Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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Jonathan war auf Hannahs warmem Körper eingeschlafen, er hatte ihre Haut berührt und ihren Geruch inhaliert. Er hatte ihre Lippen auf seinen gespürt, ihr Schweiß hatte sich mit seinem vermengt. Ein Lichtstrahl fiel durch einen Spalt zwischen den Vorhängen in sein Gesicht und machte ihn wach. Jonathan wollte noch einen Moment liegen bleiben, einen Moment länger genießen, dass Hannah neben ihm lag, unter ihm, das Bett mit ihm teilte. Sein Arm war unter seinem Torso eingeklemmt, er wechselte seine Position, ohne die Augen zu öffnen. Er wollte Hannah einen Guten Morgen-Kuss geben, er wollte ihr süßes Lächeln sehen. Jonathan zwang sich dazu ein Auge zu öffnen. Keine Hannah. Er öffnete auch das Zweite. Hannah war fort. Wahrscheinlich war sie in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen. Er raffte sich auf, wischte sich über die Augen, der Wein hatte ihm nicht gut getan, er spürte ihn in seinen Gliedern, bei jeder Bewegung, in seinem Kopf. Gerade als Jonathan aufstehen und sein Zimmer verlassen wollte, klopfte es an seiner Türe.

„Komm rein“, sagte er lächelnd.

Die Türe öffnete sich und sein Lächeln erstarb. Vor ihm stand Clarissa.

Sie bedeutete ihm schweigend ihr zu folgen. Ihr langsamer, humpelnder Gang verstärkte das Unbehagen, das sich seit sie vor der Türe gestanden war, in Jonathan ausgebreitet hatte. Sie hatte keine Worte gebraucht, um ihm zu verstehen zu geben, dass etwas vorgefallen war. Jonathan folgte ihr den Gang entlang, die Stiegen hinunter in das Esszimmer und erstarrte. Der Kandinsky war weg. Er sah sich um, setzte an etwas zu sagen. Seine Frage, was mit dem Bild passiert war, beantwortete er sich selbst, indem er einen Blick aus dem Fenster warf. Die Limousine war verschwunden. Das Gemälde war weg, Hannah war weg, die Limousine war weg.

„Wie um alles in der Welt konnte das passieren?“

Jonathan stand mit offenem Mund da. Clarissa antwortete nicht. Es hatte ihr die Sprache verschlagen. Ich bin eine Welle. Erst jetzt verstand Jonathan Hannahs Worte. Sie baute sich langsam auf, nahm mehr und mehr Platz ein, wurde so groß, dass man sich ihr nicht entziehen konnte, nur um dann zu zerplatzen. Hitze stieg in ihm auf. Er ging ein paar Schritte auf die nackte Wand zu, an der zuvor der Kandinsky gehangen war, um nach dem Telefon zu greifen, das daneben auf einem Hocker stand. Er nahm den Hörer und war im Begriff zu wählen, als ihm etwas ins Auge stach. Jonathan legte den Hörer wieder auf die Gabel und ging ganz nah an die Wand. Da klebte etwas. Ein Stück Papier? Nein, ein Kuvert, so weiß wie die Wand, sodass er es im ersten Moment übersehen hatte. Er wandte sich seiner Großmutter fragend zu, die am Esstisch platzgenommen hatte. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Jonathan griff nach dem Kuvert, löste die Klebestreifen von der Wand und öffnete den Umschlag. Seine Hände zitterten, die Hitze in ihm wurde unerträglich. Er hatte das merkwürdige Gefühl sich setzen zu müssen und ließ sich auf dem Boden nieder. Erst dann nahm er das Blattpapier aus dem Umschlag und las was darauf stand.

Mein lieber Jonathan,

bitte entschuldige. Ich weiß bereits seit längerem, wo sich dein Bruder befindet. Ich habe vor drei Jahren über eine Zeitungsannonce Kontakt zu ihm aufgenommen und seitdem schreiben wir uns Briefe. Ich bin der einzige Mensch, dem er seinen Aufenthaltsort anvertraut hat. Wahrscheinlich, weil er weiß, dass ich ihn nie besuchen werde können. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dir sagen soll, wo du ihn finden kannst. Mama und ich fanden, du könntest ein Abenteuer vertragen. Wir haben alles auf deinen dreißigsten Geburtstag gelegt. Wir wollten dir endlich die Chance geben aus dem Schneckenhaus auszubrechen, in das wir dich dein Leben lang gezwängt haben. Wir wollten dich zwingen deinen Weg zu gehen, endlich dein Leben zu leben. Ich habe mir immer für dich gewünscht, dass du deinen Weg findest. Ich fürchte, das ist mir misslungen. Das Abenteuer erforderte viel Planung, zunächst musste ich dir die Wahrheit sagen. Dann engagierte Mama Hannah und Dario. Sie sollten dein Vertrauen gewinnen, sich mit dir anfreunden, dir helfen. Sie sind Geschwister, verwaist, leben von Hannahs Gage als Sängerin und Darios Gehalt als Chauffeur. Als Bezahlung für ihre Dienste wollten sie den Kandinsky. Er ist mehr wert, als sie beide zusammen in einem Jahr verdienen könnten. Mama und ich gaben dir nur die notwendigen Informationsstücke, die du brauchtest, um selbst Nachforschungen anzustellen. Dass du die Antwort hinter dem Bild finden würdest, ist eine meiner besseren Ideen. Mama hat diesen Brief vor ein paar Wochen dahinter versteckt. Wenn du diesen Brief liest, bist du am Ende deiner Suche angekommen. Im Kuvert findest du Emils Kontaktdaten beigelegt. Es steht dir frei ihn zu kontaktieren oder nicht. Er weiß nichts von dir. Die Tatsache, dass er adoptiert ist, aus einer Vergewaltigung entstanden, mit einer Mutter im Gefängnis, schien mir für den Anfang genug der Wahrheit. Dass er einen kleinen Bruder hat, einen unglücklichen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, wollte ich mir für einen Moment aufsparen, in dem ihm dieser Gedanke Trost spendet. Oder du tust es einfach selbst.

Ich hoffe, wir haben dich nicht zu sehr verärgert.

In Liebe,

deine Mutter, Amanda.

Jonathan ließ den Brief sinken und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Einen Moment blieb er so sitzen, dann anders als Clarissa erwartet hatte, begann er schallend zu lachen. Er war von sich selbst überrascht, hatte er doch nicht gedacht, dass er noch genug Kraft dafür in sich tragen würde. Er fühlte sich wie verdaut und ausgespuckt. Verkatert, müde, verwundet.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, hörte er die Stimme seiner Oma vom Tisch zu ihm herüber klingen.

Anstatt ihr zu antworten, lachte er noch mehr, legte sich nun ganz auf den Boden, kugelte sich vor Lachen.

„Was ist nur in dich gefahren?“

Sie hatte den strengen Tonfall angenommen, mit dem sie ihn als Kind oft zurechtgewiesen hatte, wenn er Unfug gemacht hatte. Jonathan holte tief Luft und hörte schlagartig auf zu lachen. Er erhob sich vom Boden und ging die wenigen Schritte zum Esstisch. Er nahm neben seiner Großmutter Platz, legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und sagte:

„Ich sollte also ein Abenteuer erleben? Das ist euch gelungen. Ihr habt die Fäden lange genug gezogen. Jetzt entscheide ich. Ich fliege nach Frankreich. Heute noch.“

Er sprach ohne seine Stimme zu erheben, ohne laut zu werden, ganz ruhig. Alle Emotion war mit dem Lachen aus ihm gewichen. Er war jetzt nur noch unendlich erschöpft.

„Geh vielleicht duschen, bevor du aufbrichst. Du hast schon mal frischer ausgesehen.“

Er sah Clarissa in die Augen und glaubte für einen Moment so etwas wie Mitgefühl in ihnen aufflackern zu sehen aber dann hatte sie wieder ihren altbekannten strengen Blick. Sie hatte ihn zwar beleidigt aber immerhin schien sie verstanden zu haben, ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen zu können. Er verschwand ins Badezimmer.

Er wollte sich reinwaschen. Dreck weg, Schweiß weg, Schmerzen weg. Hannah weg. Jonathan hatte nie an die angeblichen Heilkräfte von Wasser geglaubt, als er aus der Dusche stieg musste er jedoch feststellen, dass zumindest seine Kopfschmerzen und sein Schwindel verschwunden waren. Jetzt noch eine starke Tasse Kaffee und er war wieder wie neu. Naja fast. Er hatte sich einen Bademantel seines Großvaters angezogen, war barfuß in die Küche geschlüpft und hatte Kaffee aufgestellt. Er hatte das Eintreten von Clarissa nicht bemerkt.

„Du siehst aus wie er.“

Einen Moment dachte er, sie meinte es als Kompliment, dann fügte sie hinzu:

„Unheimlich, wie wenn er von den Toten zurückgekommen wäre.“

In diesem Moment, als er dastand, nackt unter dem Stoff, barfuß mit nassen Haaren, hinter ihm der kochende Kaffee am Herd, wurde ihm klar, dass er nicht der Einzige war, dem das Herz gebrochen worden war. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass Clarissa, seine Omi, auch all die Verluste erlebt hatte, die er erlebt hatte. Nicht nur er hatte seinen Großvater verloren, sondern auch sie ihren Mann, nicht nur er hatte seiner Mutter Lebwohl gesagt, sondern sie auch ihrer Tochter und nicht nur er war um seinen Bruder gebracht worden, sondern sie auch um ihren Enkel. Sie war mit ihm alleine gewesen, eine ältere Dame, stets elegant gekleidet und sehr belesen, mit dieser gewählten Ausdrucksweise, sicherlich hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie war nicht nur körperlich, auch finanziell, gar nicht in der Lage gewesen sich um ihn zu kümmern. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Er goss Kaffee in eine Tasse, leerte Milch darauf und gab zwei Stücke Zucker hinzu.

„Fehlt er dir?“, fragte er.

 „Mit jedem Atemzug.“

„Kommst du mit nach Frankreich?“

„Ich bin alt.“

Er zuckte mit den Achseln, um ihr zu zeigen, dass er nicht verstand, was das heißen sollte. Er nahm einen Schluck Kaffee und achtete darauf, wie er ihm die Kehle herunter rann.

„Wenn ich diese Reise mache, wird es meine letzte sein.“

„Ich fühle es in meinen Knochen. Ich werde endlich zu ihm gerufen.“

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