Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

7

Die Mappe enthielt Fotos, mehrere Zeitungsartikel und Amandas Anklageschrift. Jonathan hielt zum ersten Mal einen Bericht über den Fall seiner Mutter in Händen. Bis auf das, was sie ihm selbst erzählt hatte, wusste er nichts über ihre Festnahme, ihre Anklage, ob sie ein Gerichtsverfahren gehabt hatte. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass es über seine Mutter Zeitungsartikel gab, aber er musste einräumen, dass das Sinn machte. Wie oft hatte er schon Berichte im Fernsehen über Kriminalfälle dergleichen gesehen? Ihn überkam Wut bei dem Gedanken, dass jemand solch einen Bericht über seine Mutter im Fernsehen gesehen haben und nun glauben könnte, sie sei gefährlich oder verrückt. Dieses Gefühl verstärkte sich beim Lesen der Zeitungsartikel. Der Schlimmste lautete wie folgt:

 

Messermörderin macht Mann mausetot

Vergangenen Dienstag bot sich der Polizei folgendes Bild: Amanda Meischner, 34,Mutter eines Sohnes, blutüberströmt über der Leiche des zwanzig Jahre älteren Dirk Samson, einem freundlichen älteren Herren, der seine Pension  mit Klavierunterricht aufbesserte. Meischner hatte mit einem Küchenmesser mehrere Male wild auf ihren ehemaligen Klavierlehrer eingestochen. Ein Tatmotiv sei nicht bekannt. Die Frau habe wohl aus Wahn gehandelt, einem Augenzeugen zu Folge soll sie in einer Apotheke beim Kauf von Psychopharmaka gesichtet worden sein.

An dieser Stelle hörte Jonathan auf zu lesen. Er sah zuerst Hannah und dann Violetta an.

Nach den Zeitungsartikeln war eine CD eingeklebt.

„Was ist da drauf?“, fragte Jonathan.

„Nachrichtenberichte über Ihre Mutter.“

„Das will ich sehen“, insistierte Jonathan.

„Bist du dir sicher?“, fragte Hannah, die hinter ihm gestanden und mitgelesen hatte.

Er nickte als Antwort. Mit den Nachrichtenberichten war es dasselbe, sie waren alle auf der Seite von Herrn Samson, Amanda wurde durchwegs als wahnsinnig, grausam und soziopathisch dargestellt. Nach drei Meldungen über den Mord, den seine Mutter begangen hatte, drückte Jonathan auf Pause.

„Ihr wisst, dass das vollkommener Schwachsinn ist, oder?“

„Wie meinen?“, fragten Hannah und Violetta gleichzeitig.

„Meine Mutter ist nicht verrückt. Und sie ist auch nicht gefährlich. Herr Samson war keineswegs ein freundlicher Mann.“

Er ließ seine Worte einen Moment wirken, dann fuhr er fort.

„Vor ein paar Tagen war ich in der Redaktion einer Tageszeitung, um die Wahrheit über meine Mutter zu veröffentlichen, ich wurde abgewiesen, die drucken lieber schwarz und weiße Darstellungen, Herr Samson ist der Gute, meine Mutter die Böse. Ja, sie hat ihn umgebracht. Aber wissen Sie auch warum?“

Violetta zuckte mit den Schultern und diese kleine Geste hatte etwas so teilnahmsloses, dass Jonathan erst richtig in Fahrt kam. Er hatte die folgenden Worte noch nie ausgesprochen, ihm lief eine Gänsehaut über den ganzen Körper, während er es tat.

„Emil ist Herr Samsons Sohn. Dieser freundliche, alte Herr hat seine vierzehnjährige Klavierschülerin gegen ihren Willen penetriert und geschwängert. Als sie ihm zwanzig Jahre später zufällig begegnete ist es mit ihr durchgegangen. So, jetzt kennen Sie die wirkliche Wahrheit.“        

Das Schweigen, das sich über den Raum gelegt hatte, dröhnte wie eine vorbei rauschende U-bahn. Violetta schlug die Hände vors Gesicht, um ihr Zittern zu verbergen stand sie auf und begann auf und ab zu gehen.

„Meinen Eltern ist erzählt worden, dass sie mit vierzehn schwanger wurde, von ihrer großen Liebe Carl Flynn, einem Engländer auf Interrail in Wien. Ihre Eltern haben sie raus geschmissen und sie hat das Kind aufgegeben.“

„Wer hat das Ihren Eltern erzählt?“

Jonathans Stimme bebte. Hannah war bleich geworden.

„Die Heimleitung, das war alles, was die wussten, laut der Heimleitung, lag bei dem Baby, das vor ihrer Türe abgelegt worden war, ein Brief, in dem seine Mutter darum bat, dem Sohn eines Tages, wenn er erwachsen sei, zu erzählen, er sei aus einer großen Liebe entstanden, dass es ihr sehr schwer gefallen war von ihm Abschied zu nehmen, aber das es nicht anders möglich gewesen war, weil sie erst vierzehn war und kein Geld, geschweige denn eine Ausbildung abgeschlossen hatte. Sie habe vergangenen Sommer Carl Flynn kennen gelernt und die beiden hatten sich unsterblich in einander verliebt. Jedoch hatten die Umstände dazu geführt, dass er wieder nach England musste und so war sie selbst allein mit dem Baby geblieben und hatte keine Möglichkeit gesehen, es selbst groß zu ziehen. Der Brief war von Ihrer Mutter unterschrieben.“

Jonathan war auf merkwürdige Weise von Violettas Worten amüsiert. Das klang nach seiner Mutter, eine weitere kleine Geschichte. Carl Flynn, dass er nicht lachte. Hannah suchte seinen Blick, ihr Ausdruck war ganz ähnlich wie seiner, belustigt.

„Carl Flynn ist der Name einer Kinderbuchfigur“, sagte Hannah und Violetta blieb wie angewurzelt stehen.

„Meine Eltern haben mir die Geschichten von Carl und Molly Flynn unzählige Male vorgelesen“, sprach sie weiter.

Violetta setzte sich wieder hin, ihr schien das alles zu viel zu sein.

„Wären Sie so freundlich mir eine der Tabletten aus der ersten Lade dieser Kommode zu reichen und ein Glas Wasser?“, bat sie Hannah.

Hannah ging zur Kommode, öffnete die erste Lade und zog eine Schachtel Tabletten heraus.

„Diese hier?“

„Ja, Valium, bitte.“

Hannah verschwand kurz aus dem Zimmer und kam mit einem mit Wasser gefüllten Glas wieder, sie reichte Violetta das Glas und die Tablettenschachtel. Hannah und Jonathan sahen Violetta dabei zu wie sie mit ihren zitternden Fingern eine Valium aus der Packung drückte, sie mit ihren zitternden Fingern in den Mund steckte und ein wackelndes Glas an den Mund setzte und trank.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht unsensibel sein, ich hatte ja keine Ahnung“, erklärte sie entschuldigend.

Jonathan, dessen Wut verflogen war, war sein Ausbruch von vorhin nun höchst peinlich.

„Jetzt kennen Sie ja die Wahrheit“, meinte er, nun selbst entschuldigend.

„Habt Ihr Hunger?“, wollte Hannah wissen.

„Ich könnte essen“, meinte Jonathan, Violetta nickte.

„Ich habe nichts da“, verlautbarte Frau Korn.

„Keine Sorge, ich bestelle was beim Asiaten um die Ecke. Ich kann nicht kochen.“

Hannah zückte ihr Smartphone und recherchierte die passende Telefonnummer, dann sah sie kurz auf und erklärte:

„Ich bestell einmal Peking Ente, einmal Gong Bao und einmal Acht Schätze.“

 

„Was gedenkst du ihm zu sagen, wenn du ihn findest?“, fragte Violetta zwischen zwei Bissen Pekingente.

„Emil?“

„Ja.“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht“, gab Jonathan zu.

„Wieso willst du ihn eigentlich finden?“, fragte sie weiter.

„Na hallo, er ist immerhin mein Bruder.“

„Wirst du ihm von seinen Eltern erzählen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ich erinnere mich noch, dass wir damals zusammen ferngesehen haben. Mama, Papa, Emil und ich. Ich war sechzehn. Emil war übers Wochenende zu Hause, er hat in Innsbruck Theologie studiert, kam zum Wäsche waschen aber nach Hause. Er war mit zwanzig noch nicht fähig seine eigene Wäsche zu waschen, ist das zu glauben? Da haben sie in den Nachrichten von diesem Mordfall berichtet. Ich weiß noch wie empört und schockiert ich war und Mama auch. Der Papa hat gar nicht richtig zugehört, er war in seine Zeitung vertieft. Dann fiel der Name der Frau, die den Mord begangen hatte und meine Eltern warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Damals konnte ich ihn nicht deuten, heute weiß ich, sie haben den Namen wieder erkannt, der in schnörkeliger Handschrift unter dem Brief der leiblichen Mutter ihres Sohnes gestanden hatte. Der Brief ist übrigens auch in der Mappe, ganz am Schluss. Emil war der Einzige von uns, der nicht auf der Seite des Ermordeten stand. Er vermutete, dass diese Frau ihre Gründe gehabt haben musste. Er hat sich immer in Leute hineinversetzen können, wisst ihr? Das war fast schon unheimlich.“

Sie aßen mehrere Bissen ohne zu sprechen bis Violetta plötzlich so abrupt aufsprang, dass sie ihre Reisschale auf dem Teppich ausleerte. Ihr Blick war zuversichtlicher geworden, als Jonathan und Hannah ihn bisher zu Gesicht bekommen hatten.

„Ich weiß, wie wir ihn finden können!“

Sie verschwand einen Augenblick in einem der Zimmer, die man vom Gang aus begehen konnte und kam mit einem Stapel Postkarten wieder.

„Der Poststempel sagt uns wo die Karten abgeschickt wurden und das könnte uns helfen seinen Aufenthaltsort zu bestimmen!“

Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der ihr nicht stand, sie lächelte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s