Meine kleine, heiße Schwalbe

© dietintenfisch

Seit sie sich erinnern konnte, mochte sie Vögel. Allgemein, Geschöpfe, die fliegen konnten, aber im Besonderen Vögel. Sie wusste nicht, woher diese Vernarrtheit kam, irgendwie war sie einfach da. Sie waren ehrlich. Wenn sie neugierig waren, oder hungrig, kamen sie herbei, schauten zum Fenster herein, oder näherten sich einem im Park. Und wenn sie nicht mehr verweilen wollten, flogen sie einfach davon. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, einfach so ihre Flügel ausbreiten und wegfliegen zu können? Dann würde sie aufsteigen, in die Lüfte, und über allem schweben, alles hinter sich lassen. Die Geräusche der Stadt, die Motoren, die Stimmen, die Menschen. Alles würde plötzlich ganz klein werden, kleiner und immer kleiner, bis sie all die bunten Punkte nicht mehr voneinander unterscheiden würde können. Sie beneidete die Vögel. Und dachte an letzten Sommer. Eine Schwalbe war durch ein Fenster herein geflogen und hatte sich beim Anschlagen an einem Möbelstück, den Flügel geprellt. Das Tierchen hatte sich vor Angst am Boden gekrümmt, mit seinem Schnabel um sich gehackt, beim Versuch es anzufassen. Sie hatte schließlich ein paar Körner in der Wohnung verstreut und die Schwalbe hatte sie gierig aufgepickt. Der Vogel hatte sich schließlich anfassen lassen, ganz sanft, und dabei hatte sie gemerkt, wie heiß der kleine Körper gewesen war. Sie würde diesen Tag nicht mehr vergessen. Es war der Tag, an dem sie ihre kleine, heiße Schwalbe getroffen hatte. Nach einer Stärkung durch Körner und Wasser und einem leicht unbeholfenen Start, war die Schwalbe zurück ans Fenster geflogen, hatte einen Moment ihr Köpfchen zurück gewandt, wie um zu sagen, „Schau, wie toll ich fliegen kann“. Dann folgten das majestätische Ausbreiten der Flügel und das Absetzen, hinauf in die Lüfte. Und dann war das Vögelchen verschwunden. Die Schwalbe mochte sie verlassen haben, aber nicht die Erinnerung an sie. Seitdem ließ sie jeden Tag ihr Fenster offen, egal, ob Winter oder Sommer, und wartete auf ihre kleine, heiße Schwalbe.  Sie hatte ein paar neugierige Besuche von Tauben und Spatzen bekommen, daher hatte sie sich angewöhnt stets ein Stückchen Brot am Fensterbrett liegen zu haben. Einmal hatte sogar eine Krähe bei ihr vorbei geschaut, weil ihre Eltern sie aus dem Nest geschmissen hatten, damit sie das Fliegen lernte. Aber es schien, als wollte sie das Fliegen noch nicht lernen. Sie hopste herum, auf ihren langen, dürren Beinen und bedienter sich ihrer Flügel nur wenn es nicht anders möglich war. Ihr Flug glich dem Gang eines Betrunkenen. Taube, Spatzen, Krähe, Schwalbe. Sie wartete auf ihre kleine, heiße Schwalbe, mit dem geprellten Flügel. Aber sie kam nicht.

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