Verloren im Winter

dietintenfisch ©

Als er ein kleiner Junge war, vielleicht sieben, hat er etwas verstanden. Sein Vater wird nie eine ernsthafte Beziehung zu irgendeinem Wesen haben. Nicht einaml zu sich selbst. Er nimmt nichts ernst. Für ihn ist das Leben ein Witz. So lange man ihm auf einer humorvollen Ebene begegnet, ist alles okay, darüber hinaus gibt es nichts. Wenn man also jemanden braucht, auf den man sich verlassen können muss, dann ist das in Julian Briskas Fall seine Mutter, zumindest während seiner Kindheit. Er kann nicht aufhören sich zu fragen, wie seine Mutter sich auf seinen Vater einlassen konnte. Das Einzige was der ernsthaft tut, ist nicht ernsthaft sein. Nicht einmal seine Arbeit nimmt er ernst. Dabei ist sie es, die das Essen auf dem Tisch hält. Er ist Schaufenster Dekorateur, bekommt nicht immer Aufträge, ist meistens zu Hause, wo er am Küchentisch kakaotrinkend Zeitung liest. Seinen Sohn nimmt er kaum wahr, dass er eine Frau hat, fällt ihm manchmal ein. Das alles hat Julian mit sieben verstanden und beschlossen, dass es ihm nichts ausmachen wird. Jeden Tag wieder und wieder, bis heute. Trotzdem fühlt er sich heute noch immer unwohl in der Gegenwart seines Vaters, er weiß nicht, was er sagen soll. Er weiß nicht einmal, ob sein Erzeuger, wie er ihn nennt, weiß wie er heißt. An den raren Gelegenheiten, an denen sein Vater ihn direkt anspricht, sagt er: „Bub, komm her“,

oder „Wo ist der Bub?“

Mit zehn war Julian noch weiter. Er wusste, dass seine Mutter sich vom Vater trennen und dieser nur mehr eine dunkle Erinnerung in ihren Köpfen werden würde. Aber er wusste nicht, wieso er bei der tatsächlichen Trennung so großen Schmerz empfand.

Zweimal im Jahr sieht er ihn heute noch, den Vater. An dessen Geburtstag und zu Ostern. Dazwischen gibt es keinen Kontakt. Keine Anrufe, keine Emails, es ist, als würde er nicht existieren. Und wenn sie sich sehen, dann machen sie laufend Witze. Julian merkt dann, wie furchtbar anstrengend es ist, pausenlos witzig zu sein. Nach den Besuchen bei seinem Vater, ist er immer hundemüde. Seine Mutter fragt nie wie es war und er will es ihr auch nicht erzählen, sie tun einfach so als wäre das Kapitel Vater abgeschlossen. Alles an dem es dem einen Elternteil mangelt, macht seine Mutter wett. Und Julian ist ein einfaches Kind. Er passt sich schnell an. In der Schule fällt er kaum auf, wenn dann positiv.

Mit vierzehn hatte Julian den Einfluss seines Lebens auf die Welt in der Tasche. Er hatte eine Strategie gefunden, die dem Universum ein Schnippchen schlug. Die Theorie lautete folgendermaßen: Wenn ich nicht glücklich sein kann, sollen wenigstens andere in diesen Genuss kommen. Er hatte sich das Ziel gesetzt, andere höher zu stellen als sich selbst und ihnen ihr Leben zu erleichtern, so weit er das konnte. Deshalb brachte er alle Hausaufgaben und schrieb gute Noten, weil er das Leben seiner Lehrer nicht erschweren wollte. Er kann sich anpassen wie ein Chamäleon, an einen Ort, eine Situation, einen Menschen, einen Zustand. Das heißt nicht, dass Julian ein Mitläufer ist, er hat eigene Interessen, zum Beispiel liest er gern und sieht Leuten zu und denkt sich aus, was sie sagen, oder nicht sagen. Weil seine Mutter nach der Schule nicht zu Hause ist, weil sie arbeitet; meist kommt sie erst spät nachts; und weil er seine Hausaufgaben schon erledigt hat, beginnt er Zeit zu verschwenden. Erst sieht er den Nachbarn zu, dann den Passanten und dann den vorbeifahrenden Autos, das ist wie Fernsehen, nur besser. Und im Winter macht er lange Spaziergänge; er findet den Winter romantisch. Er mag es in Mütze und Schal eingewickelt die erfrischend kalte Luft zu atmen.

Heute ist auch Winter. Und Julian macht einen seiner langen Spaziergänge. Er wohnt seit Jahren nicht mehr bei der Mutter; er hat die Schule abgeschlossen und studiert jetzt, als erster in seiner Familie. Psychologie und Soziologie. Gerade ist er auf dem Weg zu seinem Vater, heute ist der dreißigste November. Heute hat Julians Vater Geburtstag. Er wohnt am anderen Ende der Stadt, der Bus dorthin fährt alle zehn Minuten, aber Julian geht lieber zu Fuß. Er biegt ein letztes Mal um die Ecke und ist da, läutet bei Tür 3. Ihm wird geöffnet, er tritt ein. Das Stiegenhaus riecht nach Bier, im Mezzanin wohnt ein pensionierter Säufer, dessen Türe ein Schließproblem hat. Im ersten Stock ist er angekommen. Er betritt die winzige Wohnung und hängt Mantel, Haube, Schal an den Haken, die Schuhe streift er ab, um den Mahagoniboden nicht zu ärgern. Er hört seinen Vater näher kommen.

„Hallo-“ sagt Julian und hebt seine Hand zum Gruß.

Der Vater nickt ihm zu und deutet ihm mit Handzeichen, dass er ihm in die Küche folgen soll. Julian sieht mit Schrecken die Unordnung, in der der Vater lebt und sagt:

„In einigen Stunden könntest du dein Palais sicher sauber kriegen und aufgeräumt.“

Die Wohnung ist in Wahrheit vielleicht sieben Quadratmeter groß, man kann sich einmal umdrehen und das wars, Toilette ist am Gang, Waschmaschine gibt es nicht.

Der Vater erwidert: „Ja sicherlich, außerdem wird mir mein Butler dabei helfen, dafür wird er schließlich bezahlt, nicht?“

Julian: „Wenn er gesund ist. Der Trottel ist doch so wehleidig und hat Hüftprobleme und raucht zu viel.“

Vater: „Nein, das war James der Erste, der ist letzte Woche abgekratzt, ich habe jetzt ein weitaus jüngeres Exemplar, das ich am liebsten James der Zweite nenne.“

Julian blickt sich um: „Wo schläft er? Unter der Abwasch?“

Der Vater antwortet als wäre es das normalste von der Welt: „Hinter dem Spiegel.“

Julian, mittlerweile Meister in diesem Spiel, macht weiter: „Besser.“

Vater: „Und manchmal schläft er im Kasten.“

Julian: „Auch vernünftig.“

Vater: „Einmal habe ich ihn im Kühlschrank gefunden, eingefroren, dann habe ich ihn geschimpft, ihm einen Tee gemacht und er ist aufgetaut und hat mich voll gejeiert, dass er unbedingt einen Pinguin sehen wollte und dachte, er wäre ihm nahe, wenn er in den Kühlschrank geht, wegen dem ähnlichen Klima und so. Aiaiaai, alles muss man selber machen.“

Julian schüttelt mit gespieltem Entsetzen den Kopf, trinkt seinen Kakao, isst sein obligatorisches Stück Kuchen und will gehen. Er zieht sich bereits wieder an, als der Vater plötzlich neben ihm steht, so dass Julian glaubt vor Schreck einen Herzinfarkt zu bekommen.

„Gehst du mit mir spazieren? Bitte.“

Julian zögert einen Moment, halb im Grübeln noch, ändert sich alles.

Der Vater sagt: „Bitte Julian, geh mit mir spazieren.“

„Natürlich,“ sagt der Sohn und die beiden Männer verschwinden im Winternebel.

Ein paar Tage später sitzt Julian in der Straßenbahn, die komplett zum Erliegen gekommen ist, weil der Schnee jegliche Weiterfahrt unmöglich macht. Aber die Straßenverwaltung und der Fahrer sind zuversichtlich, außerdem ist es hier warm. Viele Passagiere sind sitzengeblieben, die die es eilig haben, sind ausgestiegen und versuchen mit dem Taxi weiter zu fahren. Julian hat sie alle im Blick. Ihm gegenüber sitzen zwei junge Frauen, etwa in seinem Alter, er lauscht ihrem Gespräch:

A: „Da war was in den Brownies drin. Ganz sicher. Der hat eh so komisch geredet. Fühlst du dich komisch? Ich hab Bauchweh.“

B: „Das sind einfach nur Regelschmerzen, mehr nicht.“

A: „Also ich glaub, wir sind grad einem Vergewaltiger entwischt.“

B: „Was du glaubst und was der Realität entspricht, sind zwei unterschiedliche Dinge. Hamma das jetzt geklärt?“

A: „Ich ess auf jeden Fall nie wieder was, was mir ein Fremder gibt.“

B: „Bitte, mach was du willst.“

A: „Mach ich eh. Aber ich bin nicht die von uns, die tot in einer dunklen Gasse gefunden werden wird, vergewaltigt und vergessen. Weil ich nämlich Wert auf Sicherheit lege, auf mein Leben. Ich mein, ich weiß ja nicht, wie das bei dir is, aber ich kenne meine Prioritäten.“

B: „Oh, du kennst also deine Prioritäten? Du legst also Wert auf Sicherheit? Sagamal, wie redest du? Geht das normal auch?“

A: „Ich red eh normal, heast Connie, was is heut mit dir?“

B: „Entschuldige, ich bin nicht auf dich bös, sondern auf die Situation.“

A: „Aber warum denn?“

B: „Weil ich Angst hab, Franzi. Eine Scheißangst.“

A: „Hä?“

B: „Na, dass du recht hast und wir echt Glück ghabt ham. Dass uns der jetzt verfolgt. So viele Fragen, wie der gestellt hat, wollt uns sicher nachgehen.“

A: „Boah, ich hasse mein Gehirn. Ich weiß nimma wo oben und unten is.“

B: „Du hast zu viel getrunken, Franzi.“

A: „Ich weiß, tut mir leid.“

B: „Passt schon.“

A: „Weißt du, mir geht das alles einfach viel zu schnell. Ich mein, ich bin jetzt sagma in Kroatien; von da fahr ich vier Stunden mit dem Bus, dann bin ich in Wien. Oida. Das pack ich nicht. Weil ich komm an und mein Hirn, das bleibt irgendwo auf der Strecke. Es schwebt langsam vor sich hin, weil das einfach viel zu schnell gegangen is, grad. Und es braucht eine Weile, bis es wieder in meinem Kopf angekommen is.“

B: „Manchmal glaub ich echt, du solltest Philosophin werden.“

A: „Ja, ich hab schon echt gescheite Momente.“

Einen Moment ist Julian sich nicht sicher, ob er lachen soll, er lässt es und lehnt sich entspannt zurück. Irgendwann schließt er die Augen und fällt in einen Wachschlafzustand. Er spürt mehr die Bewegung neben sich, als dass er etwas hört, ruckartig reißt er seine Augen auf und orientiert sich blitzschnell. Neben ihm sitzt ein ihm wohl bekanntes Gesicht.

„Hallo,“ sagt sie.

„Ahoi,“ sagt er.

„Ahoi?“, fragt sie.

„Ave,“ sagt er.

„Von mir aus. Was machst du hier?“

„Straßenbahnfahren.“

„Klar, in der hinnigen Bim, ich glaub auch.“

„Naja, ich finds entspannend. Was machst du hier?“

„Ich hab dich von draußen gesehen und bin eingestiegen. Willst du einen Spaziergang machen?“

„Ja.“

„Komm.“

Sie zieht ihn am Ärmel nach draußen, sie gehen in den Park um die Ecke. Der Brunnen ist jetzt zugefroren, eigentlich könnte man da eislaufen. Sie gehen nebeneinander, schweigend.

„Is was mit dir?“, fragt er.

Sie bleibt stehen, zieht etwas aus ihrer Tasche, hält es über ihre Köpfe sagt: „Mistelzweig“ und küsst ihn.

Dabei berührt seine Hand ganz kurz ihr Haar, das daraufhin aus der Frisur fällt. Sie ist schockiert, er hält ihre Hände fest, so dass sie sich nicht zurecht machen kann.

„Du gefällst mir so,“ sagt er schlicht und sie gehen weiter.

„Schenkst du mir was zu Weihnachten?“, fragt sie unverblümt.

„Ich arbeite dran.“

„Das klingt spannend. Du-ähm. Ich weiß das selber erst seit gestern und seitdem trage ich es mit mir rum. Meine Eltern ziehen weg. Und sie wollen, dass ich mitkomme.“

Stille.

„Und was willst du?“, fragt er schließlich.

„Naja ich will beides. Weg und nicht weg. Ich meine, ein neuer Ort ist immer spannend. Aber da habe ich dich nicht.“

„Richtig.“

„Kann ich hier wohnen bleiben und meine Eltern gehen lassen? Mir einen Job suchen, eine Wohnung?“

„Wohnen könntest du bei mir. Und das mit dem Arbeiten wird schon funktionieren.“

Sie sieht ihn traurig an und sieht dabei aus wie ein kleines Kind.

„Du willst also, dass ich bleibe?“

„Ich will, dass du tust, was du tun willst. Aber wenn du gehst, bin ich traurig. Aber wenn du hier bleibst und nicht glücklich bist, bin ich auch traurig.“

„Ich denke, dann werde ich gehen.“

„Wohin eigentlich?“

„Kalifornien.“

„Kalifornien?“, wiederholt Julian, weil ihm nichts Besseres einfällt und wünschte er hätte schon früher gefragt.

„Das ist weit weg,“ fügt er hinzu.

„Ach, nur 12 Stunden mit dem Flugzeug.“

„Ja, ein Katzensprung.“

„Du, ich muss jetzt echt los-packen. Schön, dass du nichts dagegen hast, das wollte ich echt noch abklären, tschau.“

„Tschau,“ sagt er perplex.

Wie der Ast unter ihren Füßen, bricht sein Herz als sie geht. Und er steht da, verloren im Winter.

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