Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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4

Die Zeit strich an ihnen vorüber, wie eine Hand über eine beschlagene Scheibe. Während Jonathan aus dem Fenster sah, dachte er, dass die meisten Menschen wohl Erinnerungen an ihre Großmütter hegten, die mit Fürsorge, Kakao vor einem Kamin und Geborgenheit zu tun hatten. Er konnte das nicht von sich behaupten. Die Erinnerungen an seine Kindheit versuchte er grundsätzlich zu verdrängen und wenn sie doch hochkamen, dann sah er Clarissa am einen Ende des Tisches sitzen und sich selbst am anderen. Er wusste noch, dass er mit seiner piepsigen Kinderstimme nahezu hatte schreien müssen, um seine Großmutter auf sich aufmerksam zu machen und das Salz von ihr zu bekommen. Er hatte gelernt, nicht zu widersprechen und sein Essen schweigend zu sich zu nehmen. Er hatte gelernt, für sich zu behalten, dass die Fisolen zerkocht waren und der Schinken versalzen. Er wusste, was ihm blühte, wenn er nicht spurte. Er wollte nicht mehr in die dunkle Kammer. Nie wieder. Also würgte er Bissen für Bissen gewaltsam herunter, bis er fühlte wie der Brei aus Fisolen und Schinken seine Speiseröhre hinunter floss. Seit sie vor einer Stunde wieder in die Limousine eingestiegen waren, hatte niemand ein Wort gesagt. Hannah sah aus dem Fenster, Clarissa strickte und Dario fuhr. Er hatte keine Fragen gestellt, nicht nach dem Weg, nicht nach dem dritten Passagier, dieser resoluten, alten Dame, die schnaufte wie ein Dampfschiff, nicht nach Jonathans offensichtlich schlechter Laune. Clarissa blickte von ihrer Strickerei auf.

„Nein, fahren Sie hier rechts“, wies sie Dario an.

Er fuhr nach rechts. Als nächstes sollte er nun links abbiegen und dann geradeaus weiter fahren, bis die Straße in einen Abhang mündete. Dort sollte er stehen bleiben. Jonathan tat bemüht uninteressiert und starrte aus dem Fenster. Der dienstbeflissene, pflichtbewusste Dario fuhr exakt an die Stelle, an die er bestellt worden war und parkte dort das Auto. Vor ihnen ragte ein riesiges Gebäude mit der Aufschrift „Parkhaus Gröbinger“ in die Luft. Jonathan hielt einen Moment den Atem an. Das musste das Parkhaus sein, von dem seine Mutter gesprochen hatte. Er vergewisserte sich in dem er wortlos aus dem Auto ausstieg und das nächste Straßenschild las. Braunerstraße. Sein Herz machte einen kleinen Satz. Jonathan ging zurück zum Auto, steckte seinen Kopf durch die Türe, die er offen gelassen hatte und sagte:

„Das ist es. Das ist das Parkhaus!“

Clarissa nickte. Für sie war das Antwort genug.

„Lass uns rein gehen und fragen, ob sie wissen, was aus dem Kinderheim geworden ist“, sagte Jonathan enthusiastisch zu seiner Großmutter.

Sie deutete auf ihre Beine und meinte:

„Die sind geschwollen. Ich bin alt. Geht ihr.“

Jonathan blickte Hannah an, sie zuckte mit den Achseln und verließ das Auto. Gemeinsam betraten sie das Parkhaus.

 

Wie viele Parkhäuser, war dieses vielstöckig. Es war duster und kalt, artifiziell beleuchtet und grau in grau an den Wänden. Der Geruch ließ verfaulte Kadaver hinter der nächsten Ecke vermuten, oder vielleicht doch eher Urin. Sie hatten sich verzettelt, wahrscheinlich waren sie beim falschen Eingang hinein, hier war weit und breit kein Schranken zu sehen, kein dicklicher, mürrischer Mann hinter dem Glas eines langweiligen Schalters mit einem langweiligen Monitor. Sie waren bereits in allen Etagen gewesen, waren diese auf und abgegangen, von vorne bis hinten und oben bis unten. Als sie bereits aufgeben wollten, erschöpft von dem vielen Stiegensteigen, bemerkte Hannah ein kleines rotes Licht in der Ferne. Jonathan, der sich mitten auf den Boden gesetzt hatte, weil ihm der Atem ausgegangen war, schöpfte neue Kraft und erhob sich. Außerdem war es ihm unangenehm vor Hannah unsportlich zu wirken. Sie waren anfangs am Dach gewesen und hatten die Aussicht über die Stadt genossen. Sie hatten die Limousine von oben gesehen, Dario angelehnt an das Auto, rauchend. Sie hatten Häuser gesehen, Bäume und Kirchen. Er hatte vergessen, wie schön es hier war. Hannah hatte ihm erzählt, dass sie erst seit zwei Jahren hier lebte. Sie kam aus Freistadt. Jonathan stand jetzt wieder auf den Beinen, neben Hannah; er fragte sich wie sie in ihren hohen Schuhen so lange gehen konnte, ohne vor Schmerzen umzukommen; und ging auf das rote Licht zu. Er hörte Hannahs klickende Schritte hinter sich. Je näher er kam, desto deutlicher konnte er einen Schranken ausmachen. Daneben ein kleines verglastes Häuschen, in dem ein schläfriger Herr Kaffee trank und fernsah. Abwechslung schien ihm willkommen. Jonathan trat auf ihn zu und sprach ihn freundlich an.

„Entschuldigen Sie bitte.“

„Sch-“, machte der schläfrige Mann, mit einer Handbewegung die zum winzigen Fernseher deutete, in dem ein Fußballspiel lief.

„Entschuldigen Sie bitte“, wiederholte Jonathan.

Der Mann ignorierte ihn. Jonathan verließ seine neugewonnene Energie und er sank auf den Boden. Er setzte sich einfach hin.

„He, sie können sich da nicht einfach hinsetzen!“

Der schläfrige Mann war aufgestanden, aus dem Häuschen getreten und funkelte Jonathan wütend an. Nun trat Hannah vor den Mann. Augenblicklich änderte sich seine Körperhaltung. Er hatte sie im Halbdunkel der Garage nicht gesehen, seine Schultern entspannten sich, sein Gesicht wurde freundlicher.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

„War hier früher ein Kinderheim?“

„Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?“

„Wie lange arbeiten sie schon hier?“

„Sieben Jahre.“

„Dann haben Sie ja sicherlich einiges mitgekriegt. War hier früher ein Kinderheim?“

„Wieso wollen sie das wissen?“

Er schien seine Informationen nur ungern herzugeben.

„Das geht Sie nichts an“, erwiderte Hannah ruhig.

Jonathan saß noch immer am Boden und hörte zu.

„Ich fürchte, dann kann ich Ihnen nicht helfen. Guten Tag.“

Er ging zurück in das kleine verglaste Häuschen und schloss die Türe. Hannah klopfte so lange an die Scheibe, bis er vor Wut die Türe wieder aufmachte und hinaus kam. Bevor sie etwas sagen konnte sagte Jonathan vom Boden nach oben:

„Ich suche meinen Bruder. Er ist in diesem Kinderheim aufgewachsen.“

„Achso. Und hat dieser Bruder auch einen Namen?“, wollte der Schläfrige wissen.

„Meine Mutter nannte ihn Emil. Emil Meischner. Wir wissen nicht, ob er heute noch so heißt.“

Der Mann überlegte. Er musste etwa sechzig sein, schätzte Jonathan.

„Bevor ich hier gearbeitet habe, war ich Hausmeister im Kinderheim. Ich war dort vierzig Jahre. Wann war ihr Bruder dort?“

Er wandte sich Richtung Boden mit seiner Frage.

„Das muss 1976 gewesen sein.“

„Warum sitzen Sie am Boden?“, wollte der Mann wissen.

Jonathan fasste die Frage als rhetorisch auf und beantwortete sie nicht. Stattdessen erhob er sich und stellte sich neben Hannah. Er konnte nicht glauben, dass sie jemandem begegnet waren, der im Kinderheim gearbeitet hatte; jemandem, der seinen Bruder kannte.

„Lassen Sie mich überlegen. 1976. Emil Meischner.“

Er stemmte seine Hände in die Hüften und sah zur Decke.

 

Hannah hatte viele Stärken, da war sich Jonathan sicher; Geduld war keine davon. Der kleine, dickliche Garagenwart hatte begonnen alle Namen der Kinder aufzuzählen an die er sich erinnern konnte, er hatte zu jedem Kind eine Liste an Details aufgezählt. Er schien sich daran zu erinnern, was für Haarfarben und Frisuren sie gehabt hatten, was sie am liebsten gegessen hatten, was für Spiele sie am Pausenhof gespielt hatten, von wem sie adoptiert worden waren. Als er bereits zwanzig Minuten am Stück sprach, trat Hannah ganz nah auf ihn zu, packte ihn am Arm und sagte:

„Emil Meischner, wir suchen nach Emil Meischner. Wir wollen nicht wissen, ob er lieber Fisolen oder Erdäpfelpüree mochte, oder wie er seine Haare zu tragen pflegte. Das interessiert uns nicht. Wir wollen ihn finden.“

Wenn Hannah etwas spannend fand, sagte sie nicht, ich möchte mehr darüber wissen, sie sagte einfach, das interessiert mich. Der Garagenwart sah sie entgeistert an, er hatte mitten im Satz aufgehört zu sprechen.

„Ich erinnere mich an keinen Emil Meischner“, sagte er schließlich.

Jonathans Köperhaltung sackte in sich zusammen. Die soeben erstandene Hoffnung, war wieder zusammengefallen.

„Jonathan, hast du ein Foto von deiner Mutter in deinem Portemonnaie?“, fragte Hannah.

Sie sagte nicht Geldbörse, Geldtasche, Brieftasche oder dergleichen, sie sagte Portemonnaie. Jonathan nickte. Er zog seine Brieftasche aus seiner Hose, klappte sie auf und zog das zerknitterte, vergilbte Foto seiner Mutter hervor. Er reichte es Hannah zögerlich. Dieses Foto hatte ihn sein Leben lang begleitet, es hatte seinen Geldbeutel nur wenige Male verlassen. Als Kind hatte er das Foto oft stundenlang angestarrt, wenn er Amanda vermisst hatte. Niemand wusste, dass er es hatte. Hannah musste eine gute Intuition besitzen. Er hatte es mit zehn Jahren aus der Kommode im Schlafzimmer seiner Großmutter gemopst und seitdem in seiner Geldbörse gelagert. Hannah nahm ihm das Passfoto aus der Hand und hielt es dem stämmigen Garagenwächter vors Gesicht.

„Das ist Emil Meischners Mutter. Erinnern Sie sich vielleicht an einen Buben, der ihr ähnlich sah?“
Er nahm das Foto in die Hand und starrte es eine Weile an, dann nickte er.

„Ich erinnere mich an einen kleinen Bub, er war ein paar Monate alt, als er zu uns kam. Er hatte dieselben Augen, wie die Frau auf diesem Bild. Er war drei Jahre bei uns. Er war ein stilles Kind, hat gerne beobachtet, dem ist nichts entgangen.“

Jonathans Herz hatte schneller zu schlagen begonnen. Er war jetzt auch ganz nah an den Mann heran getreten, er wollte jedes Wort hören. Hannah stand nur wenige Zentimeter von ihm entfernt.

„Erinnern Sie sich noch, wer ihn adoptiert hat?“

„Er war sehr beliebt, viele Paare wollten ihn adoptieren. Aber er war wählerisch. Wir nannten ihn Pip, weil er große Erwartungen an seine zukünftige Familie hatte. Deshalb hat es nicht bei mir geklingelt, als sie Emil Meischner gesagt haben. Es gab nur ein Paar das seinen Vorstellungen entsprach. Haben Sie schon einmal ein Kind in einem Heim erlebt, dass freiwillig dort geblieben ist?“

„Wer hat ihn am Ende also adoptiert?“, fragte Jonathan.

„Eine Gynäkologin und ein Kindergärtner.“

„Wie sind ihre Namen?“, fragte Hannah mit einem Gesicht dessen Farbe einer Tomate glich.

Weil Jonathan fürchtete, dass sie dem Mann jeden Moment ins Gesicht schlagen könnte, trat er zwischen die Beiden.

„Das müssen Sie in den Akten nachsehen. Ich erinnere mich nicht an alle Namen. Ich bin schließlich nicht mehr der Jüngste.“

„Wo sind diese Akten?“, fragte Jonathan weiter.

„Oh, sie sind verbrannt.“

In diesem Moment hätte Jonathan dem Mann selbst gerne ins Gesicht geschlagen. Er atmete tief durch und dachte an die vielen Male, in denen er sich in Contenance geübt hatte. Er hatte diesen speziellen mentalen Ort, in den er sich zurückziehen konnte, wo er plötzlich ganz ruhig wurde.

„Aber wie sollen wir denn in den Akten nachschlagen, wenn sie nicht mehr existieren?“, hörte er sich fragen.

„Woher soll ich das wissen?“

Hannah schubste Jonathan unsanft zur Seite und baute sich vor dem Mann auf.

„Vielleicht hilft das ihrem Gedächtnis etwas auf sie Sprünge?“

Sie hielt einen fünfzig Euroschein in der Hand. Der Mann schüttelte den Kopf. Hannah legte einen zweiten Fünfziger auf den Ersten.

„Ah, ich glaube, ich beginne mich zu erinnern. Es gab eine sehr fleißige Mitarbeiterin in dem Kinderheim, Annemarie Junker. Sie hat Kopien von allen Akten.“

„Wo finden wir sie?“, fragte Hannah.

„Oh, mein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste, wissen Sie.“

Hannah legte einen weiteren Geldschein auf die vorigen zwei und wedelte damit vor seinem Gesicht herum.

„Sie arbeitet in der Hansestraße 23.“

Hannah warf das Geld vor ihm auf den Boden, zog Jonathan am Ärmel Richtung Ausgang und fluchte dabei in einer Sprache, die Jonathan nicht verstand.

 

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