin alt.“

Er zuckte mit den Achseln, um ihr zu zeigen, dass er nicht verstand, was das heißen sollte. Er nahm einen Schluck Kaffee und achtete darauf, wie er ihm die Kehle herunter rann.

„Wenn ich diese Reise mache, wird es meine letzte sein.“

„Ich fühle es in meinen Knochen. Ich werde endlich zu ihm gerufen.“

Amandas Geheimnis

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8

Violetta sprach schnell. Jonathans Schulfranzösisch reichte nicht aus, um ihr folgen zu können. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sie gar nichts über sie gefragt hatte, er war gekommen, mit der Tür ins Haus gefallen und hatte ihr nur Fragen zu ihrem Bruder gestellt. Der auch sein Bruder war. Violetta nickte ein paar Mal und sagte „Oui je comprends“ oder „D’accord“, dann legte sie auf. Ihr Gesichtsausdruck verriet nicht, was in ihr vorging. Hannah war auf dem Sofa, neben Jonathan eingenickt. Violetta sah ihn an.

„Ich habe mit einem Postangestellten gesprochen und ihn gefragt, ob in der Stadt, oder in der Nähe ein Kloster ist. Er hat es verneint, aber versprochen sich zu erkundigen, wie weit entfernt das nächste Kloster ist und mich dann wieder anzurufen.“
„Du sprichst sehr gut Französisch.“

„Ich habe ein Jahr in Lyon gelebt.“

„Toll.“

„Als Schülerin, mit 17. Sprichst du Französisch?“

„Nicht wirklich.“

Sie schwieg einen Moment und starrte auf ihre Hände.

„Wenn ihr nach Frankreich fahrt, wenn ihr Emil findet, nehmt mich mit.“

Er hatte nicht darüber nachgedacht, sie einzuladen aber nun schien es ihm logisch, auch wenn etwas in ihm sich wehrte. Ein grüner stechender Impuls.

„Wir holen dich morgen ab. Wenn du mir deine Telefonnummer gibst, kann ich eine halbe Stunde vorher anrufen. Und du meldest dich, wenn die Post sich wieder meldet.“

Sie sah ihn an, mit diesem merkwürdigen Blick von ihr, dem leicht schiefen Kopf, den prüfenden Augen. Beim Nummern austauschen warf Jonathan einen Blick auf seine Handyuhr.

„Wir haben dich lange genug aufgehalten“, sagte er und erhob sich.

Für alles weitere würden sie während der Fahrt Zeit haben. Sie würden sicherlich zwei Tage unterwegs sein. Mit dem Auto nach Frankreich, was für eine Schnapsidee, dachte Jonathan und lächelte in sich hinein. Es war die erste blödsinnige Idee in seinem Leben. Er war stolz auf sich. Er berührte Hannah leicht an der Schulter. Sie riss ihre Augen auf vor Schreck.

„Bin ich eingeschlafen?“

Jonathan nickte.

„Ich wollte gerade gehen“, erklärte er.

Hannah stand auf, umarmte Violetta zum Abschied.

„Wir sehen uns morgen. Ich fahre mit euch mit“, sagte Violetta und wand sich aus der Umarmung.

„Ist doch egal, du sahst aus als könntest du eine Umarmung gebrauchen. Bis morgen dann.“
„Bis morgen.“

Jonathan ging zur Türe, er hatte weder Jacke noch Schuhe ausgezogen, wie ungehobelt von ihm, wartete bis Hannah neben ihm stand und warf Violetta einen letzten Blick zu.

„Ich rufe dich an. Eine halbe Stunde vor Abfahrt. Versprochen.“

Sie nickte. Jonathan hatte nicht mit dem kalten Wind gerechnet, der ihnen im Stiegenhaus entgegen schlug und zog seine Jacke zu.

 

Als sie das Haus verließen, regnete es. Sie stiegen in die U-bahn. Im Zug saß ein Mann in rosarotem Bademantel neben einer Frau mit grünen Haaren. Hannah hatte sich neben den Mann gesetzt und Jonathan ihr gegenüber. Ihr Haar war ein wenig zerzaust. Sie hatte einen Fleck Erdnusssauce im Gesicht. Jonathan schmunzelte.

„Ich bin eine Welle“, sagte Hannah leise.

„Wie bitte?“

Sie lächelte als Antwort.

„Du hast Erdnusssauce im Gesicht.“

Sie benetzte ihre Lippen mit ihrer Zunge und wischte sich dann mit ihrer Handfläche über den Mund. Der Erdnusssaucenfleck war nun an ihrer Hand, von wo aus sie ihn in ihre Hose wischte. Jonathan schmunzelte erneut.

„Glaubst du der Thomas sucht uns?“

„Wieso sollte er?“

„Immerhin haben wir sein Auto gestohlen.“

Hannahs Kopf bewegte sich, ihr Mund öffnete sich und ein Bach von Lachen ergoss sich über die U-bahn. Nach einer Weile brachte sie hervor:

„Die Limousine gehört Dario.“

„Hast du die ganze Zeit gedacht, dass uns die Polizei auf den Fersen ist?“

Jonathan nickte kleinlaut.

„Was für eine alberne Vorstellung“, sagte Hannah immer noch sichtlich amüsiert.

„Wir müssen aussteigen“, stellte Jonathan fest und verließ den Zug, ohne darauf zu achten, ob Hannah ihm folgte.

Er hatte die Hitze gespürt, die in seinem Gesicht hochgestiegen war, er hatte seine Röte, seine Scham vor ihr verbergen wollen. Erst als er aus dem Bahngebäude heraus und bei der ersten Straßenkreuzung war, blieb er stehen. Hannah war so dicht hinter ihm, dass sie von seinem abrupten stehen bleiben überrascht wurde und in ihn hinein lief. Sie stieß sich den Kopf an seinem Schulterblatt.

„Bitte entschuldige.“

Sie sah ihn verärgert an.

„Ist es sehr schlimm?“

„Geht schon, Schwamm drüber.“

Die letzten Meter bis zum Haus seiner Mutter legten sie schweigend zurück. Jonathan hatte das Gefühl nun endgültig jegliche winzige Chance bei Hannah zu landen verspielt zu haben.

 

„Eine Violetta hat angerufen. Ich soll euch ausrichten, dass die Post sie zurückgerufen und gemeint hat, dass im Umkreis weit und breit kein Kloster steht. Dass der Mann, der die Postkarte geschickt hat, wohl nicht gefunden werden will und von weit weg zu dieser Post fährt, um dort seine Briefe aufzugeben.“

Clarissa hatte sie mit dieser Nachricht empfangen. Jonathan sank auf das Sofa im Wohnzimmer nieder und zog sich eine Decke über den Kopf. Er spürte, dass sich jemand zu ihm setzte.

„Wirfst du jetzt das Handtuch?“

Die Frage seiner Großmutter beinhielt einen vorwurfsvollen Ton, wie sooft.

„Was soll ich denn noch tun? Es ist aussichtslos. Er will nicht gefunden werden. Nicht von Violetta, nicht von mir.“

Seine Stimme klang unter der Decke gedämpft.

„Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst“, forderte Clarissa.

Widerwillig schob Jonathan den Stoff von seinem Gesicht und sah seiner Großmutter in die Augen.

„Wann haben Hindernisse einen Meischner je davon abgehalten sein Ziel zu erreichen?“

Hannah war im Begriff das Zimmer zu verlassen, um ihnen Privatsphäre zu geben, doch Clarissa sagte:

„Hannah, bleiben Sie hier. Ich möchte Ihre Meinung hören. Wie würden Sie sich verhalten, wenn es um Ihre Schwester gehen würde?“

Hannah überlegte einen Moment.

„Ich denke, ich würde alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu finden.“

„Und wenn du das getan hättest und nichts dabei heraus kommt?“, warf Jonathan ein.

Seine Großmutter bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. Hannah war am Wort. Er sollte nicht unterbrechen, so wie Clarissa ihm das beigebracht hatte, unterbrechen war ungehobelt, es gehörte sich nicht.

„Ich würde mich nicht zufrieden geben, bis ich sie gefunden hätte. Ich würde so lange nach einer Spur suchen, bis ich sie gefunden hätte. Wenn das bedeuteten würde bei jedem Kloster in Frankreich anzurufen, würde ich es tun.“

Dieser Gedanke war Jonathan noch gar nicht gekommen.

„Aber das ist Wahnsinn“, meinte er.

„Das ist Ansichtssache“, sagte Hannah.

„Finde ich auch“, pflichtete ihr Clarissa bei.

 

Jonathan hatte die letzten zwei Stunden damit verbracht die Telefonnummern von allen Klöstern Frankreichs im Internet zu recherchieren. Er war alleine spazieren gegangen, um seinen Kopf zu lüften, um die Wut abzuschütteln, die sich in ihm breit gemacht hatte. Das Gefühl der Untergebenheit, das ihn seit seiner Kindheit begleitete, welches er stets in der Gegenwart seiner Großmutter empfand. Das er auch in Hannahs Gegenwart empfand. Er war fast zwei Stunden lang gegangen, ohne darüber nachzudenken wohin. Als er zurückkam hatte Dario Spaghetti al Vongole gekocht. Jonathans Frage, woher er die Meeresfrüchte hatte blieb unbeantwortet und sie aßen Pasta und tranken Wein. Dann hatte sich Jonathan entschuldigt und in sein Zimmer zurückgezogen, um französische Klöster zu googlen. Es schien aussichtslos. Es waren einfach zu viele. Er schaltete seinen Computer aus, entmutigt und legte sich ins Bett. Dario hatte darauf bestanden diese Nacht im Wohnzimmer zu schlafen. Er hatte das ganz ohne Worte getan, in Dariomanier, sein Bettzeug war einfach vom oberen Stockwerk, von Jonathans Zimmer in das Wohnzimmer gewandert. Jonathan war schon fast eingeschlafen, als ein leises Klopfen ihn störte. Er stand schlaftrunken auf, Hannah stand vor seiner Zimmertüre. Sie trug nichts außer einem Nachthemd. Sie verbrachte die Nacht in seinem Zimmer.