Willkommen in meinem Gehirn

dietintenfisch ©

Jetzt fühle ich mich diskriminiert. In meinem  Allgemeine Psychologie 2- Skriptum steht, dass alle Menschen einen inneren Stadtplan im Gehirn haben. Quasi eine visuelle Repräsentation vom Straßennetz, und sich deshalb orientieren können. Ich hab keine Karte in meinem Gehirn, die mich garantiert von A nach B bringt. Ich kenn mich nirgends aus und schon gar nicht in Wien. Heißt das, ich bin kein Mensch?

Ich irre mal wieder durch die Straßen meiner Heimatstadt. Dabei hab ich mir extra den Weg vorher auf Google Maps angeschaut. Ich bin trotzdem irgendwo falsch abgebogen und auf unerklärliche Weise wieder dort gelandet, wo ich losgegangen bin. Die meisten Leute die ich kenne, Einheimische und Nicht- in- Wien- Geborene, bei denen ist das dann immer besonders lustig, kennen sich in meiner Stadt besser aus als ich. Menschen, die mich nach dem Weg fragen, muss ich in den meisten Fällen mit einer freundlichen Entschuldigung stehen lassen, weil das besser ist, als sie nach Favoriten zu schicken, wenn sie zum Opernball wollen. In meinem  Allgemeine Psychologie 2 Skriptum steht auch, dass der Parietallappen im Gehirn für Raum-Lageorientierung zuständig ist. Da muss bei mir was falsch gelaufen sein. Aber ich bin ja auch kein Mensch. Ich weiß zwar wo ich hin will, aber nicht wo dieser Ort ist und auch nicht, wie ich hinkomme. Aber weil ich nicht zum Aufgeben neige, gehe ich weiter in die falsche Richtung. Wenigstens bleibe ich dann nicht stehen! Dann muss ich mich nicht damit auseinandersetzen, dass ich mich schon wieder auf dem Weg zu meinen Nachbarn verlaufen habe. Sie wohnen  zwei Stöcke unter mir. Eigentlich ist das jedes Mal wieder überraschend. Weil ich am Weg zu meinen Nachbarn im Keller lande und endlich das Regal leerräume, das mir seit Monaten den Weg zu mehr Stauraum versperrt. Weil ich einen Aperol Spritz im Restaurant am Donauturm trinke, wenn ich das Hundertwasserhaus finden wollte und in einem Kaufhaus in der Videospielabteilung Ego Shooter ausprobiere, wenn ich eigentlich ein Kuscheltier für meine Nichte kaufen wollte. Weil ich kein smartes Telefon habe, sondern eines, das man in einem Museum ausstellen könnte, das ausschließlich telefonier- und Sms-fähig ist, hab ich natürlich auch kein allzeitbereites Internet, um Google Maps zu befragen oder Apps runterzuladen. Aber der Wiener Linien Seite und Google Maps kann man auch nicht immer trauen, die schicken einen in Sackgassen oder Straßen, die es gar nicht gibt. Dann bleiben mir Stadtpläne an Busstationen zum Orientieren, die ich nicht lesen kann, weil Stadtpläne für mich eine Fremdsprache sprechen. Schließlich frage ich Leute auf der Straße nach dem Weg. Das funktioniert meistens ganz gut, weil das Einzige, das ich immer unterscheiden kann, rechts und links sind. Mit Entfernungen hab ich aber auch so meine Probleme. Und wenn dann jemand sagt in dreihundert Metern müssen Sie rechts abbiegen, dann denk ich mir so: Hä? Und geh mal auf gut Glück los. Vielleicht passiert ja ein Wunder.

Wenn ich mit Leuten zu Fuß unterwegs bin, kann ich mich entweder auf die Unterhaltung mit ihnen, oder auf den Weg konzentrieren. Mein Allgemeine Psychologie 2 Skriptum nennt dieses Phänomen „selektive Wahrnehmung“. Was so viel heißt wie, dass ich mir beim nach Hause gehen fest vornehme, mich auf den Weg zu konzentrieren, nur um dann einem Luftballon zu folgen, der plötzlich vor mir schwebt, bis er in der Großfeldsiedlung an einem kaputten Fenster zerplatzt.

Bei anderen läuft aber irgendwie ein Orientierungsautopilot, der es ihnen ermöglicht ein super Gespräch zu führen und trotzdem problemlos am richtigen Ort anzukommen. Aber sie sind ja auch Menschen.

Ich hab schon mehrmals aus Verzweiflung Freunde, die wie Wombats, die einen Kompass verschluckt haben, immer den schnellsten Weg finden und sich überall orientieren können, angerufen. Und die haben mir dann übers Telefon beschrieben wie ich gehen muss, eine Meisterleistung, weil sie ja nicht wissen, wo ich bin, oder wie ich dort hingekommen bin, weil ich ihnen nicht erklären kann, ob ich stadtauswärts oder stadteinwärts gehe. Meinen Freunden sollte man den Wombat mit Kompass im Bauch- Orden verleihen.

Wenn ich gefragt werde, warum ich so einen schlechten Orientierungssinn habe, weiß ich darauf meistens keine passende Antwort. Das nächste Mal sollte ich sagen: Ich hab keinen Stadtplan in meinem Parietallappen und qualifiziere mich deshalb nicht als Mensch. Oder einfach: Willkommen in meinem Gehirn.

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