Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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Sie hatten seit Stunden nichts gesagt. Jonathan hing seinen Gedanken nach und vermutete, dass es Hannah ebenso tat. Er ertappte sich dabei sich zu fragen, woran sie dachte. Er ertappte sich dabei, dass er sie ansah. Sie erinnerte ihn an den Kandinsky. Er verspürte den Drang sie zu berühren und eine Ehrfurcht, die ihn davon abhielt. Kurz vor ihrer Abfahrt hatte sie hastig ein Kleid übergeworfen, es eilig glatt gestrichen und die Ärmel nach oben gekrempelt. Während er sie begutachtete, begann ihm eine Tatsache zu dämmern. Sein Herz begann zu rasen. Sie waren auf der Flucht. Thomas war wahrscheinlich bereits hinter ihnen her. Jonathan spürte wie Schweiß auf seiner Stirn ausbrach. Hannah packte ein Parfumfläschchen aus ihrer Handtasche aus und als sie sich damit einsprühte, trat Jonathan der fruchtige Geruch der Geburtstagstorte an seinem zehnten Geburtstag in die Nase. Hannah bemerkte seinen Blick und lächelte in den Rückspiegel.

„Wieso möchtest du nach Frankreich?“, fragte sie.

„Ich möchte da jemanden besuchen.“

„Und wo in Frankreich lebt dieser jemand?“

„Können wir anhalten?“, fragte Jonathan.

„Musst du aufs Töpfchen?“

Jonathan schmunzelte über ihre Ausdrucksweise.

„Nein. Ich muss nachdenken.“

 

Egal wie sehr er es auch drehte und wendete, er brauchte mehr Informationen. Gestern hatte Amanda ihm keine Einzelheiten genannt, sie war vermutlich viel zu aufgewühlt dafür gewesen. Er brauchte einen Anhaltspunkt, wenn er seinen Bruder finden wollte. Einfach drauf los fahren war blödsinnig, auch wenn er seine Gesellschaft sehr mochte. Dario stand etwas abseits, rauchend, Hannah war an das Auto gelehnt und kritzelte etwas in ein winziges Notizbuch.

„Können wir umdrehen?“, fragte Jonathan.

„Ich würde gerne weiterfahren.“

„Es ist wichtig, dass wir umdrehen“, beharrte Jonathan.

„Wieso?“

„Ich bin auf der Suche nach meinem Bruder. Dafür muss ich mit meiner Mutter reden.“

„Dein Bruder wohnt in Frankreich?“

Jonathan nickte.

„Kannst du deine Mutter nicht anrufen?“

„Nun ja, sie hat nicht wirklich ein Telefon.“
„Heutzutage? Das nenne ich mal oldschool.“ „Wo wohnt sie denn? In einer Höhle?“

„Im Gefängnis.“

Einen Moment lachte Hannah, Dario hatte sich ihnen zugewandt, dann sah sie Jonathan ins Gesicht, vielleicht zum ersten Mal, seit sie sich kannten.

„Du meinst das ernst“, sagte sie.

Hannah hielt das Notizbuch noch immer in einer Hand und den Stift in der anderen.

„Sie hat jemanden umgebracht“, sagte Jonathan und hoffte dabei geheimnisvoll zu klingen.

Einen Moment lang standen sie einfach so da, Dario rauchte, der Himmel grau, Hannah kratzte sich am Kopf und Jonathan war sich unsicher, was er sagen sollte. Er war sich ziemlich sicher, dass Hannah kein Interesse daran hatte Thomas zu begegnen, falls sie Angst hatte, überspielte sie das ziemlich gut mit ihrer fröhlichen Art. Sie wandte sich zu Dario um, der ihr zunickte.

„Okay“, sagte Hannah und sie drehten um.

 

Obwohl er schon viele Male hier gewesen war, fühlte sich Jonathan wie ein Fremder, als sie die ausladenden Gänge entlang gingen, die in das Innere des Gebäudes führten in dem seine Mutter eingesperrt war. Ihm drängte sich das Gefühl auf, dass ihn das Haus verschlucken wollte, dass auch er bald für immer hinter Gittern sitzen würde. Eine Gänsehaut bildete sich auf seinen Oberarmen. Er war froh, dass er ein Hemd trug und Hannah nicht sehen konnte, dass er schauderte. Sie ging neben ihm, ein kleines Stück größer als er. Auf der Rückfahrt hatte sie ihm erzählt, dass sie ihre ganze Faust in den Mund stecken konnte, das fand er toll. Sie waren gerade eben noch in eine Konversation verstrickt gewesen, als sie das Gefängnis betreten hatten, war Schweigen eingetreten. Sie hatten sich nicht angemeldet, normalerweise war das so vorgesehen, man sollte sich anmelden, wenn man kam. Dann wurden einem einige Fragen gestellt, wer man sei, was man hier wollte, wen man besuchte. Jonathan war darauf vorbereitet gewesen, am Schalter mit Frau Krause zu sprechen, wie er das sonst tat, wenn er hier war. Jedoch saß am Schalter eine Frau, die er noch nie gesehen hatte. Er trat an den Schalter heran und zupfte sein Hemd zu Recht.

„Mein Name ist Jonathan Meischner. Ich möchte meine Mutter besuchen.“

Die Frau hinter dem Glas schob eine Klappe zur Seite, um mit ihm zu sprechen.

„Ihre Mutter ist bereits da“, erwiderte die Dame hinter dem Schalter.

„Ja, das weiß ich. Das ist sie schon seit zwanzig Jahren.“

Die Frau schüttelte den Kopf.

„Ihre Großmutter ist hier“, sagte sie.

„Meine Großmutter?“, er stand auf der Leitung.

Hannah, die ein paar Schritte hinter ihn getreten war, trat nun an ihn heran und fragte, ob es ein Problem gäbe.

„Nein, kein Problem.“

„Wer sind Sie?“, fragte die Dame hinter dem Glas und sah Hannah scharf an.

„Sie gehört zu mir“, sagte Jonathan, bevor Hannah es abstreiten konnte.

„Sie können zu Ihrer Mutter, sobald ihre Großmutter geht. Das ist für gewöhnlich so gegen fünf.“

Sie schloss die Klappe, das Gespräch war beendet.

 

Hannah und Jonathan warteten vor dem Gebäude in der Sonne, sie hatten sich ein Eis gekauft. Nebenan stand ein Eissalon mit ägyptischen Inhabern, die vierundzwanzig Jahre in Italien gelebt hatten. Jonathan hatte seine Lieblingskombination gewählt, Schokolade, Vanille, Haselnuss. Hannah hatte Mango, Pistazie und Heidelbeere, sie nahm nie dieselben Eissorten zweimal, beteuerte sie. Das sei viel zu langweilig. Dario war im Auto sitzen geblieben, er hörte Musik, die sehr leise auch draußen zu hören war.

„Glaubst du man kann an der Wahl der Eissorten einer Person auf ihren Charakter schließen?“, fragte Hannah.

„Natürlich nicht.“

„Also du meinst, dass deine Lieblingseiskombination nichts über dich aussagt?“

„Naja ich hab noch nie andere Sorten probiert.“
„Und ich nehme nie die Gleichen!“

„Vielleicht kann man doch von der Eissorte auf die Persönlichkeit schließen“, räumte Jonathan ein.

Ihm brannten so viele Fragen auf den Lippen, die er sowohl seiner Mutter, als auch seiner Großmutter stellen wollte. Die Frau am Schalter hatte gesagt, für gewöhnlich. Er konnte gar nicht beginnen zu begreifen, was das hieß. Er wollte nicht begreifen, was das hieß. Er hatte sein Eis zur Hälfte weggeschleckt, als Hannah ihr Stanitzel bereits aufgegessen hatte. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und Lippen, um die verbliebenen Eisreste von ihrem Mund zu entfernen. Gerade als er Hannahs verschmutze Lippen mit einem Witz kommentieren wollte, fiel ihm die leicht gebückte, schwer gehende Gestalt auf.

„Oma!“, rief er und ging energisch auf sie zu.

„Bubele. Wolltest du nicht nach Frankreich?“, sie hatte ein leichtes Lächeln aufgesetzt, eines von denen, die man sich auch einbilden konnte.

„Doch aber erst muss ich mit meiner Mutter reden.“

„Das habe ich auch gerade getan, sehr aufschlussreich, wenn du mich fragst.“

„Ich habe aber nicht gefragt“, meinte Jonathan patzig und winkte Hannah zu, dass sie kommen sollte.

Hannah löste sich zögerlich von der Stelle und kam langsam auf Jonathan und seine Großmutter zu.

„Wen hast du denn da aufgegabelt?“

Hannah gesellte sich zu ihnen und reichte der alten Frau die Hand.

„Grüßgott, ich bin die Hannah. Mein Bühnenname ist Hannah Lies, Hannah lügt. Ich bin Sängerin.“

„Mein Name ist Clarissa Meischner. Sehr erfreut. Ich bin Großmutter.“

Die Frauen tauschten einen Händedruck. Jonathan wollte etwas sagen, er wollte seiner Großmutter Gemeinheiten an den Kopf werfen, sie zur Rede stellen, warum sie ihm nie erzählt hatte, dass sie ihre Tochter regelmäßig besuchte. Dann fiel ihm auf, dass er ihr ja auch nie wirklich davon erzählt hatte, dass er ihre Tochter regelmäßig besuchte.

„Wir müssen jetzt gehen, Besuchszeit ist bis 18h“, erklärte Jonathan mit einem Blick auf Clarissas Armbanduhr.

„Na gut, wenn ihr es eilig habt, will ich euch nicht länger aufhalten. Aber bitte Bubele, lass mich nicht im Dunkeln tappen. Gib Bescheid, wenn du das Land verlässt und vor allem, wenn du angekommen bist.“

„Ja Oma“, versprach Jonathan.

Er gab ihr einen schüchternen Kuss auf die Wange, Hannah schüttelte ihr erneut die Hand und dann betraten sie das Gefängnis zum zweiten Mal an diesem Tag.

 

Er hatte Hannah gebeten, im Gang auf ihn zu warten. Plötzlich war ihm ihre Gegenwart unangenehm gewesen. Er fühlte sich auf einmal, als würde sie sich Zutritt zu etwas schaffen, das sie nichts anging. Dabei hatte er sie doch selbst eingeladen. Ihm war bei dem Gedanken unbehaglich gewesen, dass sie seine Mutter so kennen lernen würde, hinter Gittern. Er wünschte sich, dass sie sie einmal so kennenlernen würde, wie er sie kennengelernt hatte, als lebensfrohe, unabhängige Frau. Als freie Frau. Wenn er rational dachte, wusste er, dass dieser Wunsch nicht zu realisieren war. Wie es aussah, würde seine Mutter im Gefängnis sterben. Bevor er sich an den Tisch setzte, an dem in wenigen Sekunden auch Amanda Platz nehmen würde, atmete er tief durch. Er hatte sich nicht überlegt, was er zu ihr sagen würde. Vielleicht hätte er das tun sollen. Er war verunsichert und hätte sich am liebsten am Absatz umgedreht, um zu verschwinden; da sah er das müde, eingefallene Gesicht, das ihm jeden Dienstag matt entgegen lächelte.

„So eine Überraschung, da bin ich am Weg zurück in meine Zelle, da halten sie mich auf und schicken mich zurück. Ihr Sohn ist da, haben sie gesagt. Erst die Mama, jetzt du. Ist heute Weihnachten?“

Jonathan trat an den Tisch und ließ sich nieder.

„Hallo. Ich hab nicht lang Zeit. Ich-„

Er suchte nach den richtigen Worten.

„Ich möchte meinen Bruder finden. Aber dazu brauche ich deine Hilfe. Ich brauche seinen Namen, den Namen des Klosters in dem er lebt, die Stadt, in der das Kloster steht.“

„Er lebt in Frankreich“, sagte sie.

„Ja das weiß ich schon. Aber das hilft mir nicht weiter, oder?“

„Ich habe nicht mehr Informationen als diese. Ich kenne seinen Namen nicht. Ich habe ihn Emil genannt. Emil Meischner. Ob er heute noch so heißt ist mir nicht bekannt.“

„Was ist mit ihm passiert, nach seiner Geburt?“

„Er kam ins Heim.“
„Wie hat das Heim geheißen?“

„Heim schöne Au oder so. Es existiert nicht mehr. Es wurde vor einigen Jahren aufgelöst und jetzt ist dort ein Parkhaus. Das hat mir Mama erzählt.“

„Besucht sie dich oft?“

„Jeden Tag außer Dienstag. Dienstag ist dein Tag.“

„Du musst dich doch erinnern können, wie das Heim hieß, in das du deinen Sohn gegeben hast.“
„Das ist vierzig Jahre her mein Schatz. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie das Heim geheißen hat.“

„Und wie soll ich meinen Bruder dann finden?“

Sie antwortete nicht.

„Dich wurmt das. Hätte ichs dir am Ende nicht erzählen sollen?“

„DU HÄTTEST ES MIR SCHON VIEL FRÜHER ERZÄHLEN SOLLEN!“

Jonathan erschreckte sich vor sich selbst. Er hatte nicht vorgehabt zu brüllen, es war einfach aus ihm heraus gepurzelt. Er sah in die angsterfüllten Augen seiner Mutter und schämte sich. Man schrie seine Mutter nicht an und schon gar nicht, wenn sie eindeutig am kürzeren Ast saß. Die Leute im Raum hatten alle ihre Köpfe zu ihnen gewandt. Jeder hatte ihn wohl schreien gehört.

„Es tut mir leid“, sagte er eilig und es stimmte.

„Ich weiß mein Schatz, ich weiß. Das ist alles was ich dir sagen kann. Das Kinderheim stand in der Braunerstraße 17, daran kann ich mich noch erinnern. Das ist alles. Es tut mir leid. Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen.“

Das hoffte Jonathan auch. Sie schwiegen einen Moment.

„Ich werde ihn finden, das habe ich mir vorgenommen“, sagte Jonathan.

„Viel Glück“, sagte Amanda und erhob sich. „Die Besuchszeit ist zu Ende, es ist 18h.“

„Mama? Mama!“, rief Jonathan ihr hinterher aber da war sie schon verschwunden.

 

Draußen wartete Hannah und stellte keine Fragen. Sie gingen gemeinsam hinaus und Jonathan war überrascht Clarissa auf einer Parkbank vor dem Gefängnis sitzen zu sehen. Er hatte damit gerechnet, dass sie längst nach Hause gegangen war. Er ging schnurstracks auf sie zu und setzte sich neben sie auf die Bank. Für einen Moment vergaß er vollkommen, was Hannah tat.

„Ich weiß, dass du mehr weißt, als du zugibst.“

„Du hast mich nie gefragt.“

Das stimmte aber er hatte seine Gründe gehabt, warum er nicht gefragt hatte. Er hatte sich nicht wohl gefühlt bei seiner Oma. Sie war selten liebevoll mit ihm umgegangen, wie hätte er da fragen sollen?

„Ich war ein Kind. Du hättest mir das alles ordentlich erklären müssen.“

„Aber jetzt bist du ein erwachsener Mann. Warum hast du die letzten zehn Jahre nicht gefragt?“

Er war kurz davor eine Antwort zu geben, die er bereuen würde, als sie die Hand hob und sagte:

„Ich mache dir einen Vorschlag. Ich sag dir was ich weiß und du nimmst mich mit nach Frankreich.“

„Wie bitte?“ „Wieso willst du denn nach Frankreich?“

„Du willst deinen Bruder kennen lernen und ich meinen Enkelsohn.“

Aber du hast doch schon einen, dachte Jonathan, sprach es aber nicht aus. Er überlegte, was er von dem Vorschlag seiner Großmutter halten sollte. Er erinnerte sich an seine Kindheit, als sie ihn oft mit ihrer geistigen Überlegenheit um den Finger gewickelt hatte. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart heute noch wie ein Kind, wie ein Kind das etwas falsch gemacht hatte und von ihr eine Strafe erwartete. Er kannte Clarissa gut. Wenn sie ein Ziel verfolgte, bekam sie was sie wollte, daran führte kein Weg vorbei. Er konnte mit ihr Streiten und ihnen beiden das Leben schwerer machen, oder ihr geben was sie wollte und dafür etwas bekommen, dass er unbedingt wollte. Er entschied sich für die zweite Möglichkeit. Er wandte sich zu Hannah, die anders als er erwartet hatte, nicht in der Ferne gewartet hatte, sondern sich direkt neben die Bank gestellt hatte.

„Meine Oma fährt mit“, sagte er.

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