Wie ich deine Mörderin traf

dietintenfisch ©

Liebe Emilia,

das ist die Geschichte von deinem Tod. Von deinem sinnlosen, qualvollen Sterben. Sie gehört erzählt, hier und heute, damit alle die Wahrheit kennen.

Ich traf sie zufällig. Es war klar, dass das so passieren würde, ich hatte sie tagelang vergeblich gesucht und dann bog sie vor mir auf der Straße um die Ecke. Ich erkannte sie sofort, das vergilbte Foto aus deiner Küche hatte sich in meine Erinnerung geschnitten, diese Augen wie tote Kristalle, der dünne Mund mit dem Lächeln einer Schlange, die einen Frosch verschlingen will. Sie hatte mich in meinen Alpträumen besucht, mal mit einem blutigen Messer, mal mit Krallen. Sie war faltig geworden, ihre Bewegungen waren langsam, ihr langer Mantel flatterte im Wind. Ich rückte meine Ärmel zurecht, holte Luft und ging auf die alte Frau zu. Sie schien mich erst zu bemerken, als ich direkt vor ihr stand. Uns trennte kein Zentimeter. Ich nutzte meine Größe, durch die Schuhe verstärkt, um imposant, furchteinflößend zu wirken. Sie wich zurück, ich ging mit.

„Was wollen Sie?“, fragte sie ungehalten.

Ich musste in diesem Moment selbst ausgesehen haben wie eine Schlange, die einen Frosch verschlingen will, ich zückte das metallene spitze Ding, das ich in meinem Ärmel versteckt gehalten hatte und bohrte es in ihr Fleisch. Altes, dürres Fleisch. Sie sah mich verständnislos an, sank zu Boden und rief um Hilfe. Ich sah das Blut durch ihre Kleidung sickern und machte mich aus dem Staub. Ja, Emilia, ich habe es getan. Ich habe dich gerächt. Ich tötete eine Krankenschwester. Ich tötete deine Mörderin.

Wir gingen an diesem Tag auf ein Eis. Mir hätten deine vorsichtigen Bewegungen auffallen müssen, du verhieltest dich ungewöhnlich sorgsam, sanft. Wir hatten begonnen am Fluss entlang zu gehen und ich konnte dich neben mir atmen hören. Was für ein Wunder Atem ist. Du sahst mich an, direkt in meine Augen und du hast gelächelt. Und dann hast du gesprochen. Deine Worte rissen mich auseinander. Unheilbar krank, nur noch wenige Wochen zu Leben. Was sagt man, wenn der Mensch, den man am meisten liebt, einen verlässt? Wie reagiert man auf diese Grausamkeit? Ich machte gute Miene zum bösen Spiel. Ich tat, worum ich gebeten wurde, ich kümmerte mich um alles. Ich suchte das Spital aus, das Einzelzimmer, die Krankenschwester. Ich glaube nicht an Zufälle, hast du gesagt. Ich glaubte nie an das Schicksal. Die Frau, die ich ausgesucht hatte, dich zu pflegen, dich zu heilen, betrat dein Zimmer an einem Oktobertag. Ich saß bei dir, wie jeden Tag und las ein Buch, während du eine Infusion bekamst. Dein Griff nach meinem Arm ließ mich aufschrecken. Noch mehr, dein verängstigtes Gesicht beim Anblick dieser Frau. Sie schien routiniert in ihrer Arbeit, sie wusste jeden Handgriff, ihr fortgeschrittenes Alter hatte ihr Erfahrung geschenkt. Ich schickte sie unter einem Vorwand aus dem Zimmer, dein Zittern hatte mich dazu gebracht. Ich kenne diese Frau, hast du gesagt. Sie hat in dem Heim gearbeitet, in dem ich als Kind war.

Sie war der Grund für die Narben an deinen Schenkeln, in deinem Intimbereich. Sie hatte manchen von euch Eierstöcke entnommen und ihrer kranken Tochter transplantiert, um deren Leben zu retten. So wie ihre Tochter starben viele der Mädchen im Heim an den Folgen der Operation. Als die Polizei kam, um Nachforschungen anzustellen, war sie längst über alle Berge. Bis zu dem Tag, als wir ihr im Krankenhaus begegneten. Du glaubtest, sie hatte dich nicht erkannt, du wolltest keine Anstalten machen, keine Polizei. Und dann, viel früher als erwartet, hörte dein Herz plötzlich auf zu schlagen. Die Ärzte sagten, eine überhöhte Menge Morphium sei in deinem Körper gefunden worden. Jemand müsste es dir verabreicht haben, ohne Absprache darüber gehalten zu haben. Die Krankenschwester mit den Augen wie tote Kristalle war nicht aufzufinden. Ich verhielt mich zunächst ruhig. Stellte Nachforschungen an, mit den wenigen Informationen, die ich hatte. Am vierten Tag hatte ich noch immer nichts herausgefunden, das mich weiterbrachte. Ich hatte nach dem Aufstehen, einem Instinkt folgend, ein Messer in meinem Ärmel versteckt und war aus dem Haus gegangen. Ich glaubte nie an das Schicksal und du nie an den Zufall. Und doch, begegnete ich ihr einfach so auf der Straße. Niemand nimmt mir die letzten Wochen mit meiner Geliebten, niemand verkürzt die Zeit, die uns bleibt.

Niemand.

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