Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

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„Verstehen Sie denn nicht? Niemand hasst sie. Das wird so nichts werden. Sie brauchen ein paar Feinde. Welche von der übelsten Sorte. Nur dann haben sie wirklichen Erfolg! Mein Auftrag lautet also für Sie: Gehen Sie raus, erleben Sie was und kommen Sie mit einem blauen Auge wieder. Nur dann nehme ich Sie unter Vertrag! Sie müssen ihr Image polieren, ein paar Fieslinge finden, die Ihnen so richtig die Fresse einschlagen, das ist was die Leute interessiert.“

Jonathan neigte nicht zu emotionalen Ausbrüchen, dafür hatte er zu lange mit seiner Großmutter unter einem Dach gewohnt. Statt dem Mann, der ihm gegenüber saß also an die Gurgel zu springen, mit rotem Gesicht und viel Spucke ins Gesicht zu brüllen, blieb er genauso ruhig sitzen wie zuvor, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Innerlich liefen seine Alarmglocken auf Hochtouren, äußerlich begutachtete er die Krawatte des Chefredakteurs vor sich. Er konnte sich nicht entscheiden ob sie eher kotzgrün war oder Avocado. Fridolin Glaser, einer der renommiertesten Journalisten des Landes, ein vielbeschäftigter Mann und eine Berühmtheit oben drein, fast schon eine Legende, saß an seinem Schreibtisch und strich sich über seinen Wohlstandsbauch und Jonathan dachte bei sich: „Der hat schon bessere Tage gesehen.“

Er saß da wie ein fetter Klops, der mal hier und mal da eine Cremeschnitte verdrückte, seiner Sekretärin heimlich auf die Brüste starrte, einen Praktikanten anschrie und jedes Jahr den Geburtstag seiner Frau vergaß. Sein Bauch wölbte sich über seinen Hosenbund, sein Pullover war schmutzig grau und hatte Senfflecken und sein schütteres Haar verlieh ihm auch keinen Glanz. Jonathan hatte sich das alles anders vorgestellt. Natürlich hatte er nicht mit einer sofortigen Veröffentlichung seiner Geschichte gerechnet, dazu besaß er zu viel Pessimismus, aber so eine bodenlose Frechheit hatte er nicht erwartet.

„Es geht doch nicht um mich in dem Artikel“, sagte er leise.

Fridolin Glaser sah ihn fast mitleidig an, packte eine Extrawurstsemmel aus seiner Aktentasche aus und biss geräuschvoll hinein.

„Schauen Sie Jungchen, als ich so alt war wie Sie, da hat nur eines gezählt im Journalismus: Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Je skandalöser ein Typ, desto eher hatte er Chancen, er musste nicht mal ein guter Journalist sein, er hat im Büro seine Sekretärin gevögelt, während er mit seiner Frau telefonierte und nebenbei noch eine Line Koks gezogen, und alle lagen ihm zu Füßen, weil er ein harter Hund ist, verstehen Sie was ich meine? Image, sage ich, Image ist alles. Ich würde ihre Geschichte ja veröffentlichen, sie schreiben gar nicht so schlecht, hier und da ein paar andere Worte vielleicht, aber das würde niemand lesen. Glauben Sie mir, ich bin lange genug in dieser Branche, um das zu wissen.“

Jonathan runzelte die Stirn und kam sich dabei vor wie ein schmollendes Kind.

„Was ist ihre Arbeit?“, fragte Fridolin Glaser.

„Ich bin Lehrer an einem Gymnasium.“

„Fächer?“

„Physik und Philosophie.“

„Hm. Haben Sie irgendwelche krassen Hobbys oder Vorlieben oder so?“

„Nein.“

„Wie oft haben Sie ihre Frau betrogen?“

„Ich bin nicht verheiratet.“

„Langweilig! Sie sind völlig langweilig! Ich kann Sie beim besten Willen nicht in meine Zeitung lassen. Da kommen nur abgefahrene Typen rein. Ich könnte sie natürlich mit einem Gerücht über Nacht berühmt machen, ich kenne da zwei Bulgaren, wenn Sie verstehen was ich meine?“

Er grinste und schob sich noch einen Bissen Semmel zwischen die Zähne. Dieser Mann war eine Witzfigur, völlig verrückt aber beängstigend.

„Nein danke“, sagte Jonathan und stand auf.

Er zog Fridolin Glaser die zehn A4 Seiten aus der Hand und ging.

 

Die Bar war räudig und stank. Das hatte Jonathan verwundert. Sie hatte den Ruf des Hotspots der Stadt; wer sich hier blickenließ gehörte zur hippsten crowd, hatte er sich sagen lassen. Dementsprechend hatte er sich stilvoll gekleidete Barkeeper und Djs mit Sonnenbrillen und Neonfarben vorgestellt; hier jedoch wurde er von einer mürrischen Mittvierzigerin in einem bauchfreien T-shirt bedient, die Beleuchtung war miserabel und Bier gab es auch keines. Jonathan hatte gehofft wenigstens sinnlos betrunken mit einem Fremden philosophieren zu können aber der Barhocker neben ihm war leer. Er hatte einen Moment überlegt zu gehen aber da hatte ihm die Barkeeperin schon einen Whiskey-Sour vor die Nase gestellt und er hatte beschlossen sich dann eben alleine sinnlos zu betrinken. Jonathan blickte sich um, außer ihm waren nur noch drei andere Gestalten anwesend, die er automatisch zum Stammklientel rechnete. Ein Mann saß ganz im Eck, mit frontalem Blick auf die Bühne, sein Gesicht wurde von den Scheinwerfern beleuchtet, er hatte ungewöhnlich hohe Wangenknochen und kleine Augen. Überhaupt wirkte er eher schmächtig. Jonathan ließ seinen Blick von dem Mann im Eck zu einem Mann in seiner Nähe, drei Barhocker weiter wandern. Auch er hatte seinen Blick zur Bühne gewandt. Er lehnte mehr an seinem Barhocker, als das er auf ihm saß, in der Hand hielt er ein volles Glas und taumelte vor und zurück; ohne dabei etwas von dem Whiskey in seinem Glas zu verschütten. Anscheinend bekommen hier alle Whiskey Sour, dachte Jonathan. Der dritte Mann war in ein Telefongespräch verwickelt, das seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er schien dem Glas neben sich kaum Beachtung zu schenken, bis er es in einem Zug leerte und lautstark auf den Tresen knallte, woraufhin ihm die Barfrau nachschenkte. Auch er schielte immer mal wieder zur Bühne. Jonathan fragte sich nun wirklich, was da kommen würde. Er drehte sich um, so dass er den Tresen im Rücken hatte und die Bühne frontal fixierte. In diesem Moment gingen die Bühnenlichter schlagartig aus und als sie wieder angingen, stand eine Frau auf der Bühne. Ganz klar, sie war der Grund, warum diese Männer heute Abend hier waren. Schon bevor sie begann etwas zu tun, als sie einfach nur dastand nahm sie Jonathan den Atem. Und dann begann sie zu singen.

Es dauerte einen Moment bis er wusste, wo er war. Jemand rüttelte an seiner Schulter.

„He, Sie, wir haben Sperrstunde!“

Die ruppige Barkeeperin  herrschte ihn an zu bezahlen und dann zu gehen.

„Wie heißt die Sängerin?“, fragte er völlig verdattert.

Er legte Geld auf den Tresen. Die Ruppige antwortete nicht sofort. Sie suchte übertrieben lange nach dem passenden Kleingeld und erst als sie es ihm in die Hand drückte, sagte sie:

„Hannah Lies, das ist ihr Künstlername.“

„Tritt sie oft hier auf?“

Sie warf ihm einen genervten Blick zu. Er war nicht der Erste, der sie das fragte.

„Jeden dritten Dienstag im Monat.“

Dann hatte er also Glück gehabt ausgerechnet heute hier gewesen zu sein.

„Heute ist mein Geburtstag“, sagte Jonathan als wäre das von Bedeutung für die Kellnerin und verließ die Bar.

Vor der Türe überraschte ihn die Kälte. Er traf einen der anderen Männer an.

„Zum ersten Mal hier?“, raunte dieser ihm entgegen.

„Ist das so offensichtlich?“

Der Mann nickte.

„Und Sie?“

„Ich bin Stammkunde.“

„Gibt’s in dem Schuppen auch was anderes als Whiskey?“

Ein Kopfschütteln.

„Sind Sie schon aufgewacht?“, fragte der Fremde.

„Aufgewacht wovon?“

„Aus Ihrer Trance! Das ist die typische Hannah-Trance, passiert jedem, der sie zum ersten Mal sieht. Ich hab das vorhin mitgekriegt, Sie sind einfach ein bisschen weggekippt. Ist nichts wofür Sie sich schämen müssten oder so.“

„Was haben Sie heute Abend noch so vor?“, fragte Jonathan.

Der Mann zuckte die Achseln.

„Ich habe nämlich heute Geburtstag und ich bin allein.“
„Skandalös! Sie kommen mit mir! Wir warten auf Hannah und dann kommen Sie mit uns mit und wir feiern schön.“

„Mit uns?“

„Hannah ist meine Frau“, erklärte er.

Natürlich war eine Frau wie sie verheiratet.

„Ich bin übrigens der Thomas“, fügte er hinzu.

„Jonathan, angenehm.“
Er hatte es etwa eine halbe Stunde lang nicht fassen können. Sie war da einfach vor ihm gesessen, wie all die Male zuvor und hatte ihm die Wahrheit gesagt, einfach so ins Gesicht, ohne Vorwarnung, Umschweife oder Schonung.

„Du hast einen Bruder, Jonathan. Er ist zehn Jahre älter als du. Er weiß nichts von dir, oder von mir. Ich habe ihn nach seiner Geburt in ein Kinderheim gebracht. Es hieß Haim-Heim, weil der Besitzer Haim mit Nachnamen heißt. Ich weiß nicht, was seit dem mit ihm passiert ist. Ich konnte nicht seine Mutter sein. Ich verbannte ihn aus meinem Leben und aus meinen Gedanken; nie aber vollständig aus meinem Herzen. Ich war vierzehn, als ich ihn bekam. Ich hatte in diesem Sommer Klavierstunden genommen, weil meine Eltern sich einbildeten ich hätte Talent. Sie schickten mich zu Herr Samson, er lebte allein, seine Frau war vor vielen Jahren gestorben, er hatte nicht mehr geheiratet, er war Pianist. Er brachte mir Chopin und Beethoven bei, ich spielte wie ein Traum, wie meine Mutter zu sagen pflegte. Ja, Herr Samson brachte mir Klavierspielen bei, er nahm sich für mich Zeit. Aber er nahm sich auch meinen Körper. In absoluter Stille. Ich habe danach nie wieder Klavier gespielt. Meinen Eltern habe ich aus Scham und Angst erst davon erzählt, als ich plötzlich mit einem Baby vor ihnen stand. Sie hielten mich an darüber zu schweigen und es einfach zu vergessen. Ich gab meinen Sohn in ein Waisenhaus und machte weiter wie zuvor, als wäre nichts geschehen. Zumindest so lange ich unter Beobachtung stand; wann immer die Lichter ausgingen, kam eine Tränenflut. Zehn Jahre später verbrachte ich eine Nacht mit einem jungen Musiker, wir wussten beide, dass es nicht zu mehr als einer Zusammenkunft kommen würde und du wurdest gezeugt, mein Engel. Und dann nochmal viele Jahre später, sah ich ihn plötzlich auf der Straße, Herrn Samson. Der Zufall hatte es so gewollt, dass er in das Haus gegenüber eingezogen war. Er war alt geworden, schwerfällig in seinen Bewegungen. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist, mir ist eine Sicherung durchgebrannt. Ich bin einfach hinüber, in seine Wohnung und habe auf ihn eingestochen, so lange bis er sich nicht mehr geregt hat. Dann erst ließ ich von ihm ab, weil ich wollte, dass er den Schmerz fühlte, den er mir zugefügt hatte. Hat er mich erkannt? Ich glaube ja. Hat er verdient dafür zu sterben, was er mir und wahrscheinlich vielen anderen Frauen angetan hat? Ja. Habe ich verdient ins Gefängnis dafür zu gehen ihn umgebracht zu haben? Mit Sicherheit.“

Er war dort gesessen, unfähig etwas zu sagen. Er wollte etwas tun, hätte etwas sagen sollen. Nur welche Worte hätten ausgereicht, um sagen zu können, was er fühlte? Er hatte also ihre Hand genommen und ganz fest gedrückt. Und dann hatte er geweint.

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