Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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Violetta sprach schnell. Jonathans Schulfranzösisch reichte nicht aus, um ihr folgen zu können. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sie gar nichts über sie gefragt hatte, er war gekommen, mit der Tür ins Haus gefallen und hatte ihr nur Fragen zu ihrem Bruder gestellt. Der auch sein Bruder war. Violetta nickte ein paar Mal und sagte „Oui je comprends“ oder „D’accord“, dann legte sie auf. Ihr Gesichtsausdruck verriet nicht, was in ihr vorging. Hannah war auf dem Sofa, neben Jonathan eingenickt. Violetta sah ihn an.

„Ich habe mit einem Postangestellten gesprochen und ihn gefragt, ob in der Stadt, oder in der Nähe ein Kloster ist. Er hat es verneint, aber versprochen sich zu erkundigen, wie weit entfernt das nächste Kloster ist und mich dann wieder anzurufen.“
„Du sprichst sehr gut Französisch.“

„Ich habe ein Jahr in Lyon gelebt.“

„Toll.“

„Als Schülerin, mit 17. Sprichst du Französisch?“

„Nicht wirklich.“

Sie schwieg einen Moment und starrte auf ihre Hände.

„Wenn ihr nach Frankreich fahrt, wenn ihr Emil findet, nehmt mich mit.“

Er hatte nicht darüber nachgedacht, sie einzuladen aber nun schien es ihm logisch, auch wenn etwas in ihm sich wehrte. Ein grüner stechender Impuls.

„Wir holen dich morgen ab. Wenn du mir deine Telefonnummer gibst, kann ich eine halbe Stunde vorher anrufen. Und du meldest dich, wenn die Post sich wieder meldet.“

Sie sah ihn an, mit diesem merkwürdigen Blick von ihr, dem leicht schiefen Kopf, den prüfenden Augen. Beim Nummern austauschen warf Jonathan einen Blick auf seine Handyuhr.

„Wir haben dich lange genug aufgehalten“, sagte er und erhob sich.

Für alles weitere würden sie während der Fahrt Zeit haben. Sie würden sicherlich zwei Tage unterwegs sein. Mit dem Auto nach Frankreich, was für eine Schnapsidee, dachte Jonathan und lächelte in sich hinein. Es war die erste blödsinnige Idee in seinem Leben. Er war stolz auf sich. Er berührte Hannah leicht an der Schulter. Sie riss ihre Augen auf vor Schreck.

„Bin ich eingeschlafen?“

Jonathan nickte.

„Ich wollte gerade gehen“, erklärte er.

Hannah stand auf, umarmte Violetta zum Abschied.

„Wir sehen uns morgen. Ich fahre mit euch mit“, sagte Violetta und wand sich aus der Umarmung.

„Ist doch egal, du sahst aus als könntest du eine Umarmung gebrauchen. Bis morgen dann.“
„Bis morgen.“

Jonathan ging zur Türe, er hatte weder Jacke noch Schuhe ausgezogen, wie ungehobelt von ihm, wartete bis Hannah neben ihm stand und warf Violetta einen letzten Blick zu.

„Ich rufe dich an. Eine halbe Stunde vor Abfahrt. Versprochen.“

Sie nickte. Jonathan hatte nicht mit dem kalten Wind gerechnet, der ihnen im Stiegenhaus entgegen schlug und zog seine Jacke zu.

 

Als sie das Haus verließen, regnete es. Sie stiegen in die U-bahn. Im Zug saß ein Mann in rosarotem Bademantel neben einer Frau mit grünen Haaren. Hannah hatte sich neben den Mann gesetzt und Jonathan ihr gegenüber. Ihr Haar war ein wenig zerzaust. Sie hatte einen Fleck Erdnusssauce im Gesicht. Jonathan schmunzelte.

„Ich bin eine Welle“, sagte Hannah leise.

„Wie bitte?“

Sie lächelte als Antwort.

„Du hast Erdnusssauce im Gesicht.“

Sie benetzte ihre Lippen mit ihrer Zunge und wischte sich dann mit ihrer Handfläche über den Mund. Der Erdnusssaucenfleck war nun an ihrer Hand, von wo aus sie ihn in ihre Hose wischte. Jonathan schmunzelte erneut.

„Glaubst du der Thomas sucht uns?“

„Wieso sollte er?“

„Immerhin haben wir sein Auto gestohlen.“

Hannahs Kopf bewegte sich, ihr Mund öffnete sich und ein Bach von Lachen ergoss sich über die U-bahn. Nach einer Weile brachte sie hervor:

„Die Limousine gehört Dario.“

„Hast du die ganze Zeit gedacht, dass uns die Polizei auf den Fersen ist?“

Jonathan nickte kleinlaut.

„Was für eine alberne Vorstellung“, sagte Hannah immer noch sichtlich amüsiert.

„Wir müssen aussteigen“, stellte Jonathan fest und verließ den Zug, ohne darauf zu achten, ob Hannah ihm folgte.

Er hatte die Hitze gespürt, die in seinem Gesicht hochgestiegen war, er hatte seine Röte, seine Scham vor ihr verbergen wollen. Erst als er aus dem Bahngebäude heraus und bei der ersten Straßenkreuzung war, blieb er stehen. Hannah war so dicht hinter ihm, dass sie von seinem abrupten stehen bleiben überrascht wurde und in ihn hinein lief. Sie stieß sich den Kopf an seinem Schulterblatt.

„Bitte entschuldige.“

Sie sah ihn verärgert an.

„Ist es sehr schlimm?“

„Geht schon, Schwamm drüber.“

Die letzten Meter bis zum Haus seiner Mutter legten sie schweigend zurück. Jonathan hatte das Gefühl nun endgültig jegliche winzige Chance bei Hannah zu landen verspielt zu haben.

 

„Eine Violetta hat angerufen. Ich soll euch ausrichten, dass die Post sie zurückgerufen und gemeint hat, dass im Umkreis weit und breit kein Kloster steht. Dass der Mann, der die Postkarte geschickt hat, wohl nicht gefunden werden will und von weit weg zu dieser Post fährt, um dort seine Briefe aufzugeben.“

Clarissa hatte sie mit dieser Nachricht empfangen. Jonathan sank auf das Sofa im Wohnzimmer nieder und zog sich eine Decke über den Kopf. Er spürte, dass sich jemand zu ihm setzte.

„Wirfst du jetzt das Handtuch?“

Die Frage seiner Großmutter beinhielt einen vorwurfsvollen Ton, wie sooft.

„Was soll ich denn noch tun? Es ist aussichtslos. Er will nicht gefunden werden. Nicht von Violetta, nicht von mir.“

Seine Stimme klang unter der Decke gedämpft.

„Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst“, forderte Clarissa.

Widerwillig schob Jonathan den Stoff von seinem Gesicht und sah seiner Großmutter in die Augen.

„Wann haben Hindernisse einen Meischner je davon abgehalten sein Ziel zu erreichen?“

Hannah war im Begriff das Zimmer zu verlassen, um ihnen Privatsphäre zu geben, doch Clarissa sagte:

„Hannah, bleiben Sie hier. Ich möchte Ihre Meinung hören. Wie würden Sie sich verhalten, wenn es um Ihre Schwester gehen würde?“

Hannah überlegte einen Moment.

„Ich denke, ich würde alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu finden.“

„Und wenn du das getan hättest und nichts dabei heraus kommt?“, warf Jonathan ein.

Seine Großmutter bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. Hannah war am Wort. Er sollte nicht unterbrechen, so wie Clarissa ihm das beigebracht hatte, unterbrechen war ungehobelt, es gehörte sich nicht.

„Ich würde mich nicht zufrieden geben, bis ich sie gefunden hätte. Ich würde so lange nach einer Spur suchen, bis ich sie gefunden hätte. Wenn das bedeuteten würde bei jedem Kloster in Frankreich anzurufen, würde ich es tun.“

Dieser Gedanke war Jonathan noch gar nicht gekommen.

„Aber das ist Wahnsinn“, meinte er.

„Das ist Ansichtssache“, sagte Hannah.

„Finde ich auch“, pflichtete ihr Clarissa bei.

 

Jonathan hatte die letzten zwei Stunden damit verbracht die Telefonnummern von allen Klöstern Frankreichs im Internet zu recherchieren. Er war alleine spazieren gegangen, um seinen Kopf zu lüften, um die Wut abzuschütteln, die sich in ihm breit gemacht hatte. Das Gefühl der Untergebenheit, das ihn seit seiner Kindheit begleitete, welches er stets in der Gegenwart seiner Großmutter empfand. Das er auch in Hannahs Gegenwart empfand. Er war fast zwei Stunden lang gegangen, ohne darüber nachzudenken wohin. Als er zurückkam hatte Dario Spaghetti al Vongole gekocht. Jonathans Frage, woher er die Meeresfrüchte hatte blieb unbeantwortet und sie aßen Pasta und tranken Wein. Dann hatte sich Jonathan entschuldigt und in sein Zimmer zurückgezogen, um französische Klöster zu googlen. Es schien aussichtslos. Es waren einfach zu viele. Er schaltete seinen Computer aus, entmutigt und legte sich ins Bett. Dario hatte darauf bestanden diese Nacht im Wohnzimmer zu schlafen. Er hatte das ganz ohne Worte getan, in Dariomanier, sein Bettzeug war einfach vom oberen Stockwerk, von Jonathans Zimmer in das Wohnzimmer gewandert. Jonathan war schon fast eingeschlafen, als ein leises Klopfen ihn störte. Er stand schlaftrunken auf, Hannah stand vor seiner Zimmertüre. Sie trug nichts außer einem Nachthemd. Sie verbrachte die Nacht in seinem Zimmer.

 

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