Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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Hannah lachte. Sie waren in einer Spelunke gelandet, die Jonathan an einem guten Tag als schäbig aber charmant bezeichnet hätte. Thomas hatte gemeint, er kenne den Besitzer; also waren sie rein, auf einen Absacker. Sie hatten die letzten Stunden damit verbracht, sich von Thomas Chauffeur in Thomas Limousine kutschieren zu lassen. Thomas war Investmentbanker, wie er häufig betonte. Sie hatten über angeln und den Sommer gesprochen, über das aktuelle Weltgeschehen und stets war Thomas Hand auf Hannahs Oberschenkel gelegen und sie hatten Cocktails getrunken und je mehr Alkohol Jonathan in seinem Blut spürte, desto öfter fragte er sich, warum liegt meine Hand eigentlich nicht da? Jonathan fühlte sich wie eingebettet in Watte. Er hörte und spürte alles gedämpft, den Barhocker unter seinem Gesäß, das Glas in seiner Hand, Hannahs Lachen. Wie waren sie hier her gekommen? Es war sein Geburtstag, daran erinnerte er sich. Er erinnerte sich noch immer. Er kippte sein Glas und bestellte noch eines. Hannah war in seiner Nähe. Er konnte ihre Nähe spüren.

„Hast du Eltern, Hannah?“, hörte er sich sagen und bereute seine Wortwahl.

Hannah war die Sorte Frau, bei der er sich nie Erfolgschancen ausgerechnet hatte. Jede ihrer Bewegungen war ein Bergbach und ihre Stimme war rau. Sie hatte graue Augen. Sie sprach nicht viel, aber wenn dann war es ein geistreicher Kommentar, eine witzige Anekdote oder ein gut platziertes ‚Aha‘. Jonathan empfand ihre Gegenwart als ausgesprochen angenehm. Statt einer Antwort, schenkte sie ihm ein Lächeln und nahm einen Schluck von ihrem Brandy. Sie hatte etwas Geheimnisvolles an sich. Jonathan konnte nicht ganz sagen was es war. Es lag in ihrem Blick. Wie merkwürdig. Thomas war so grob und laut, er lachte und sprach wie ein Holzfäller, trug eine Rolex am Handgelenk und ein Hugo Boss Hemd am Körper, bezahlte alle Drinks. Irgendwann sangen sie Arm in Arm ‚Fight for your right to party‘ und grölten lauter als Hooligans bei einem Fußballspiel. Jonathan wollte mit aller Kraft vergessen, was er heute erfahren hatte, er wollte mit aller Kraft vergessen, was ihm seine Mutter erzählt hatte. Er würde trinken bis er es vergessen hatte, das war sein Ziel. Also nahm er noch einen Schnaps an, den ihm Thomas reichte und kippte sich auch diesen hinter die Binde. Irgendwann konnte er kaum noch torkeln und auf einmal waren sie an der frischen Luft. Hatte der Barmann sie hinaus geschmissen? Jonathan konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Er stand in seiner eigenen Kotze. Es stank bestialisch.

 

Sein Schädel war eine zerplatzte Melone. Seine Augen zu öffnen war wie einen extra harten Schlag ins Gesicht zu bekommen. Er sah Hannah in die Augen, die sich gerade über ihn beugte. Er lag in einem Bett.

„Wo bin ich?“

„Wie fühlst du dich?“

„Wie zerkaut und ausgespuckt.“

„Hier“, sie reichte ihm ein Glas Wasser, nein es war kein Wasser, es war Aspirin.

Jonathan nahm einen Schluck und dann immer mehr, bis das Glas leer war und dann sagte er nichts.

„Ich glaube, du brauchst Kaffee und etwas im Magen“, sagte Hannah.

„Ich kann nicht aufstehen.“

„Ich rufe den Zimmerservice.“

„Zimmerservice?“

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie nur einen Bademantel trug.

„Wir haben dich gestern hierher gebracht, in ein Hotel, weil wir nicht wussten, wo du wohnst und du es uns nicht mehr sagen konntest.“

Jonathan nickte, das klang nach einer vernünftigen Idee. Langsam kam seine Erinnerung zurück.

„Wo ist der Thomas?“

„Er hatte einen beruflichen Notfall.“

Jonathan sah sich um, Hannahs Kleid lag auf einem der Sessel im Raum, ihre Strumpfhose lag auf dem Boden. Hannah hatte nach dem Telefonhörer gegriffen und telefonierte mit der Rezeption. Ihre Armreifen und ihre Kette lagen auf der Kommode neben ihren Ohrringen. Eine Frage begann sich Jonathan aufzudrängen. Ihm fielen die Augen zu und das Pochen in seinem Kopf wollte nicht nachlassen, es fiel ihm schwer einen klaren Gedanken zu fassen. Hannah legte den Hörer auf die Gabel.

„Wunderbar, sie bringen uns Frühstück ans Bett“ erklärte sie lächelnd und ging ins Badezimmer.

„Hannah?“, fragte Jonathan laut, damit sie ihn im Badezimmer hören konnte.

„Ja?“

„Haben wir letzte Nacht im selben Zimmer geschlafen?“

„Habe ich das nicht erwähnt? Du warst völlig hinüber, ich musste sicher gehen, dass du auch wirklich ins Bett kommst.“

„Und deinen Mann hat das nicht gestört?“

„Ach woher denn? Es war seine Idee, dass ich hier bleibe und nach dir sehe, falls du was brauchst.“

Jonathan hatte ein flaues Gefühl im Magen, das  nicht darauf zurück zu führen war, dass er gestern Nacht über den Durst getrunken hatte, sein Instinkt sagte ihm, dass etwas faul war. Bevor er diesem Verdacht auf den Grund gehen konnte, klopfte es an der Türe und plötzlich stand eine dampfende Tasse Kaffee neben ihm und ein dampfender Teller mit Ham and Eggs. Er griff nach der Tasse und nahm einen kräftigen Schluck, damit sein Schwindel endlich aufhörte. Er fühlte sich als würde sein ganzer Körper aufatmen, als der Kaffee seine Lippen benetzte und der Dotter seinen Rachen herunter rann. Es war im Badezimmer still geworden.

„Hannah, möchtest du Kaffee?“, fragte Jonathan unsicher.

Aus dem Badezimmer kam ein Schluchzen, dann eine Hannah, deren Schminke verschmiert war. Sie sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen.

„Lass uns abhauen“, sagte sie ohne Vorwarnung.

Weil Jonathan darauf nicht reagierte, setzte sie sich zu ihm an die Bettkante und sah ihn eindringlich an.

„Thomas ist nicht mein Mann. Er ist mein Chef. Wenn wir uns beeilen, kommen wir hier weg, bevor er zurück ist. Dann erspare ich mir eine Menge Ärger und du dir eine Menge Geld.“

Jonathans Gehirn ratterte, er brauchte einen Moment das zu verdauen. Dann kippte er den Kaffee, stopfte sich das ganze Spiegelei mit dem Schinken darauf in den Mund und erhob sich.

„Okay“, sagte er und schlüpfte in seine Kleidung.

 

Die Limousine war einfach vor dem Hotel gestanden, der Fahrer hatte draußen geraucht. Schon als er Hannah sah, trat er seine Zigarette aus und setzte sich hinter das Lenkrad. Hannah instruierte ihn zur Autobahn zu fahren.

„Hast du deinen Pass dabei?“, fragte sie.

Jonathan verneinte.

„Können wir ihn holen?“

Jonathan nickte.

„Dario, fahren Sie bitte zu der Adresse, die ihnen Jonathan nennt. Wir holen dort seinen Pass ab und dann fahren wir nach-wohin willst du fahren?“

„Frankreich“, sagte Jonathan ohne lange zu überlegen und wunderte sich über sich selbst.

Hannah nickte leicht.

„Wir holen Jonathans Pass und dann fahren wir nach Frankreich“, widerholte sie.

Der Chauffeur nickte. Die Limousine roch nach Champagner und Erbrochenem. Jonathan hielt sich die Nase zu. Hannah öffnete das Fenster auf ihrer Seite und der Wind in seinem Gesicht, war ein Gebirgsbach. Er hatte seine Augen geschlossen, sie fielen ohnehin von selbst zu. Erst, als das Auto zum Stehen kam, sah Jonathan aus dem Fenster und stellte fest, dass sie vor dem Haus seiner Mutter angekommen waren.

„Wartet hier. Ich hol schnell meinen Pass.“

Er schlug die Türe des Autos hinter sich zu und betrat das Haus. Wie gewöhnlich knarrte der Holzboden unter seinen Füßen. Während er nach seinem Pass zu suchen begann, hörte er die schnaufenden Schritte seiner Großmutter die Stiegen hinunter steigen.

„Wo warst du?“, fragte sie, als sie im Zimmer stand.

Sie stützte sich auf ihren Stock und sah ihn durch ihre riesige Brille an.

„Zuerst bei Mama und dann in einer Bar.“

„Wozu?“

„Ich habe meinen Geburtstag gefeiert.“

„Was suchst du?“

„Meinen Pass.“

„Wozu?“

„Ich fahre weg.“
„Wohin?“

Er sah ihr direkt ins Gesicht.

„Ich besuche meinen Bruder in Frankreich.“

Ihre Miene blieb starr wie gewohnt.

„Na dann wünsch ich dir viel Spaß“, mehr sagte sie nicht.

Jonathan fand seinen Pass, griff sich einen Rucksack, der herumstand, warf unmotivert ein paar Kleidungsstücke, zwei Bücher und seine Kreditkarte hinein, sagte zu seiner Großmutter Auf Wiedersehen und stieg wieder in die Limousine. Er hatte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass Hannah auf ihn warten würde.

 

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