Amandas Geheimnis

dietintenfisch ©

Prolog:

Im Haus seiner Mutter hing ein Kandinsky. Als Jonathan sie einmal gefragt hatte, wie sie in den Besitz dieses Gemäldes gekommen war, hatte sie ihm erzählt, dass sie vor vielen Jahren eine Nacht mit einem Fremden verbracht hatte, der sich am nächsten Tag als der berühmte russische Maler entpuppte. Nach ihrer gemeinsamen Nacht hatte Kandinsky ihr das Bild geschenkt, mit den Worten: „Damit du mich niemals vergisst.“ Sie hatte mit einem Augenzwinkern hinzugefügt, dass es sich bei Wassily Kandinsky unter Umständen um seinen Vater handeln konnte. Um seinen Vater hatte sie stets ein Geheimnis gemacht; sie hatte allerhand Geschichten über ihn erzählt, eine fantastischer als die andere; er war Pilot, Wüstenforscher und Archäologe zugleich gewesen, einmal war er ein stattlicher Mann von fünfundvierzig, dann wieder ein Abenteurer am Amazonas, der seinen achtundsiebzigsten Geburtstag in einem Kajak feierte. Als Kind hatte Jonathan diese Geschichten geliebt, er konnte sich seinen Vater dadurch so vorstellen, wie er ihn haben wollte. Je älter er wurde, desto mehr nervte es ihn, dass seine Mutter ihm jedes Mal etwas vorflunkerte, wenn sie von seinem Vater erzählte. Jonathan hegte den Verdacht, dass sie gar nicht wusste, wer sein Vater war. Vielleicht war es ihr peinlich vor ihrem Sohn zuzugeben mehrere Männer zu kennen auf die eine Vaterschaft zutreffen könnte. Außerdem hatte sie andere Sorgen; sie saß lebenslänglich hinter Gittern. Jonathan war seit er zehn Jahre alt war von seiner Großmutter aufgezogen worden. Sie schätzte keine emotionalen Szenen und übte Contenance. Jonathan hatte sie nie auch nur eine Gefühlsregung zeigen sehen; sie schien ständig apathisch, abwesend fast, als wäre sie nicht Teil dieser Welt sondern einer fernen, schöneren. Manchmal verdächtigte sie Jonathan mit dem Leben abgeschlossen zu haben und nur noch auf den Tod zu warten; wenn sie ihn mit diesem zerstreuten Blick betrachtete, als wäre sie gerade aus einer Unterhaltung gerissen worden und müsste sich jetzt neu orientieren. Ihr Enkel vermutete, dass sie diese unsichtbaren Gespräche mit ihrem verstorbenen Ehemann führte; Jonathan hatte ihn nie kennen gelernt. Obwohl sie im selben Haus wohnten, Jonathan in der unteren und seine Großmutter in der oberen Etage; hatte er ihr Schlafzimmer nur wenige Male betreten; jedoch oft genug um zu wissen, dass ein Foto seines Großvaters ihren Nachttisch zierte. Zu dem Haus, das seine Mutter vor vielen Jahren günstig bekommen hatte, gab es zwei unterschiedliche Eingänge, so dass man sich, wenn man wollte, aus dem Weg gehen konnte. Es kam vor, dass sie zusammen Abend aßen und währenddessen fernsahen, dann konnte Jonathan die schwerfälligen Schritte schon auf der Stiege ächzen hören, lange bevor er seine Großmutter sehen konnte, wenn sie zu ihm herunter stieg. Den Abstieg ließ sie sich aber bitteschön nicht nehmen und lehnte das wiederholte Angebot ihres Enkels ab, er könne die oberen Zimmer beziehen und sie die unteren. Nein, seine Großmutter schätze keine emotionalen Szenen; sie übte Contenance. Als ihre Tochter des Mordes beschuldigt und zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden war, hatte sie darauf gewohnt gefasst reagiert: „Jetzt ham wir den Salat“, mehr hatte sie dazu nicht gesagt.

Wenn es nach ihr, Ilse, gegangen wäre, wäre die Sprache nie wieder auf ihre Tochter gekommen, sie war für sie am Tag ihrer Verhaftung gestorben. Jonathan hingegen besuchte seine Mutter regelmäßig. Er hatte seiner Großmutter nie erzählt wohin er jeden Dienstagnachmittag ging; sie bevorzugte es diese Angelegenheit, wie sie es nannte, zu verdrängen; aber er vermutete, dass sie wusste wohin er ging. Jonathan wünschte sich manchmal, er könnte seinen zehnten Geburtstag verdrängen und vergessen; die Sirene des Polizeiautos, die an- und abschwoll, erst in der Ferne, dann ganz nah; oder die fassungslosen Gesichter der Partygäste, die halb gegessene Geburtstagskuchenstücke auf ihren Tellern liegen ließen, die das Geburtstagskind weinend in den Armen seiner Großmutter zurück ließen; welche ihn anherrschte sich gefälligst zusammen zu reißen. Jedes Mal, wenn er Amanda besuchte, brachte er ein Buch mit. Er las ihr vor; die ganze Stunde, die er mit ihr hatte verwendete er fürs Lesen, weil sie immer so gespannt war, wie es in der Geschichte weiter ging. Er hätte ihr gerne Fragen gestellt, ihre Stimme gehört, ihre Nähe gespürt, sich ihrer Liebe vergewissert, aber jedes Mal, wenn er ihr gegenüber saß und sie in ihrer Gefängniskluft sah, konnte er nicht anders als einfach nur zu lesen bis ihm die Stimmbänder versagten. Aber damit war jetzt Schluss. Das hatte er sich fest vorgenommen und nahm an diesem Dienstag, dem 28.Oktober, seinem dreißigsten Geburtstag, kein Buch mit, als er aus dem Haus ging, um seine Mutter im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses zu besuchen. Er wollte Antworten. Er hatte dreißig Jahre ohne Vater gelebt, zwanzig ohne Mutter, ihm war das Kindsein verboten worden, als Erwachsener standen ihm Antworten zu. Er hatte keine Ahnung was seine Mutter gerne aß, oder ob sie lieber rot oder blau mochte. Sie war ihm entrissen worden, bevor er ihr all diese Fragen hatte stellen können. Er war sich nicht sicher, was er gesehen hatte, ihr Fernseher war alt und schäbig gewesen, das Bild verwackelt und der Ton abgehackt. Sie hatten damals kaum etwas Anderes berichtet. Die berühmte Balletttänzerin, die einen noch berühmteren Boxer erstochen hatte. Ilse und er hatten eine Nachrichtensendung zusammen angesehen, nachdem Amanda abgeführt worden war, in der der Tathergang und die Beweise gegen seine Mutter geschildert wurden; damit war für Ilse die Angelegenheit beendet. Jonathan hatte sich nicht getraut zu fragen, was erstechen denn eigentlich bedeutete und was eine DNS war und warum ein Haar, das von seiner Mutter gefunden worden war, so eine große Rolle spielte. Tot, ermorden, das hatte er mit zehn nicht verstanden, manchmal war er sich nicht sicher, ob er es heute verstand. Ihm war als Kind nichts erklärt worden, er hatte sich alles selbst zusammen gereimt und lebte mit dieser schwammigen Halbwahrheit. An diesem Dienstag, dem 28.Oktober, seinem dreißigsten Geburtstag, fuhr Jonathan mit gemischten Gefühlen zu seiner Mutter.

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