Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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Die Strecke in die Hansestraße war kurz, aber der Verkehr in der Innenstadt war zäh. Jonathan hatte genug Zeit seiner Oma zu erzählen, was sie herausgefunden hatten.

„Nun ja, das ist nicht sehr viel“, sagte sie, nachdem er seine Schilderung beendet hatte.

„Dann wollen wir mal hoffen, dass uns diese Frau Junker weiter helfen kann“, fügte Hannah hinzu.

Jonathan fragte sich nicht zum ersten Mal, warum sie so dahinter war, ihm zu helfen. Was hatte sie davon? Außer Thomas loszuwerden nicht viel.

„Woher wussten Sie, dass er bestechlich sein würde?“, fragte Clarissa Hannah.

Hannah antwortete nicht sofort.

„Ich habe in seiner Kabine einen Legokatalog gesehen, er war auf einer Seite aufgeschlagen, auf der eine Raumstation für 150 Euro eingekreist war. Daraus habe ich geschlossen, dass er sie sich kaufen will, aber sich nicht leisten kann. Jeder hat so einen wunden Punkt. Wenn man den findet, gewinnt man. Immer.“

„Oder wenn man schön ist“, sagte Jonathan und lief rot an.

Das war ihm raus gerutscht. Die Frauen schienen ihn nicht wahrzunehmen.

„Sie können gut kombinieren“, stellte Clarissa fest „ das gefällt mir“.

„Ich mag Menschen, die einen klaren Kopf bewahren.“

Hannah warf Jonathan einen Blick zu, den er nicht deuten konnte.

„Welche Sprache war das, in der du geflucht hast?“, fragte er.

„Das war russisch. Das ist meine Muttersprache. Meine Mutter ist mit fünfzehn aus Russland eingewandert.“

„Ich habe sieben Jahre lang russisch gelernt“, sagte Clarissa bevor Jonathan noch etwas sagen konnte.

„Sie sprechen russisch?“

Hannahs Augen leuchteten.

„Nun ja, ich habe seit vierundvierzig Jahren kein Wort mehr gesprochen.“

Der Rest ihrer Unterhaltung fand auf Russisch statt. Jonathan hörte gespannt zu, nicht weil er auch nur die entfernteste Chance hatte irgendetwas zu verstehen, sondern, weil er einmal mehr feststellte, wie wenig er über seine Großmutter wusste, von der er geglaubt hatte jede Marotte zu kennen. Je länger er zuhörte, desto schläfriger wurde er. Der zähe Verkehr vor ihnen war zu einem Überlastungsstau geworden. Jonathan schloss seine Augen.

Er erwachte zu Lithium von Nirvana, das gerade im Autoradio lief. Sie bogen in eine Straße ein, das Straßenschild verriet ihm, dass es die Hansestraße war. Sie blieben stehen.

„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte er.

„Zwanzig Minuten.“

Hannah sah ihn amüsiert an.

„Ist was?“, fragte er.

„Deine Haare.“

Jonathan warf einen Blick auf sein Spiegelbild und stellte peinlich berührt fest, dass ihn seine Frisur vom Schlafen im Auto aussehen ließ wie einen nassen Pudel.

„Nasser Pudel-genau was ich wollte“, sagte er während er die Autotür öffnete.

Er hörte Hannah lachen, als er ausstieg. Dario war direkt vor Nummer 23 stehen geblieben. Jonathan fragte sich wie er dort einen Parkplatz gefunden hatte. Er betrat das Gebäude, eine Bank und ging an einen der Schalter. Dort saß ein junger Mann, Jonathan ging weiter zum nächsten Schalter. Diesmal fand er eine Frau vor, sie trug kein Namensschild.

„Sind sie Annemarie Junker?“, fragte er.

Die Frau schüttelte den Kopf.

„Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“

Die Frau schüttelte den Kopf.

Hatte der Mann in der Parkgarage ihn angelogen? Hatte Hannah Unrecht und es ließ sich doch nicht jeder bestechen? Jemand tippte ihm auf die Schulter. Er drehte sich um und sah einer großen, schlaksigen Frau ins Gesicht, die er für etwa siebzig Jahre alt hielt.

„Sie suchen Annemarie Junker?“

Er nickte.

„In welchem Belangen?“

„Ich suche meinen Bruder, er war in dem Heim, in dem Annemarie Junker angeblich gearbeitet hat.“

„Folgen Sie mir“, sagte sie.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie einen Wischmopp und einen Kübel mit Wasser mit sich trug. Jonathan folgte ihr durch eine Hintertür in dem Bankgebäude und wunderte sich, dass Hannah ihm nicht gefolgt war. Die Frau, die gerade eben noch in der Bank sauber gemacht hatte, wies ihn an sich an einem weißen Plastiktisch nieder zu lassen. Es gab keinen Sessel, also setzte er sich auf den Tisch.

„Ich bin Annemarie Junker. Wie haben Sie mich gefunden?“

Sie hatte eine starke Kinnpartie, es schien fast schon, als würde die untere Hälfte ihres Gesichtes ­­­­­­­Nase und Augen verschlingen.

„Ich habe mit einem ihrer ehemaligen Kollegen gesprochen. Er arbeitet in einem Parkhaus.“

„Das war Freddie Ferhaus. Ein unangenehmer Mensch, wenn Sie mich fragen. Kein Arbeitsethos. Sie sagten, sie suchen ihren Bruder. Wie kann ich ihnen dabei helfen?“

„Herr Ferhaus sagte, Sie hätten Kopien von den verbrannten Heimakten.“
Sie nickte.

„Ich würde gerne nachsehen, wer meinen Bruder adoptiert hat.“

„Wie heißt Ihr Bruder denn?“

Jonathan lächelte.

„Das ist schon mal das erste Problem. Ich weiß es nicht. Er kam als Emil Meischner ins Heim. Dort nannte man ihn Pip.“
„Der kleine Pip.“

Sie lächelte.

Sie erinnerte sich, Jonathans Herz raste wieder.

„Dafür brauche ich die Akten nicht. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Ich habe im Heim als Haushälterin gearbeitet. Ich habe die Zimmer der Kinder sauber gehalten, ihnen frische Bettwäsche gebracht und so weiter. Der Tag an dem Pip uns verlassen hat war ein Donnerstag. Er ist mit einem Paar mitgegangen, dem einzigen, das seinen Erwartungen entsprach, deshalb nannten wir ihn auch Pip. Das waren die Korns. Sebastian und Zora Korn. Ich weiß das deshalb so genau, weil man Menschen wie diese beiden nicht so schnell vergisst. Es regnete an diesem Donnerstag, es war Weltuntergangsstimmung draußen aber als die beiden herein kamen war es plötzlich als würde die Sonne scheinen.“

Ihr Gesicht nahm einen merkwürdigen Ausdruck an. Es dauerte einen Moment, bis Jonathan ihn als Lächeln erkannte.

„Haben Sie eine Adresse der Beiden?“

Ihr Lächeln verschwand.

„Ich habe es vermieden zu den Familien der adoptierten Kinder Kontakt zu halten. Das war zu schwer für mich. Ich baute stets eine Bindung zu den Kindern auf und dann waren sie auf einmal weg. Dieses Hin und Her wäre für mich zu viel gewesen. Ich weiß nicht, wo die Korns gewohnt haben. Ich weiß, das ist jetzt enttäuschend für Sie. Das tut mir leid.“

„Dürfte ich vielleicht einen Blick in die Akte der Korns werfen? Dort muss doch eine Adresse zu finden sein“, schlug Jonathan vor.

Frau Junker antwortete nicht sofort. Dann sagte sie:

„Kommen Sie heute um 19 Uhr zu dieser Adresse. Das ist mein Haus, dort bewahre ich die Akten auf. Ich muss jetzt weiter arbeiten.“
Sie schrieb ihre Adresse auf einen kleinen Papierfetzen, den sie aus ihrer Hosentasche gezogen hatte und reichte ihn Jonathan.

Sie hatten beschlossen die Nachmittagskinovorstellung des neuesten Actionblockbusters anzuschauen. Jonathan hatte sich darüber gewundert, dass dieser Vorschlag von Clarissa gekommen war. Als er in dem weichen Sitz Platz nahm und die Lichter ausgingen, als sich die Werbung und Filmvorschau dem Ende zuneigte und ihr Film mit einem fulminanten lauten Start loslegte, spürte Jonathan Hannahs Hand in seiner. Ganz kurz.

Sie waren bei einer Tankstelle stehen geblieben, Dario hatte die Limousine aufgetankt, während er selbst und Hannah hinein gegangen waren, um Wasser zu kaufen. Clarissa war im Auto sitzen geblieben, sie hatte um eine Packung Zigaretten gebeten, woraufhin ihr der Chauffeur schweigend eine von seinen angeboten hatte. Sie hatte sie angenommen, ihm höflich gedankt und hatte die Zigarette eingesteckt. Dann hatte sie um Schokolade gebeten. In der Tankstelle lief ein Fernseher. Er zeigte ein Fußballmatch. Es war wohl irgendein Spiel, dachte Jonathan. Als Hannah ihren Blick zum Fernseher wandte, hellte sich ihr Gesicht auf, es bekam eine Art Leuchten. Sie blieb einen Moment stehen, um zuzusehen. Erst als Jonathan vier Flaschen Wasser, Schokolade und Gummischlangen aus den Regalen genommen und anschließend bezahlt hatte, schien sie zu merken, wo sie war. Jonathan bezahlte auch noch das Benzin, dann gingen sie zurück ins Auto.

„Fußballfan?“, fragte er sie am kurzen Weg.

„Und wie!“

„Was spielen die gerade?“

Hannahs Augen wurden riesig.

„Lebst du hinterm Mond? Die Weltmeisterschaft!“

„Ich schaue so gut wie kein Fernsehen und Radio höre ich auch nicht oft.“

Hannah zuckte mit den Schultern, wie als wollte sie sagen: „Dir kann man auch nicht helfen.“

Jetzt im Kino, als er wieder an die Ereignisse des vergangenen Tages denken musste, fühlte sich Jonathan von seiner Großmutter hintergangen. Sie war der Grund, dass er keinen Fernseher hatte, dass er so gut wie nie Radio, geschweige denn Musik hörte. Sie war der Grund dafür, dass sich sein kulturelles Wissen auf Operetten, Opern, Theater und Literatur des Sturm und Drang beschränkte. Sie war der Grund dafür, dass er vor Hannah dumm dagestanden war. Und jetzt tat sie so, als wäre sie weltoffen und an Actionfilmen interessiert, neuerdings schien sie auch zu rauchen!

Da-Hannahs Hand berührte ihn wieder.
Pünktlich um 19h stand Jonathan vor Frau Junkers Haus. Er hatte seine Haare gekämmt und sich ein Hemd angezogen. Warum wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht war es der Autogeruch, den er nicht mochte. Vielleicht versuchte er die Tatsache zu verschleiern, dass er die letzten zwölf Stunden fast ausschließlich im Auto verbracht hatte. Er hatte Blumen gekauft, aus einer Hoffnung, dass sie ihm mehr anvertrauen würde, wenn er ihr etwas schenkte-jetzt kam er sich blöd vor. Sein Finger ruhte bereits seit einiger Zeit auf der Klingel. Dario hatte die Damen in Amandas Haus gefahren. Jetzt wartete er vor Annemarie Junkers Haus, bis Jonathan fertig war, um ihn dann, ganz dienstbeflissen, ebenso nach Hause zu fahren. Sie hatten beschlossen ihre Reise nach Frankreich, wenn sie denn dorthin gehen sollte, warum auch immer seine Mutter das dachte, am nächsten Tag fortzusetzen. Jonathan hatte es plötzlich mit der Angst zu tun bekommen. Nun stand er hier vor diesem Tor und traute sich nicht die Klingel zu betätigen. Er gab sich einen Ruck und tat es trotzdem.

Frau Junker hatte zwei Gläser Rotwein vorbereitet. Sie standen auf ihrem Telefontisch. Sie schien aus einer Zeit zu kommen, in der Leute noch Festnetztelefone hatten, die auf Telefontischen standen und mit Drehscheiben bedient wurden. Jonathan musste daran denken, dass dieses Haus seiner Großmutter ausgesprochen gut gefallen würde. Die Tapete, der Stuck, die Möblierung. Sie wäre äußerst zufrieden hier, da war er sich sicher.

„Bitte, nehmen Sie Platz“, sagte Frau Junker und deutete auf das Wohnzimmer.

Jonathan leistete ihrem Wunsch folge und ließ sich im Schaukelstuhl nieder. Die Hausherrin betrat das Wohnzimmer einen Moment später mit den zwei Weingläsern in der einen und einer dicken Mappe in der anderen Hand. Sie stellte die Weingläser auf einem Beistelltischchen ab, setzte sich auf das Sofa, das gegenüber vom Schaukelstuhl stand und legte die Mappe auf ihren Schoß.

„Von welchem Jahr sprechen wir?“, wollte sie wissen.

„Etwa 1979“, half ihr Jonathan auf die Sprünge.

„Ach ja“, sagte sie, blätterte in der Mappe und reichte ihm gleichzeitig ein Rotweinglas.

„Danke.“

Jonathan hatte Wein nie sonderlich gemocht, im Haus seiner Großmutter hatte so etwas lasterhaftes selbstverständlich keinen Einzug gefunden. Seine Zunge war einfach nicht an den Geschmack von Wein gewöhnt, sein Kopf nicht an dessen Wirkung. Im Übrigen litt er noch immer an den Folgen seines letzten Besäufnisses vor zwei Tagen. Er kippte das Glas und prompt schenkte ihm seine Gastgeberin ein neues ein. Sie selbst nahm einen kleinen Schluck von ihrem Wein und stellte das Glas dann wieder beiseite. Jonathan fiel auf wie verändert sie in ziviler Kleidung aussah. Ihre Aufmachung, sie hatte sich die Haare zurechtgemacht und Schminke aufgetragen, verlieh ihr etwas Herrschaftliches. Ihr Zeigefinger glitt über die Zeilen, wie bei jemandem, der nicht gut lesen konnte. Wie sich herausstellte war ihr Problem nicht das Lesen, sondern ihre Weitsichtigkeit und ihre Eitelkeit. Sie würde keine Brille tragen, nie im Leben. Das hatte sie einmal mit ihrem Exmann gewettet und siebzehn Schilling dafür gewonnen.

„Ist ihr Mann verstorben?“, fragte Jonathan.

Sie sah ihn an, als wäre das die merkwürdigste Frage aller Zeiten und sagte:

„Er ist verreist.“

Jonathan fuhr mit der linken Hand sein Hosenbein auf und ab und war plötzlich dankbar für die Konversationskurse, die ihm Clarissa als Kind erteilt hatte. Smalltalk war seine Stärke.

„Ich mag Ihre Bilder“, sagte er.

„Ich sehe viel Klee.“

Frau Junker nickte eifrig, als sei er einer der wenigen Menschen, die ihre Kunstwerke zu schätzen wussten. Er wusste auch wie viel sie wert sein mussten.

„Soll ich lesen?“, schlug Jonathan vor.

„Was für eine wunderbare Idee.“

Annemarie reichte ihm die Aktenmappe. Jonathan blätterte ein Wenig zwischen den Jahren 1978 und 1980 herum, bis er fand wonach er gesucht hatte:

„Sebastian und Zora Korn adoptierten am 23.7.1979 den dreijährigen Emil Meischner.“

Seine Stimme zitterte leicht, als er diese Worte las. Da stand es schwarz auf weiß, da hatte er den Beweis. Er hatte einen Bruder. Ihm lief Gänsehaut über die Beine als er weiterlas.

„Wohnhaft in: Rasumofskygasse 3, 1030 Wien.“

Jonathan kippte sein zweites Rotweinglas und fühlte sich auf einmal schummerig. Er hatte vor einigen Jahren auf einer Uniparty festgestellt, dass er harten Alkohol ohne Probleme trinken konnte, er wurde davon nur langsam betrunken. Wein hingegen schien einen gegenteiligen Effekt auf ihn auszuüben.

„Da haben Sie’s“.

Frau Junker war im Begriff ihm ein drittes Glas Wein einzuschenken, er lehnte dankend ab und las weiter.

„Beruf: Gynäkologin, Kindergartenpädagoge. Andere Kinder: 0. Unfruchtbare Gynäkologin.“

Darunter war ein Foto. Es zeigte ein lachendes Paar, einen Mann mit Hut und eine Frau mit wallenden feuerroten Haaren und in ihrer Mitte einen kleinen Buben. Jonathan blickte in seine Augen und blickte in die Augen seiner Mutter. Wie die Augen seiner Mutter schienen die von Emil Geheimnisse zu bergen.

„Darf ich die haben?“, fragte Jonathan und deutete auf die Akte mit dem Foto.

Annemarie zögerte ein bisschen aber dann willigte sie ein. Immerhin ging es hier um seine Familie.

„Das ist das schönste Geschenk, das Sie mir machen können. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.“

„Sie brauchen nicht so höflich zu sein, ich bin nur eine einfache Haushälterin.“
„Jeder Mensch hat Höflichkeit verdient, so wurde ich erzogen.“

Es war spät geworden. Ohne es zu merken, war Jonathan zwei Stunden bei Frau Junker gewesen. Sie nahm die Akte aus dem Ordner und drückte sie ihm in die Hand.

„Brauchen’s a Klarsichtfolie a?“

„Bitte.“

„Moment.“

Annemarie Junker verschwand einen Moment in der Küche und kehrte mit einer Klarsichtfolie zurück, in die Jonathan das Dokument steckte, das für ihn die Welt bedeutete. Er erhob sich, ging zur Türe und reichte Frau Junker die Hand zum Abschied.

„Sie haben ein wirklich schönes Haus. Danke für Ihre Hilfe. Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen.“

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