Zusammen-egal was kommt

© dietintenfisch

„Was soll ich dazu sagen?“ frage ich mich und sehe dir dabei zu, wie du dich immer weiter in deinen Strudel aus Abhängigkeit, Pflichtgefühl und Abscheu verstrickst.

„Du bist niemandem etwas schuldig“, denke ich und sage es dir auch. Du zuckst mit den Schultern, ja, ja das weißt du ja.

„Lass das nicht mit dir machen, lass so nicht mit dir umgehen.“

Du weißt ich habe Recht, oft, aber jetzt vor allem.

Du kommst nach Hause, geladen mit schlechter Laune und die Luft wird dick. Später reden wir und du begreifst, dass das auch für mich eine Belastungsprobe ist, dass ich Nerven aus Stahl brauche und eigentlich auch habe. Normalerweise. Wenn da nicht meine Gesundheit wäre, die mir immer wieder heimtückisch ein Schnippchen schlägt, mich auf eine emotionale Achterbahn führt und unzählige schlaflose Nächte durchleben lässt.

Schlechte Laune prallt auf durch Schlafentzug erschaffe Gereiztheit und die Explosion ist perfekt.

Was soll ich dazu sagen? Das ist was Liebe bedeutet. Dicke Luft ist Liebe. Liebe ist miteinander wachsen, schwierige Phasen durchstehen und einander näher kommen. Hundert Prozent, ganz. Zusammen-egal was kommt.

Advertisements

Beim Lesen beobachtet

© dietintenfisch

Du lachst ehrlich und erschrickst ehrlich, du machst Geräusche des Unglaubens, du bist verstört, kannst nicht aufhören weiter zu lesen, das ist die Magie dieses Buches, die schon so viele vor dir gepackt hat. Ich bin glücklich dir zuzusehen, wie du alle Emotionen durchläufst, die ich auch hatte, als ich diese Zeilen zum ersten Mal las. Ich freue mich, weil ich jetzt endlich mit dir darüber reden kann, mit dir teilen kann, was ich so liebe. Und ich bin ein bisschen traurig, weil ich durch dich vor Augen geführt bekomme, dass ich nie wieder den Moment haben werde, in dem ich zum ersten Mal diese Geschichte lese. Dieser Moment in dem das Erstaunen größer ist, das Lachen unverhoffter, das Weinen schlimmer und das Erschrecken extremer, als jemals wieder. Dieser wunderbare Moment des ersten Entdeckens, den ich nicht wieder bekommen kann, egal wie sehr ich es mir wünsche.

Meine kleine, heiße Schwalbe

© dietintenfisch

Meine kleine, heiße Schwalbe

Seit sie sich erinnern konnte, mochte sie Vögel. Allgemein, liebte sie Geschöpfe, die fliegen konnten, aber im Besonderen Vögel. Sie wusste nicht, woher diese Vernarrtheit kam, irgendwie war sie einfach da.

Menschen waren kompliziert. Vögel waren ehrlich. Wenn sie neugierig waren, oder hungrig, kamen sie herbei, schauten zum Fenster herein, oder näherten sich einem im Park. Und wenn sie nicht mehr verweilen wollten, flogen sie einfach davon. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, einfach so ihre Flügel ausbreiten und wegfliegen zu können? Dann würde sie aufsteigen, in die Lüfte, und über allem schweben, alles hinter sich lassen. Die Geräusche der Stadt, die Motoren, die Stimmen, die Menschen. Alles würde plötzlich ganz klein werden, kleiner und immer kleiner, bis sie all die bunten Punkte nicht mehr voneinander unterscheiden würde können.

Sie beneidete die Vögel. Und dachte an letzten Sommer. Eine Schwalbe war durch ein Fenster herein geflogen und hatte sich beim Anschlagen an einem Möbelstück, den Flügel geprellt. Das Tierchen hatte sich vor Angst am Boden gekrümmt, mit seinem Schnabel um sich gehackt, beim Versuch es anzufassen. Sie hatte schließlich ein paar Körner in der Wohnung verstreut und die Schwalbe hatte sie gierig aufgepickt. Der Vogel hatte sich schlussendlich anfassen lassen, ganz sanft, und dabei hatte sie gemerkt, wie heiß der kleine Körper gewesen war. Sie würde diesen Tag nicht mehr vergessen, an dem sie ihre kleine, heiße Schwalbe getroffen hatte. Nach drei Tagen der Stärkung durch Körner und Wasser und einem anschließenden leicht unbeholfenen Start, war die Schwalbe zurück ans Fenster geflogen, hatte einen Moment ihr Köpfchen zurück gewandt, wie um zu sagen, „Schau, wie toll ich fliegen kann“. Danach folgten das majestätische Ausbreiten der Flügel und das Absetzen, hinauf in die Lüfte. Und dann war das Vögelchen verschwunden.

Die Schwalbe mochte sie verlassen haben, aber nicht die Erinnerung an sie. Seitdem ließ sie jeden Tag ihr Fenster offen, egal, ob Winter oder Sommer, und wartete auf ihre kleine, heiße Schwalbe.  Sie hatte ein paar neugierige Besuche von Tauben und Spatzen bekommen, daher hatte sie sich angewöhnt stets ein Stückchen Brot am Fensterbrett liegen zu haben. Einmal hatte sogar eine Krähe bei ihr vorbei geschaut, weil ihre Eltern sie aus dem Nest geschmissen hatten, damit sie das Fliegen lernte. Aber es schien, als wollte sie das Fliegen noch nicht lernen. Sie hopste herum, auf ihren langen, dürren Beinen und bedienter sich ihrer Flügel nur wenn es nicht anders möglich war. Ihr Flug glich dem Gang eines Betrunkenen. Taube, Spatz, Krähe, Schwalbe. Sie wartete auf ihre kleine, heiße Schwalbe, mit dem geprellten Flügel. Aber sie kam nicht.

Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

Epilog:

Jonathan trat durch die Türe und erblindete einen Moment, weil sich der Wechsel von der Dunkelheit der Kirche zum Mittagslicht des Gartens für ihn zu schnell vollzogen hatte. Nach einigen Sekunden und heftigem Blinzeln erkannte er Schemen. Da war ein Blumenbeet; Rosen; und ein Mann, der es pflegte. Er trug eine Mönchskutte und einen Hut gegen die Hitze. Die Kutte, die an Pater Mairiere so stramm ausgesehen hatte, verschluckte ihn beinahe. Seine Hände waren voller Erde, er war dabei die Rosen mit einer überaus großen Gartenschere zu Recht zu schneiden. Er summte lächelnd vor sich hin. Er sah verdammt jung aus. Violetta und Clarissa kamen hinter ihm her, Violetta stützte die ältere Frau. Sie warf einen Blick auf den Mann im Rosenbeet, prüfend, dann mit Wiedersehensfreude. Bevor sie auf ihn zu stürmen, oder nach ihm rufen konnte, reagierte Jonathan.

„Herr Korn?“, fragte Jonathan vorsichtig.

Er war ein paar Schritte weiter nach vorne getreten, so dass Emil ihn aber nicht Violetta und Clarissa sehen konnte, die vor der Türe, hinter der Ecke warteten.

Das Summen verstummte, der Mann ließ die Schere sinken und drehte sich zu ihm um.

„So hat mich lange niemand mehr genannt“, sagte er und es wirkte als wäre er selbst überrascht vom Klang seiner Stimme.

„Sie sind ein schwer zu findender Mann.“

„Ja“, er nickte leicht, sein Lächeln war verschwunden.

„Mein Name ist… Jonathan. Ich schreibe eine Reportage über Waisen in Klöstern. Ich wollte ihnen ein paar Fragen stellen“, sagte Jonathan weil ihm nichts Besseres einfiel.

„Für welche Zeitung schreiben Sie?“

„Für den Standard“, Jonathan war überrascht wie leicht ihm das Schwindeln fiel.

„Ich spreche nicht mit Journalisten über mein Privatleben. Ich spreche mit niemandem über mein Privatleben.“

Jonathan war sich sicher, dieser Mann war sein Bruder. Er hatte Amandas Gesichtszüge. Jonathan lächelte. Wenn jetzt nur Hannah bei ihm wäre.

„Ich verstehe.“

„Außerdem sind Sie falsch informiert. Ich bin kein Waise.“

„Verzeihen Sie bitte die Störung. Ich dachte nur sie hätten vielleicht gerne Ihre Lebensgeschichte erzählt. Schließlich passiert es nicht alle Tage, dass-“.

Bevor er den Satz beenden konnte, stürzte Violetta hinter der Ecke hervor und schrie um Hilfe. Clarissa war in Ohnmacht gefallen. Emil erkannte seine Schwester, schien einen Moment verunsichert, ob er nicht träumte und dann eins und eins zusammen zu zählen.