17 Jahre

dietintenfisch ©

Ich sehe sein Gesicht vor mir, die großen Backen, das Lächeln, genau wie am ersten Tag. Aber jetzt kann ich wieder schlafen. Es hat lange genug gedauert. Er hat mich in meinen Träumen verfolgt, bis in die Wachheit. Die Zeit heilt alle Wunden. Ich zeichne ihn, jeden Tag, damit ich ihn nicht vergesse. Das Vergessen ist das Schlimmste. Ich frage mich täglich, was er heute sagen würde. Es ist jetzt ein Jahr her, dass er tot ist. Diesen Tag werde ich, dazu bin ich verdammt, nie vergessen. Wir waren zusammen einkaufen, er war völlig überdreht, wegen seinem neuen Buch, er konnte sich über wenig mehr freuen, als über Bücher, und zitierte Textpassagen, er war glücklich, ich war es. Die Bäume waren im Begriff zu blühen, die Luft war voll mit Elektrolyten, der Frühling kam. Die Menschen schienen sich aus ihren Häusern zu trauen, jetzt wo der Winter vorbei war, einige, mutige, waren ohne Jacke unterwegs, andere weiterhin in dicke Schichten eingewickelt. Ich erinnere mich an die Frau mit dem grünen Kleid, die gelacht hat und an den Hund, den sie an der Leine hielt. Und, dass es nach Weihnachten gerochen hat. Nun hasse ich diesen Geruch. Er erinnert mich an den Tag an dem meine beste Freundin meinen Sohn überfahren hat. Sie hatte das nicht geplant, schon klar, aber das nimmt meinen Schmerz nicht weg. Und es nimmt meine Wut auf sie nicht. Sie hat mir das genommen, was ich am Meisten geliebt habe. Vielleicht werde ich irgendwann an sie denken können, ohne sie zu hassen.

Heute ist sein Geburtstag. 17 Jahre voller Glück, aber er liegt unter der Erde in einem Sarg aus Holz, mit einem Stein gekrönt. Wie trostlos. Seit einem Jahr habe ich kein Wort geschrieben, der Tod meines Sohnes inspiriert mich nicht. Wenn er schon nicht bei mir sein kann, soll er es wenigstens schön haben, da wo er ist, er soll wissen, dass ich an ihn denke. Es gibt so vieles, das ich ihm sagen will. Dass seine Freunde eine Denkmalstätte für ihn errichtet haben, dass sein Vater, zum ersten Mal, nach ihm gefragt hat, wissen wollte, was er für ein Mensch war. Sein Vater wohnt in der selben Stadt, eine halbe Stunde von hier, im selben Haus wie Jonathans bester Freund. Jonathan ist zirka eine Milliarde mal an der Wohnung seines Vaters vorbei gegangen, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Das steht im Vertrag, die Scheidung wird nur unter der Bedingung verübt, dass weder Kind noch Frau, jemals in die Wohnung des Mandanten gehen oder anderwertig Kontakt mit ihm aufnehmen, außer er wünscht dieses. Tarek und ich waren eine Kathastrophe. Ich habe die Scheidung beantragt, er wollte, dass ich ihm seinen Sohn niemals zeige, er wollte ihn nicht sehen. Jonathan hat das hingenommen, auch wenn es ihn fertig gemacht haben muss, sooft an der Welt vorbeizugehen, in der sein Erzeuger, als Vater hat er ihn nie bezeichnet, lebte. Er hat sich nie beschwert. Tarek hat heute angerufen, um mir zu sagen, dass er weiß, welcher Tag heute ist, dass er ein Geschenk für-unseren Sohn-hat. Es war seltsam seine Stimme zu hören, nachdem ich sie, fast 17 Jahre, nicht in meinem Kopf hatte. Ich bin nicht wütend auf Tarek, nicht mehr. Es gab eine Zeit, da habe ich ihn gehasst, weil er mich alleine gelassen hat, mittlerweile ist er mir egal, er ist ein freier Mensch, er kann tun, was er will, aber ich werde ihm keine Informationen über seinen Sohn geben.

Irgendwann habe ich in der Zeitung gelesen, dass Sabine, die Mörderin meines Sohnes, einen Milliardär aus Abudabi heiraten wird, sie hat mir doch wirklich eine Einladung geschickt. Ich habe sie zurück gesendet, kommentarlos. Sie versteht nicht, dass es zerbrochen ist, dass unsere Freundschaft, so intensiv sie auch gewesen sein mag, nicht mehr existieren kann. Ich weiß nicht, ob sie es jemals verstehen wird. Es wird nicht mehr wie früher. Das Telefon. Ich höre das Klingeln kaum, ich hatte nicht vor das Bett heute zu verlassen. Ich stehe widerwillig auf und gehe ran.

„Ja?,“ frage ich unmotiviert.

„Ich bins Petar. Warst du heute schon bei ihm?“

„Nein, hatte ich nicht vor.“

„Aber er hat doch heute Geburtstag.“

Es ist kalt. Ich will gehen, aber als ich sehe, was Petars Geschenk ist, kann ich mich nicht vom Fleck bewegen. Seit Jonathan klein war, hatt er sich eine Zeiss Ikon Super Ikonta BX 533/16 gewünscht, ein altes Modell einer Rollfilmkamera, das kaum mehr zu erwerben ist, außer man legt dafür tausende Millionen hin.

„Wo hast du die gefunden?“, frage ich atemlos.

„Meine Mutter war gestern am Flohmarkt und sie kauft immer Ramsch und ich schau so ins Sackerl, denk da is wieder nur was unnötiges drin, was kein Mensch braucht, und was find ich? Dieses Teil hier. Ich hab gedacht ich spinn. Ich mein, wieviele Bilder hatte er davon in seinem Zimmer hängen, wie oft hat er davon geredet, dass er die haben muss, dann kann er berühmt werden, als Fotograf.“

Er tritt auf das Grab, Jonathan Kebari 1992-2008, Jeder Gedanke sollte der Überrest eines Lächelns sein, zu und kniet sich nieder. Ich trete ein paar Schritte weg, das Privatgespräch will ich nicht stören. Ich mag Petar, er ist außergewöhnlich, für mich zumindest. Auf dem Begräbnis hat er geweint, vor allen Leuten, gleichgültig gegenüber allen, die ein Problem damit hatten. Nach außen wirkt er ruhig, seine Mutter hat mir erzählt, dass er nicht schläft und kurz davor ist durchzufallen, dass er kaum isst und selten spricht. Die zwei waren eine Symbiose, aber was ist eine Symbiose ohne einen der Faktoren? Eine Rechnung ohne Ergebnis. Ich sehe ihm zu, wie er mit meinem Sohn spricht und erkenne, dass auch er den Mensch verloren hat, der ihm am meisten bedeutete. Er kommt auf mich zu, die Kamera hat er um den Grabstein gehängt, ich werfe einen flüchtigen Blick zu Jonathans Grab, dann stiegen wir ins Auto.

Der Tag geht nicht rum, das ist eine Nebenwirkung. Ich räume die Wohnung auf-das tue ich nie-es dauert Jahrhunderte. Dann stehe ich plötzlich vor der Türe des Grauens. Ich habe immer wieder versucht sein Zimmer zu betreten, es nie geschafft. Meine Hand liegt auf der Klinke, die Tür geht auf, ich sehe sein Bett, die Kamerabilder an der Wand, die Bücher verstreut, am Boden, wie er sie zurückgelassen hat. Schnell raus hier. Mein Handy vibriert, ich hebe ab. Meine Schwester.

„Elinor. Lass uns etwas unternehmen, etwas an der Luft.“

„Ich kann das heute nicht.“

„Das sagst du schon zu lange.“

„Du kannst herkommen, wenn du willst, ich koche etwas.“

Ich dusche, ziehe mich elegant an und hole einen Wein aus dem Kühlschrank, dann mache ich Spaghetti. Viola kommt, wir haben einen schönen Abend, an dem das Thema einmal nicht mein Sohn oder ich bin, wir reden über belangloses. Sie ist es, der Mensch den ich am zweit meisten liebe, meine Schwester eben, niemand wird ihren Platz einnehmen, außer ihr selbst, niemand ist so toll wie sie. Sie ist Bibliothekarin, deshalb war Jonathan oft an ihrem Arbeitsplatz, er hat seine Nase immer in einem Buch gehabt, sie hat ihn regelrecht damit gefüttert, dafür hat er sie geliebt.

Sieht er aus wie ich? Welche Augenfarbe, welche Haarfarbe, was konnte er gut? Tarek lässt mich nicht in Ruhe, ich sage ihm, sein Sohn hatte schwarze Haare und braune Augen, er mochte Gänse, alles völliger Unfug, ich will, dass er aufhört mich zu nerven. Jonathan hatte rote Haare, wie kein anderer in der Familie, dazu graue Augen. Und er mochte Schildkröten. Wir hatten sogar mal eine, sie ist 15 geworden, dann war sie plötzlich tot. Jonathan war nie lange traurig, zumindest hat er immer positiv gedacht und gleich gelacht, über die Zeit, die er mit seinem Haustier hatte erleben dürfen, seine Philosophie war es, dass Leben so positiv zu gestalten, wie es möglich war. Wir haben sein Motto auf den Grabstein schreiben lassen. Er würde wollen, dass ich weiter lebe. Warum sollte ich? Wie soll das gehen?

Es ist Fasching, überall Confetti, in den Bäumen, auf dem Boden, in der Luft, die Leute feiern, einige sind originell verkleidet, ich bin einem Müllmonster und einem Drachen begegnet, sie alle haben mir ein Lächeln hergezaubert, ein Lächeln, dass ich seit langem nicht mehr auf meinem Mund gespürt habe. Es hat gut getan zu lächeln, aber ich habe mich auch schuldig gefühlt. Wenn jemand zu mir sagt, es soll mich nicht mehr betreffen, weil es jetzt ja schon ein Jahr her ist, dann schlage ich denen am Liebsten ins Gesicht.

Ich war nie gut darin, mich Menschen anzunähern. Kontakte knüpfen, wie man es nennt. Jonathan war meisterlich darin, ich habe das immer bewundert, mit was für einer Freundlichkeit und Freude am Leben er durch die Welt ging, auch wenn keiner hinsah. Er war immer fasziniert von anderen Menschen. Ich hingegen war immer eine Einzelgängerin, Sabine hat mich dann doch irgendwie gefangen, mit ihrer Art-ich kann alles, ich lege dir Welt zu Füßen-das hat mich fasziniert. Sabine beginnt mich täglich anzurufen, mehrmals. Ich reagiere nicht. Sie kennt mich gut. Sie weiß, dass ich viel zu Hause bin. Sie steht einfach plötzlich vor meiner Haustüre. Sie weiß nicht, ob sie lächeln soll als ich öffne, lässt es bleiben. Sie tritt ein, ich biete ihr Wein, Orangensaft und Essen an, sie lehnt ab. Einen Menschen, den ich einmal geliebt habe, kann ich einfach nur mit Höflichkeit behandeln.

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