Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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Sie waren vom Donaukanal, wo Jonathan sein Büro hatte, am Hundertwasserhaus vorbei zur Rasumofskygasse geschlendert. Hannah hatte darauf bestanden, dass sie zu Fuß gingen. Sie hatte auch darauf bestanden ihn zu begleiten. Clarissa und Dario würden ihnen mit dem Auto nachfahren und sie abholen. Die letzte Nacht hatten sie alle zusammen im Haus seiner Mutter verbracht. Hannah hatte sich das Zimmer mit Clarissa geteilt, Dario mit Jonathan. Er war sich vorgekommen wie im Ferienlager. Dario hatte kein Wort gesagt. Jonathan begann daran zu zweifeln, dass er überhaupt sprechen konnte. Durch das zügige Gehen wurden Hannahs Wangen rot, ihre Haut war heiß. Sie hatte einen ganz besonderen Gang. Ihr Kopf wackelte immer leicht im Takt mit ihren Schultern, wenn sie ihre Beine bewegte. Wer war diese Frau eigentlich, ertappte sich Jonathan dabei zu denken. Und warum half sie ihm? Ihm schoss ein Sprichwort durch den Kopf: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, stell keine Fragen. Zumindest hatte sein Großvater das immer so gesagt. Jonathan nahm also seinen ganzen Mut zusammen, streckte seine Hand aus und griff nach Hannahs. Sie zog ihre nicht weg.

 

Die Klingel mit Korn drückte Jonathan einmal lang. Als eine Frauenstimme aus der Gegensprechanlage fragte, wer da sei, sagte Hannah, bevor Jonathan antworten konnte:

„Post“ und sie wurden hinein gelassen. Das Stiegenhaus roch nach Erbsensuppe. Die Nummer 12 war ganz oben, der Lift war temporär außer Betrieb. Nach drei Stockwerken begann Jonathan heiß zu werden, er warf Hannah einen Seitenblick zu, sie schien gar nicht zu merken, dass sie sich körperlich betätigte, trotz ihrer hohen Schuhe. Im sechsten Stock waren sie endlich bei den Nummern 10, 11 und 12 angekommen aber Jonathan brauchte erst einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Hier oben war nichts mehr von dem Erbsensuppengeruch zu bemerken. Jonathan klopfte an die Türe mit der Nummer 12. Seine Hand erzeugte ein hohles Geräusch an der hölzernen Türe, das ihn prompt an das Klopfen erinnerte, das ihn in der dunklen Kammer erfreut hatte. Er hatte dort begonnen sich mit Klopfmelodien bei Laune zu halten. Eine rundliche Frau mit feuerroten Haaren öffnete die Türe. Zora, dachte Jonathan. Nein, sie war zu jung.

„Frau Korn?“

„Wer will das wissen?“, fragte sie misstrauisch.

„Mein Name ist Jonathan Meischner. Ich suche meinen Bruder.“

Sie hatte eine von Falten zerfurchte Stirn, dabei konnte sie nicht viel älter als er selbst sein.

Ihre Augen hatten sich geweitet, ihr Mund sich leicht geöffnet, sie gab ein leises Fiepen von sich. Sie verharrte so, bis Hannah ihre Hand auf ihre Schulter legte und ihr sacht über den Kopf strich.

„Bitte, kommen Sie herein“, sagte sie plötzlich und sie folgten ihr in die Wohnung.

 

„Ich bin Violetta Korn. Sie suchen nach meinem Bruder, meinem Adoptivbruder, Emil Korn, auch Pip genannt, wegen seinen großen Erwartungen.“

Sie hatte ihnen mit zitternden Händen Kaffee gemacht, das Service wirkte sehr nobel. Es musste ein Vermögen gekostet haben.

„Ich habe nie Gäste, für meine Gäste nur das Beste“, hatte sie gemurmelt und in der Küche hantiert, während Hannah sich die Gemälde an den Wänden ansah und Jonathan auf dem geräumigen Sofa Platz genommen hatte.

Violetta hatte sich Jonathan gegenüber, in einem Fauteuil niedergelassen, ihre Kaffeetasse ruhte auf ihrem Schenkel, ihre Hand zitterte. Hannah zog es vor zu stehen und machte ein Stehcafé aus der Wohnung. Jonathans Herz hatte in der letzten Minute so viele Hüpfer gemacht, dass er fürchtete, es würde bald mit ihm zu Ende gehen. Das war die Wohnung, in der sein Bruder gelebt hatte, in der er aufgewachsen war, geträumt hatte. Ihm war nie in den Sinn gekommen, dass er eine Schwester gehabt haben konnte.

„Sehen Sie, meine Eltern adoptierten Emil, weil sie bis dahin keine eigenen Kinder bekommen hatten. Ein Jahr nach seiner Adoption kam dann ich. Wie haben Sie mich gefunden?“

Jonathan erzählte ihr die ganze Geschichte, er fasste sie zusammen, so dass sie nur wenige Sätze einnahm.

„Und von Frau Junker habe ich erfahren, dass Ihre Eltern hier leben.“

Violetta sah zu Boden.

„Ich fürchte Frau Junker ist schlecht informiert.“

Erst jetzt viel Jonathan auf, dass sie gänzlich in schwarz gekleidet war.

„Unsere Eltern sind vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Das tut mir leid“, sagte Hannah.

Jonathan konnte es nicht sagen, es blieb ihm im Hals stecken.

„Wo ist Emil jetzt?“, fragte er stattdessen.

Sie antwortete nicht gleich. Als sie es tat, sah sie ihm direkt in die Augen. Ihre Augen waren wie Gesichter.

„Sie suchen Ihn und er sucht Gott. Er konnte nicht hier bleiben. Nach ihrem Tod hat ihn hier nichts gehalten, hat er gesagt. Auch nicht seine kleine Schwester, nicht seine Vio und im Land bleiben konnte er auch nicht. Er ist ausgewandert. Er lebt nun in Frankreich, in einem Kloster, als Mönch.“

Das also war die Verbindung nach Frankreich.

„In welchem Kloster? In welcher Stadt?“

Violetta sah ihn abwesend an.

„Ich weiß es nicht. Er wollte nicht gefunden werden. Er hat mich nicht informiert.“

„Hat er nie versucht mit Ihnen Kontakt aufzunehmen?“, fragte Hannah.

„Er schickt mir jedes Jahr zum Geburtstag eine Postkarte. Das ist alles.“

Jonathan schwieg einen Moment um die Schwester seines Bruders zu betrachten.

„Kann ich sein Zimmer sehen?“, fragte er und überraschte sich selbst.

Violetta zögerte. Ihr Mascara war an ihrem linken Auge verschmiert, ihm war gar nicht aufgefallen, dass sie geweint hatte. Sie sah ihn an, als hätte er den Papst gefragt, ob er katholisch sei.

„Es ist die dritte Türe links. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen keine Tour gebe aber mich regt das immer so auf ihre Zimmer zu betreten.“
Jonathan erhob sich langsam, stellte seine Kaffeetasse auf den Couchtisch und vergewisserte sich, dass Hannah ihm folgte. Der Gang mit den drei Türen auf jeder Seite war hell erleuchtet von Energiesparlampen. Einen Moment überlegte Jonathan seiner Neugierde nachzugeben und einen Blick in alle Zimmer zu werfen, er entschied sich jedoch dagegen. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er, selbst wenn er wollte, nichts tun konnte, dass seiner zurückhaltenden, ständig auf Etikette bedachten Erziehung entsprach. Er ließ seine Hand einen Moment auf der Klinke der dritten Türe auf der linken Seite ruhen. Mit Hannahs Atem im Nacken drückte er nach unten und die Tür schwang auf.

 

Er wusste nicht, was er erwartet hatte aber sicher nicht das. Das Zimmer war voll mit Ikonen. Von einer Wand lächelte ihm Maria mit dem Jesuskind entgegen, von einer anderen Johannes der Täufer, auf dem Schreibtisch befand sich eine hölzerne Statue von Christus am Kreuz. Ein einziges Bild zeigte nicht das Antlitz einer Heiligen, es war ein Familienfoto der Korns von dem alle vier die betrachtende Person anlachten. Emil musste etwa siebzehn gewesen sein, schätzte Jonathan. Er selbst war wohl kaum älter als sieben gewesen. Er konnte nicht anders als daran zu denken, dass er in diesem Jahr mit seiner Mutter ans Meer gefahren war. Sie waren mit dem Zug nach Slowenien gefahren, es war das erste Mal gewesen, dass er das Meer gesehen hatte. Er glaubte sich zu erinnern, dass er in diesem Urlaub einmal nachts aufgewacht war und seine Mutter hatte weinen hören. Aus Scham hatte er seinen Harndrang unterdrückt und hatte versucht wieder einzuschlafen. Vielleicht hatte sie einen Alptraum gehabt, eine Erinnerung an Herrn Samson, oder vielleicht hatte sie an ihren kleinen Emil gedacht. Es war eines der seltenen Male gewesen, dass Jonathan eine Gefühlsregung seiner Mutter miterlebt hatte. Sie, Tochter ihrer Mutter, war von der stoischen Art seiner Großmutter angesteckt worden, unfähig aus diesem Gefängnis auszubrechen. Und dann war sie wirklich in ein Gefängnis gekommen, aus dem sie nicht ausbrechen konnte und sein Leben war zur Hölle auf Erden geworden. Wie passend, dachte er, als er sich im Zimmer seines Bruders umsah. Er sah sich sein Bücherregal an und war überrascht im ganzen Zimmer keine Bibel zu finden. Hannah hatte es die Sprache verschlagen. Sie schien unfähig zu artikulieren, was sie dachte. Jonathan handelte wider seinen Instinkt und setzte sich auf das frisch gemachte Bett, er roch an der Decke, auf der sich eine Staubschicht angesetzt hatte. Er roch Bergamotte, entfernt aber doch. Was für ein Leben hatte sein Bruder gehabt? Er wollte es herausfinden.

„Lass uns die Wahrheit ans Licht bringen“, sagte er mehr zu sich als zu Hannah.

Sie nickte und verließ als erstes den Raum. Jonathan folgte ihr.

 

„Ich habe viele Fragen“, begann Jonathan.

Er hatte Violetta in derselben Position wie zuvor gefunden. Ihr Blick war unleserlich.

„Was wollen Sie wissen?“, fragte sie unmotiviert.

„Wie war eure Kindheit?“

Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Kunterbunt und biologisch. Würde ich sagen, wenn ich es zusammenfassen müsste. Meine Mutter war hoffnungslos chaotisch. Sie verlegte ständig ihre Sachen. Mein Vater hingegen hatte ein ausgeklügeltes Ordnungssystem, das er auf die Unordnung seiner Frau anwandte und sie damit zur Weißglut brachte, weil sie dann nichts mehr fand. Aber sie fand auch in ihrem Chaos nichts. Wenn wir mit unserer Mutter irgendwohin gingen, kamen wir immer mindestens zehn Minuten zu spät, mit unserem Vater waren wir zehn Minuten zu früh. Sie war unsympathisch zu spät und er unsympathisch pünktlich. Während unsere Mutter ihr Leben meist ihrer Arbeit widmete, sie sprach häufig über die Wichtigkeit von Uterus und Ovarien, Wörter, die ich als Kind nicht verstand; übernahm Papa die Erziehung. Er hatte hier gegenüber seinen eigenen Kindergarten aufgemacht und Emil und ich sind da auch hingegangen. Papa war ein Verfechter der Freiheit, er hatte seine Diplomarbeit über Kants Freiheitsbegriff in Bezug auf die Erziehung von Kindern geschrieben und lebte mit uns täglich seine Thesen. Er war geneigt uns nichts zu verbieten, er sprach gelegentlich Empfehlungen aus, ließ uns aber immer die Freiheit selbst zu entscheiden. Das ging so weit, dass er sich weigerte uns Ratschläge zu geben, wenn wir nicht wussten, was zu tun war. Er zitierte dann unterschiedliche philosophische Herangehensweisen und ließ uns eine davon wählen. Wenn sich später herausstellte, dass wir die falsche Entscheidung getroffen hatten, gab es zur Aufmunterung Schokoladencremetorte von Oberlaa. Er zwang uns stets Stellung zu beziehen und präzise kundzutun, warum wir die entsprechende Meinung vertraten und auf Grund dieser eine Entscheidung trafen. Mama, die eine weniger radikale Einstellung zur Freiheit hatte, wurde zu unserer Quelle der Weisheit. Sie stand immer mit Rat zur Seite und erwartete nicht von ihren Kindern alle Belange selbst in die Hand zu nehmen. Ich weiß nicht, wie oft sich unsere Eltern deswegen gestritten haben.“

Sie hielt inne, um einen Schluck Kaffee zu nehmen und fuhr dann fort:

„Emil und ich hatten beide in Deutsch immer die besten Noten, weil wir von unserem Vater gefordert wurden viel zu lesen und präzise zu denken und zu sprechen. Als ich vierzehn war, wollte meine Deutschlehrerin mich durchfallen lassen, weil sie nicht glauben konnte, dass ein Mädchen in meinem Alter über ein solches Vokabular verfügen konnte. Sie war sicher, ich hatte die Schularbeit von einem erwachsenen Menschen schreiben lassen und sie dann auswendig gelernt. Papa musste in die Schule kommen und der Frau erklären, dass ich die Arbeit selbst geschrieben hatte. Ich weiß noch, er war immer fröhlich, freundlich, lächelte.“

„Wurdet ihr in irgendeiner Weise religiös erzogen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Papa, ein überzeugter Atheist, fand, dass es jedes Menschen freie Entscheidung war, einen religiösen Glauben zu haben oder nicht. Emil hat bereits als Kind darauf bestanden, in die Kirche zu gehen, er betete täglich. Sein Taschengeld sparte er für Heiligenbildchen die er auf Flohmärkten kaufte.“

„Hat er jemals Fragen zu seinen leiblichen Eltern gestellt?“

„Nicht, das ich wüsste.“

„Weiß er, wer seine Mutter ist? Wer sein Vater?“

Jonathan hatte das Wort Vater beinahe vor ihre Füße gespuckt.

„Alle Informationen, die unsere Eltern hatten waren in einer Mappe im Bücherregal in ihrem Schlafzimmer. Das wusste er, sie sagten, wann immer er wollte, könnte er nachlesen. Ich weiß nicht, ob er es je getan hat.“
„Haben Sie jemals nachgelesen?“

Sie nickte leicht.

„Dann wissen Sie also Bescheid.“

Sie nickte noch einmal. Sie schwiegen einen Moment. Hannah war im Türrahmen zwischen Gang und Wohnzimmer stehen geblieben und hörte zu.

„Dürfte ich einen Blick in die Mappe werfen?“, bat Jonathan.

Sie nickte und Hannah verschwand einen Moment, um dann mit einer dünnen grünen Mappe wiederzukehren. Sie reichte sie Jonathan.

„Danke.“

Er atmete tief durch, bevor er sie öffnete.

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