Orangen und Zimt

dietintenfisch ©

Im Gedenken an alle die zu Weihnachten unfreiwillig alleine sind:

 

Lieber Phillip,

der Geruch nach Zimt und Orangen fällt mir gar nicht mehr auf. Ich denke an meinen ersten Tag und daran, wie ich noch tagelang nach dem Waschen Orange in meinen Haaren riechen konnte. Heute wünsche ich mir, dass meine Kopfschmerzen endlich verschwinden. Tag ein Tag aus atme ich die Dämpfe der Parfümerie ein und ruiniere Areale in meinem Gehirn, kein Witz, mein Hausarzt hat das gesagt, und was bekomme ich dafür? Nicht einmal Urlaub am vierundzwanzigsten Dezember. Okay, ich bin immer die Erste gewesen, die sich über Weihnachten beschwert hat, die geschimpft hat über die gierigen Menschen in Einkaufszentren und gelacht hat über die albernen Dekorationen, die jetzt überall hängen; von Schokoladenweihnachtsmännern im Oktober mal abgesehen. Trotzdem, arbeiten an Heilig Abend ist wie nasse Socken in nassen Schuhen, es macht krank. Ja, ich kann verstehen, dass jemand da sein muss, der die Inventur macht, ja ich kann verstehen, dass Andere, Kollegen mit Kindern, dringender frei haben wollen; dass mein Weihnachtsabendprogramm weniger wichtig erscheint, als glückliche Kinderaugen beim Geschenke auspacken. Was tu ich denn schon groß, außer fernsehen und Wein trinken? Trotzdem, oder genau deshalb wollte ich nicht die sein, die arbeiten muss, nicht an einem Tag, der mich stärker als jeder andere daran erinnert, dass ich niemanden habe, der heute mit mir feiern will. Meine Kollegen, meine Freunde, meine Nachbarn, sie alle haben jemanden; einen klapprigen entfernten Verwandten in einem Altersheim, der nur an Feiertagen besucht wird; einen guten alten Kameraden, eine Großfamilie. Und dann die Kunden; sie verbringen mitunter Stunden damit das richtige Parfüm für ihre Geliebten zu finden und ich soll ihnen dabei helfen. Dass mein Geruchssinn beinahe verloren gegangen ist, behalte ich dabei stets für mich. Ich kenne unser Sortiment auswendig und kann die Kunden exzellent beraten. Ich nehme meine Arbeit ernst, warum auch nicht, sie macht den größten Teil meines Lebens aus, sie ist mein Mittelpunkt, mein Grund jeden Tag aufzustehen. Gerade deshalb wäre es schön gewesen einmal, nur einmal, eine kleine Aufmerksamkeit für meinen Fleiß zu bekommen, ein kleines Geschenk, eine winzige Gehaltserhöhung, eine Geste der Anerkennung. Stattdessen wurde ich zum Arbeiten verdonnert, weil mein Chef ein Ultimatum von seiner fünfundzwanzigjährigen Geliebten bekommen hat, dass sie ihn verlassen würde, wenn er nicht am Heiligabend bei ihr ist; was er nicht kann, weil seine Frau und sein Kind nichts von seiner Affäre wissen und fix mit seiner Anwesenheit zu Weihnachten rechnen. Ja nur weil Herr Lamprecht in einem Gewissenskonflikt steht, weil er nicht entscheiden kann, mit wem er Weihnachten verbringen will, hat er kurzfristig entschlossen nach Hawaii zu fliegen; ohne Svetlana und ohne Frau und Kind. Und ich muss jetzt das Geschäft führen. Lara und Peter, das Parfümeriepaar haben letztes Jahr ein Baby bekommen, André ist nach Spanien zur Hochzeit seines Bruders geflogen, Elisabeth verbringt das Fest dieses Jahr mit der Familie ihres neu angetrauten. Ich, ohne Familie, habe schlechte Karten. Ich zähle nicht als Urlaubsanwärterin, ich habe keinen Grund für Urlaub, warum brauche ich denn freie Tage, wenn ich sie nicht mit Kindern oder für eine Partnerschaft nützen kann? Als ob es so abwegig wäre einmal Urlaub von allem, von der Arbeit, sich selbst, den Kollegen haben zu wollen, als ob es so abwegig wäre, mal den ganzen Tag nur im Bett liegen zu wollen, Filme anzuschauen, die Bücher zu lesen, die seit Monaten am Nachtkasten liegen und Schokolade zu essen! Ohne Familie gilt man eben als Mensch zweiter Klasse! Ich kann mich gerade sehr aufregen, ich könnte mich sogar in Rage schreiben, Phillip, aber stattdessen schreibe ich dir. Warum gerade dir, fragst du dich. Du konntest dich auch immer so herrlich ärgern, fuchsteufelswild konntest du werden, richtig leidenschaftlich, das hab ich geliebt. Ich hab überhaupt viel an dir geliebt. Warum schreibe ich dir? Ich habe mich seit fünf Jahren nicht bei dir blicken lassen, dir keine Auskunft über meinen Standort gegeben, so weit du weißt, könnte ich vom Erdboden verschluckt worden sein. Du hast mir mal eine Frage gestellt. Und ich schulde dir eine Antwort. Du wolltest wissen, was ich sagen würde, wenn ich in fünf Jahren auf mich zurück schaue. Auf mein Ich damals, erinnerst du dich an den Moment? Wir standen unter einem Mistelzweig und du hast mir diese Frage gestellt, was glaubst du denkst du über dich selbst in fünf Jahren und ich war sprachlos, weil wir unter dem Mistelzweig standen. Damals hab ich so getan, als hätte ich etwas im Auge gehabt, um nicht antworten zu müssen. Ich hatte eine Antwort parat, aber ich wollte sie nicht sagen. Ich hab dir nie irgendetwas gesagt, nicht wirklich. Ich nehme dir nicht übel, dass du gegangen bist. Ich neige nicht zu Sentimentalitäten aber heute will ich dir schreiben, was ich mich nicht zu sagen getraut habe, als ich die Chance dazu hatte. Mag es an Weihnachten liegen, oder an meiner Wehmut nach Gesellschaft, oder daran, dass heute Dienstag ist. Ich schulde dir eine Antwort. Was ich über mich selbst in fünf Jahren denke ist heute dasselbe wie vor fünf Jahren: Ich bin allein und ich vermisse dich.

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