Das Brot

dietintenfisch ©

Sandra war ein Euro auf den Boden gefallen, als sie beim Bäcker hatte bezahlen wollen. Sie hatte nicht gesehen, wo er hin gerollt war; jetzt kroch Sie auf dem Boden herum, um nach ihm zu suchen. Die Kundschaft, die sich in der Schlange hinter ihr gebildet hatte, wurde unruhig. Eine Frau seufzte betont genervt, ein Mann bot ihr an, ihr den Euro zu schenken, wenn sie dann endlich wegkäme, er hätte schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Sandra nahm mit zitternden Händen die Münze des Mannes entgegen, bezahlte, nahm ihr Brot und verließ das Geschäft. Der Euro war an den roten Schuhen einer beleibten Frau vorbei, in eine Nische zwischen einem Brotregal und der Wand gerollt; wo sich nun Spinnweben um ihn stritten. Sandra war bereits auf der Straße, das Brot in der Hand, auf dem Weg nach Hause. Nur eine Straße musste überquert werden, dann war sie da. Bei der Ampel fiel ihr eine Bettlerin auf, die sich in einer Gebetshaltung auf den Gehsteig gelegt hatte. Sandra trat ein paar Schritte auf sie zu und reichte ihr ein Stück Brot. Die Frau schnappte und verschlang es schneller, als Sandra erwartet hatte. Sie gab laute Schmatzgeräusche von sich. Sandra wollte etwas zu ihr sagen, als die Ampel auf Grün umschaltete. Sie ging über die Straße und griff nach ihrem Schlüssel. Er war durch ein Loch im Innenfutter ihrer Jackentasche gerutscht und hatte sich unter ihrer rechten Achsel verhakt. Um ihn herausfummeln zu können, brauchte sie beide Hände. Sandra suchte nach einem Ort, an dem sie das Brot ablegen konnte, fand jedoch keinen. Sie versuchte eine Weile weiter den Schlüssel mit einer Hand aus dem Saum zu befreien, vergeblich. Ein etwa achtjähriges Mädchen bog um die Ecke und sah Sandra direkt an.

„Entschuldige bitte. Kannst du einen Moment mein Brot halten?“

„Ich darf nicht mit Fremden sprechen“, erwiderte das Mädchen.

„Schon passiert.“

Das Mädchen blieb einen Moment unschlüssig stehen. Sandra nutzte ihn.

„Also, hältst du jetzt mein Brot oder nicht? Du kannst auch ein Stück abhaben.“

Die Achtjährige legte ihren Kopf schief, als müsste sie ihre Gedanken in eine Ecke rinnen lassen und nickte dann. Sie streckte ihre kurzen Arme nach dem Brot aus. Sandra drückte es ihr in die Hände, sagte eilig „Danke“ und machte sich wieder am Schlüssel zu schaffen.

„Du hast komische Haare“, sagte das Mädchen nach einer Weile kauend.

„Das trägt man jetzt so“, erklärte Sandra.

Der Schlüssel war nun fast bei dem Loch in der Jackentasche angekommen. Sandra ruckelte noch einmal an ihm, dann konnte sie ihn mit den Fingern durch das Loch herausziehen. Sie atmete erleichtert auf und sperrte die Haustüre auf. Sie drückte die Türe mit ihrem Gesäß auf, drehte sich zu dem Mädchen um und nahm ihm das Brot aus den Händen.

„Danke“, sagte sie wieder und strich der Kleinen über den Kopf.

Sie ließ die Türe hinter sich zufallen. Zu ihrer Wohnung waren es nur mehr wenige Schritte, die sie eilig, fast hastig zurücklegte. Den Schlüssel behielt sie in der Hand bis sie auch ihre Wohnungstüre aufgeschlossen hatte; im Vorzimmer ließ sie ihn klirrend in die Schüssel auf der Kommode fallen. Sie legte das Brot einen Moment neben die Schüssel, während sie Jacke und Schuhe ablegte, und brachte es dann in die Küche. Sandra schnitt eine Scheibe herunter, bestrich sie mit Butter und nahm sie mit in ihr Wohnzimmer. Sie mochte Brösel auf dem Boden. Ihr Laptop, den sie zuvor in den Energiesparmodus geschickt hatte, sprang nun bei ihrer Bewegung der Maus an. Einen Moment verharrte Sandra auf der geöffneten Musikwebsite, dann scrollte sie zur Kommentarspalte hinunter. Sie haute in die Tasten:

Halt endlich dein Maul du hirnamputierte Fotze.

Von dem beim Kauf ein Kilo schweren Brot, war zu diesem Zeitpunkt gerade noch die Hälfte übrig.

 

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