Kinder von Toten

dietintenfisch ©

Mein Sohn stand vor mir und seine Augen leuchteten wie noch nie zuvor. Er war meine ganze Welt. Der Tod war uns unglaublich nah.

„Hast du auch sicher keinen Hunger?“ hörte ich mich fragen, während ich die Szene in der Küche unserer kleinen Wohnung wie aus der Perspektive einer dritten Person beobachtete.

Christl zupfte an seinem Hemd herum; an ihm sah es aus wie ein Sack, seinem Vater hatte es wie angegossen gepasst; er zog es aus seinem Hosenbund heraus und steckte es wieder hinein; um für seine Antwort Zeit zu schinden.

„Du machst dir zu viele Sorgen, Mama“, sagte er schließlich, als wäre das eine Antwort auf meine Frage.

„Sorgen?“

Meine Stimme hatte angefangen zu zittern. Meine gespielte Gleichgültigkeit war nicht mehr glaubwürdig.

Er lächelte matt: „Wie wird das erst sein, wenn ich weg bin? Wenn du jetzt schon solche Fragen stellst. Drüben hab ich niemanden, der mir was zu essen kocht. Ich kann das alleine. Ich kann das alles alleine. So wie der Papa.“

Eine Welle von Ärger schwappte in mir hoch:

„Dein Vater war ein naiver Bub, genau wie du. Gar nichts hat er können, als er gegangen ist. Grad mal ein Butterbrot hat er sich schmieren können. Was kannst du also wie dein Vater? Elendig verrecken? Nicht einmal begraben hab ich ihn können!“

Meine Worte prallten an ihm ab wie Regen an einer Glasscheibe.

Christl steckte seinen Kopf in den Kühlschrank und sagte:

„Vielleicht ess ich doch ein Brötchen,“ als wäre mein Wutausbruch gar nicht passiert.

„Du hast doch so viele andere Möglichkeiten“ entgegnete ich ihm.

Er schüttelte leicht den Kopf, wie als ob er eine Fliege verjagen wollte, die sich auf seinem Scheitel niedergelassen hatte. Eine Geste, die ihm schon als Kind eigentümlich gewesen war, wenn er einen Gedanken gehabt hatte, den ich nicht hatte nachvollziehen können; schon als Kind hatte er mich mit der Treffsicherheit seiner Entscheidungen verblüfft; wenn er etwas wollte, dann bekam er es. Christl trug den Gesichtsausdruck, den sein Vater getragen hatte, wenn er im Begriff war, mit seinen Worten Wunden zu reißen, als er weitersprach.

„Das ist die Krankheit meiner Generation, wir haben zu viele Möglichkeiten. Wie kann man denn wissen, ob man sich lieber für Käse oder gegen Schinken entscheiden soll?“

Seine Frage blieb zwischen uns in der Luft hängen; natürlich, denn die Antwort war zu offensichtlich. Man konnte es nicht wissen, nie. Geh und umarme die Ungewissheit, wollte ich ihm sagen. Ihm entgegen schreien, ihn schütteln und schlagen. Die Krankheit seiner Generation war: sie hatten zu viel Angst. Kein Wunder, sie waren eben doch alle Kinder von Toten. Mein Herz war ein Rottweiler; bei Gefahr Verteidigung. Aber jetzt, hier, an dieser Stelle musste es aufhören zu kämpfen; der Kampf war hier zu Ende und schritt auf der anderen Seite der Welt weiter fort. Ich musste an das Kinderlied Hänschen klein denken und mir schossen Tränen in die Augen.

„Iss nicht zu viel Käse, denk an die Bauchschmerzen deiner Mutter!“, sagte ich schlussendlich, anstatt ihm zu sagen, dass er bleiben sollte.

„Ich will mir keine Sorgen machen müssen, weil du wieder heimlich zu viel Käse naschst! Wenn du Bauchschmerzen hast, hab ich nämlich auch welche!“

Jetzt flossen mir Tränen die Wangen herab und ich konnte mich kaum mehr artikulieren, weil sie mir die Stimme verdarben und den Atem raubten.

„Mama!“, schluchzte Christl.

Wir lagen einander weinend in den Armen, Mutter und Sohn, meilenweit von einander entfernt.

Als ich sechs Jahre alt war, verließ uns mein Vater. Nur zwei Jahre später folgte ihm mein Bruder. Dass es in weiter Zukunft auch meinem Ehemann und noch später auch meinem Sohn so ergehen sollte, konnte ich damals nicht einmal in meinen Alpträumen erahnen. Unser Dorf war plötzlich arm an Männern, der Krieg hatte sie ausradiert. Wie ein Tornado, der über Landstriche dahin fegt und alles mit sich reißt, das ihm in die Quere kommt. Nur, dass unser Tornado ausschließlich Männer forderte. Ich kenne keine einzige Frau aus unserem Dorf, die nicht mindestens einen Mann aus ihrer Familie an den Krieg verlor. Ich werde den Schrei meiner Mutter nie wieder vergessen, als sie den Brief erhielt, der sie vom Tod meines Vaters unterrichtete. Er verleibte sich in mich ein, er riss ein Loch in meine Brust und trieb mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich mag damals vielleicht die Unmittelbarkeit seines Verlustes nicht gespürt haben, aber ich spürte seine langfristigen Folgen. Mein Bruder Moritz war damals eine große Stütze, bis er selbst einberufen wurde. Wir waren von Anfang an gute Freunde gewesen. Bei meiner Geburt hatte er durch unseren großen Altersunterschied wenig Interesse daran gehabt seine kleine Schwester zu quälen, er sah mich eher als Spielgefährtin. Wir waren damals die einzigen Kinder im Dorf. Die Bergerkinder waren auf einem Internat in Wien und die Lunzerkinder waren an der Spanischen Grippe gestorben. Moritz muss sehr einsam gewesen sein, bis ich geboren wurde. Wir hatten bald unser Lieblingsspiel in der Nachbarscheune gefunden, wo wir es genossen uns im Heu zu verstecken und den anderen suchen zu lassen. Ich hatte selten solche Lachanfälle, wie mit meinem Bruder. Uns waren nur wenige Jahre miteinander vergönnt. An meinem zehnten Geburtstag kam ein Brief. Mutter öffnete ihn mit zitternden Fingern. Wir hatten monatlich Post von der Front von Moritz erhalten, in der er uns von den neuesten Wendungen auf dem Schlachtfeld berichtete. Er ließ die grausigen Details stets aus. Im Gegenteil, er baute witzige Anekdoten ein, die mich, die ich mit meinem erst beginnenden Leseverständnis, heimlich in der Nacht in meinem dunklen Zimmer im Schein einer Kerze seine Worte verschlang, zum Lachen brachten. Meine Mutter hatte mir zwar erlaubt die Volksschule zwei Dörfer weiter zu besuchen, nachdem ich sie tagelang angebettelt hatte, aber einen wirklichen Sinn darin, dass ich mich bilden wollte, sah sie nicht. Sie selbst hatte widerwillig von meinem Vater lesen und schreiben gelernt; sah sie doch den wahren Platz einer Frau in der Küche; meine Rechtschreibung war bald besser als ihre. Kurz bevor wir den Brief bekamen, diesen schrecklichen grauenvollen Brief, musste ich meine Bildung unterbrechen. Der zweistündige Fußmarsch in die Schule war zu gefährlich geworden. Ein Trupp Soldaten hatte sich in den umliegenden Dörfern breit gemacht und eine Mure hatte die Straße verschüttet. Ich hätte gerne einen Soldaten gesehen, ich kannte sie nur aus Erzählungen meiner Mutter. Zuerst dachten wir, Moritz hätte uns einen weiteren Bericht geschickt, doch schon als Mutter den ersten Satz gelesen hatte, begann sie mit ihrem ganzen Körper stumm zu schreien. Wir weinten den ganzen Tag.

Mein Sohn Christoph und ich, wurden erst viele Monate nach Kriegsende davon unterrichtet, dass sein Vater von einer Bombe in Stücke gerissen worden war. Ich hatte mir während meiner gesamten Schwangerschaft inbrünstig gewünscht, ja sogar gebetet, eine Tochter zu bekommen. Dieser Wunsch war einer merkwürdigen Angst entsprungen, die mich täglich heimsuchte, die mich voraus sehen ließ, was kommen würde. Ich war wie Kassandra, eine Seherin, der niemand glaubte: Am Ende bleiben die Frauen.

Christoph wurde von Frauen aufgezogen. Für ihn musste es die längste Zeit so gewirkt haben, als wäre er das einzige männliche Geschöpf der Erde. Seine Welt bestand aus seinen Tanten, seiner lieben Omi und seiner Mutter, die immer ein bisschen zu viel Acht auf ihn gab. Ein uniformierter Herr war unangekündigt an unserer Haustüre erschienen und hatte uns die Nachricht persönlich überbracht. Er hatte die Todesurkunde meines Mannes dabei und seinen letzten Brief an uns. Obwohl ich es schon geahnt hatte, obwohl ich mir nicht hatte vorstellen können, dass Peter überleben würde, traf mich die Nachricht seines Todes wie ein Komet. Trotz allem guten Menschenverstand hatte ich bis dato nicht aufgehört zu hoffen. Als der kleine Christl den uniformierten Herren sah, der in unserem Esszimmer eine Tasse Tee zu sich nahm, kam er aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Er zupfte und zerrte an ihm; er musste sich vergewissern, dass er wirklich sah, was er sah und seine Augen ihm keinen Streich spielten: Einen Mann.

Der Moment des Abschieds war gekommen. Dieser Moment aller Momente. Dieser Moment aller Erinnerungen. Ich sah meinen Sohn vor mir wie er Windeln trug, sein erstes Wort las, einen Meter achtundachtzig am Türstock maß. Und jetzt stand dieser große, dürre Fremde vor mir, der vorgab mein Sohn zu sein, der aussah wie mein Sohn, aber nicht derselbe sein konnte; weil dieser seiner Mutter das Herz nicht brechen würde. Sein Rucksack war gepackt und auch sonst war alles fertig; Christl mit den Reisevorbereitungen und ich mit den Nerven. Christl war noch nie geflogen, er konnte keine andere Sprache als die seiner Mutter und er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie eine Waschmaschine zu bedienen war. Der Flughafen war menschenleer, ich hatte mich noch nie so eingeengt gefühlt. Eine steinerne Hand hatte sich meine Gedärme geschnappt und quetschte sie mit aller Kraft. Von irgendwo kam leise Musik. Ich widerstand dem Drang mich auf den Boden zu legen, die Augen zu schließen und mich an einen besseren Ort zu wünschen, in dem ich zweimal tief durchatmete und meine Übelkeit ignorierte. Christl trat zögerlich auf mich zu, mit dem aufmunternden Lächeln seines Vaters auf den Lippen und drückte mich einen Wimpernschlag lang an sich. Bevor ich seine Geste erwidern konnte, hatte er sich schon von mir gelöst und war mit schnellen Schritten auf die Absperrung zugeschritten, die uns voneinander trennte. Kurz bevor er sie durchschritt, seine Fahrkarte und seinen Pass in der einen Hand, blieb er einen Augenblick stehen und winkte mit der Anderen. Ich winkte zurück und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass mein Herz in meine Kniekehlen gesunken war und die Absicht hatte dort zu verweilen, bis Christl in einem Stück zurückgekehrt war.

Am Nachhauseweg übergab ich mich in einen Busch am Straßenrand.

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