Nachtflimmern

dietintenfisch ©

Die Frau verließ den Saal in Begleitung eines Herrn. Wo er hergekommen war, konnten die Partygäste nicht mehr so genau sagen; er war auf einmal da gewesen, fast als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht. Er hatte einen schwarzen Anzug getragen, mit schwarzer Krawatte und schwarzen Schuhen; bei der schlechten Beleuchtung sei er nahezu unsichtbar gewesen. Keiner hatte sein Gesicht gesehen. Die Frau trug als sie die Tanzfläche verließ noch immer die Blume im Haar, mit der sie den Saal betreten hatte. So unauffällig wie ihr Begleiter auch sein mochte, so strahlte sie heller als der Nachthimmel. Ihr petrolfarbenes Kleid hüpfte bei jeder ihrer Tanzbewegungen im Takt; ihre Beine und der Stoff vollführten eine geschmeidige Choreographie. Um Punkt Mitternacht hatten sie begonnen miteinander zu tanzen; sie hatten sich, fast zufällig, einen Blick zugeworfen und dann hatten seine Hände ihre gefunden. Auch jetzt, beim Gehen, waren ihre Hände in einander verschlungen; wie die verworrenen Äste zweier sehr alter Bäume; Philemon und Baucis. Es war etwas nach vier Uhr morgens, als sie die Feier verließen. Sie gingen, ohne sich von ihren Kollegen zu verabschieden; sie waren einfach zur Tür hinaus geschlüpft. Die Frau summte leise die Melodie des letzten Liedes, das auf der Tanzfläche erklungen war, als sie das Gebäude hinter sich ließen und die Straße vor sich sahen. Sie hatte die Gehsteigkante übersehen und stolperte; einen Moment sah es so aus, als würde sie frontal auf ihr Gesicht fallen; aber sie fing sich gerade noch.

„Ich bin ein bisschen beschwipst.“

„Das macht nichts. Ich bin ja da.“

„Glaubst du, die haben was gemerkt?“

„Nicht die Bohne.“

Er grinste sein Krokodillächeln und ließ einen Moment ihre Hand los, um nach der Packung Zigaretten in seinem Anzug zu kramen, die er heute Abend dort verstaut hatte. Er spickte die Schachtel auf, entnahm ihr einen Glimmstängel mit zwei Fingern und zündete ihn gekonnt mit einem Feuerzeug an, das scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war. Er hatte diesen Trick bis zur Perfektion geübt; zu Hause vor dem Spiegel. Die Schachtel wurde wieder sorgsam dort gelagert, wo sie hergenommen worden war und seine freie Hand fand wieder ihre. Seit vier Wochen ging das nun schon mit ihnen, sein geheimer Rekord. Bisher hatte im Büro noch niemand Wind davon bekommen; wäre auch schräg, die Frau vom Chef schläft mit dem Praktikanten. Vier Wochen, das war nichts. Das war die Welt. Das war genug Zeit, um festzustellen, dass er sich Hals über Kopf in sie verlieben könnte und das machte ihm Angst. Manchmal wollte er davon laufen, aber er tat es nicht, weil die Stunden mit ihr schöner als alles waren, das er bisher erlebt hatte. Sie war sich vollkommen im Klaren darüber, was sie tat. Sie hatte ihn um ihren Finger gewickelt, und sie wusste es. Sie hatte ihn gesehen und er hatte ihr gefallen, punkt. Dinge, die ihr gefielen, reizten sie, trieben sie an. Die Ungewissheit, das Abenteuer, immer auf der Suche nach neuem Nervenkitzel. Ihren Mann betrügen? Das hatte sie noch nicht ausprobiert und dann auch noch mit dem zehn Jahre jüngeren Praktikanten? Absolut genial. Zumindest hatte sie das am Anfang gedacht, dass sie ihn einfach zu ihrem Geliebten machen würde, ohne Verpflichtungen, ohne Verantwortung. Aber er sagte Dinge, die sonst niemand sagte, er berührte sie sanfter, als sie je berührt worden war und sie ertappte sich dabei; wenn sie alleine war, vor allem nachts, wenn sie nicht schlafen konnte; dass sie sich vorstellte mit ihm bis ans Ende ihrer Tage zusammen zu sein.

„Und dein Mann? Hat der was gemerkt?“

„Der hatte die Hände voll mit der Sabi aus Abteilung F.“

„Wofür steht F?“

„Was weiß ich, wahrscheinlich für Flittchen!“

Da war es wieder, sein Krokodilschmunzeln, das sie so lieb gewonnen hatte. Er neigte dazu sich beim Lächeln leicht über den Mund zu wischen, wie als ob er sich für sein Lächeln schämte und es verlöschen wollte. Sie erwiderte sein Lächeln mit dem schieflegen ihres Kopfes. Diese kleine Geste erinnerte ihn an den Tag, an dem er sie kennen gelernt hatte.

Er war aus dem Nichts heraus angerufen worden. Zuletzt hatte er vernommen, dass es zwischen ihm und einem anderen Kandidaten zu entscheiden war. Und dann erklärte ihm plötzlich der freundliche aber bestimmte Mann am Telefon, dass er sich bitte umgehend am Kraftwerksgelände einzufinden hatte, da die Forschungsarbeiten an diesem Tag beginnen würden. Er war noch im Pyjama gewesen, noch leicht angetrunken und unausgeschlafen von der Party am Vorabend. Das Klingeln des Telefons hatte ihn aus dem Bett gerissen. Er war bestellt worden, also flitze er in die Dusche, zog sich an, nahm sein Handy und seine Schlüssel, setzte sich ins Auto und fuhr los. Im Auto hatte er Joan Baez gehört; er trank brühheißen Espresso, den er an einer Raststätte gekauft hatte mit einer Hand und klopfte mit der anderen im Takt der Musik auf das Lenkrad, während er fuhr. Der Mann am Telefon hatte ihm die Adresse gegeben und verlautbart, dass er sich zu beeilen hatte. Er fuhr jetzt fünfzig Stundenkilometer schneller als erlaubt, während er Kaffee trank und leise zur Musik mitsang. Wenn ihn jetzt ein Polizist sehen könnte! Der Espresso beseitigte die letzte Spur von Restalkohol und Müdigkeit, die ihm in den Knochen saß. Er erreichte das Kraftwerksgelände nach einer Stunde und fünfzehn Minuten, einer rekordverdächtigen Zeit, wie er fand; da ihm sein Navigationsgerät erklärt hatte, dass er mindestens zwei Stunden brauchen würde. Am Empfang stellte er sich vor, er sei der neue Praktikant und suche Herren Müller. Die Empfangsdame blickte ihn von oben bis unten an, tippte etwas in ihren Computer, sah ihn wieder prüfend an, tätigte ein Telefonat und bedeutete ihm dann ihr zu folgen.

„War das Herr Müller am Telefon? Erwartet er mich nicht bereits? Bringen Sie mich zu ihm?“

Anstatt seine Fragen zu beantworten, öffnete sie einen Schrank und entnahm ihm eine Garnitur Schutzkleidung, die sie ihm vor die Füße warf.

„Anziehen!“

Ihr Offizierstonfall veranlasste ihn ihrer Aufforderung zu folgen, ohne zu widersprechen. Er blickte sich einen Moment nach einer Kabine, oder einem Paravon um, hinter dem er seine Kleidung ab- und die Schutzkleidung anlegen konnte. Ein Blick der Empfangsdame genügte, damit er sich eines Besseren besann und begann sich vor ihren Augen bis auf die Unterhose auszuziehen. Erst als er das Schutzgewand angezogen hatte, das ihn am ganzen Körper bedeckte und gerade mal drei Löcher offen ließ, nickte sie zustimmend und öffnete eine Türe links von sich. Sie gab ihm einen kleinen Schubs und er fing sich gerade noch, bevor er in eine grüne dampfende Suppe gefallen wäre. Die Türe fiel hinter ihm ins Schloss und er fand sich einem Mann gegenüber, der konzentriert Notizen auf einem Papier, eingespannt in ein Klippboard, notierte.

„Sie sind spät dran“, war alles was der Mann zu ihm sagte.

„Nehmen Sie eine Probe hiervon und überprüfen Sie das im Büro. Danach wenden Sie sich an meine Frau. Sie wird Ihnen alles Weitere erklären.“

„Sehr wohl Herr Müller“, sagte er und griff sich eine der Pipetten in einem der vielen Regale.

Er beugte sich über die dampfende grüne Suppe, um wie angewiesen, eine Probe zu nehmen, der Dampf stieg ihm jedoch in die Nase und brachte ihn einen Moment zum Taumeln. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihm nicht mehr schwarz vor Augen war, dann tauchte er seine Hand blitzschnell ein und füllte die Pipette mit grünem Schleim.

„Gehen Sie durch diese Türe, da haben Sie alle Geräte, die sie brauchen. Ich werde meine Frau zu Ihnen schicken!“

Er nickte und betrat diesen neuen Raum, der genau wie der mit der stinkenden grünen Suppe mit entsetzlich grellem Licht ausgestattet war. Hier war die Luft wenigstens besser, er atmete erleichtert auf. Nach ein paar Fehlversuchen, gelang es ihm den Inhalt der Pipette in die dafür vorgesehene Maschine zu leeren und diese einzuschalten. Eine Türe öffnete sich und eine Frau, nein, ein Geschöpf aus einer anderen Welt, vielleicht ein Engel, trat ein. Sie trug keine Schutzkleidung aber High Heels und roten Lippenstift. Ein leichtes Lächeln umspielte ihren Mund, als sie auf ihn zutrat und ihre Hand nach seiner ausstreckte. Seine Knie waren weich geworden, er war froh über den Tisch hinter sich, an dem er sich mit einer Hand anhalten konnte; die Andere streckte er ihrer entgegen und sie tauschten einen kräftigen Händedruck.

„Eleonora Müller, sehr erfreut“, sagte sie und legte ihren Kopf dabei schief.

Eleonora, wie das klang. Wie Eis, das einem auf der Zunge zerrinnt.

„Florian Füller, angenehm“, brachte er ruhiger hervor, als er erwartet hatte.

Füller und Müller, Müller und Füller, sein Kopf schwirrte, dann wurde alles schwarz. Er spürte noch immer ihre Hand in seiner.

Sie tänzelte noch immer leicht neben ihm her, halb in der Musik noch, zu der sie gerade eben über den Boden geflogen waren, erst vor wenigen Minuten, er schloss seine Augen und spürte ihre Bewegungen im Halten ihrer Hand. Er konnte noch immer nicht fassen, dass er an seinem ersten Arbeitstag tatsächlich in Ohnmacht gefallen war. Er hatte es auf das Einatmen der neuartigen Dämpfe geschoben, aber ehrlich gesagt hatte es damit nichts zu tun gehabt. Er war umgekippt, weil er sich Eleonora gegenüber gesehen hatte. Sie war eben einfach umwerfend. Was für ein schamvoller erster Eindruck, der Praktikant, dieser dünne, junge, daher gelaufene Bursche aus dem Kaff, der auch noch die Frechheit besaß in Ohnmacht zu fallen und der Firma eine Krankenwagenrechnung aufzuhalsen. Ja ja, er hatte schon früher Probleme mit dem Kreislauf gehabt. Das behauptete er zumindest, als der Sanitäter ihm Fragen stellte. Sie wollten sicher gehen, dass er keine Rauchgasvergiftung hatte, dass die Gase, die er eingeatmet hatte, ihm auch wirklich nicht geschadet hatten und behielten ihn drei Tage im Spital. Was für ein schamvoller erster Eindruck.

„Komm“, sagte sie plötzlich und zog ihn an der Hand mit sich, in das gegenüberliegende Gebäude hinein und die Stiegen hinauf.

„Wohin gehen wir?“

Seine Frage blieb unbeantwortet, Eleonora zog ihn unermüdlich weiter nach oben, bis er so außer Atem war, dass er keine Fragen mehr stellen konnte. Auf einmal tauchte eine Türe vor ihnen auf, Eleonora öffnete sie und sie standen auf dem Dach des Hauses. Einen Moment lang schwiegen sie, gebannt von dem Anblick, der sich ihnen bot. Die kalte, klare Luft entfernte jede Betrunkenheit, die Eleonora empfunden haben mochte. Der Sternenhimmel war von hier aus kräftiger zu sehen, als von der Straße. Fast, als wäre er aufgemalt und man könnte die Malerei besser sehen, je höher man aufstieg. Sie spürte seine Hand über ihren Körper zu ihrem Nacken wandern und fand sich in einem herzzerreißenden Kuss wieder, vor einer Kulisse, die so unecht wirkte wie das Set eines Films. Eleonora war im Himmel, sie dachte an alles und an nichts; sie wünschte, dieser Moment würde niemals enden. Sie dachte an ihre Ehe, die zu Beginn genauso leichtfüßig daher gekommen war, wie ihre Affäre mit Florian. Damals hatte sie gedacht, dieser Zustand der rosa roten Brille würde sich nie ändern. Aber ihr Mann, Kai-Uwe, sah sie nicht mehr an, wie Florian es tat, er schenkte ihr nicht mehr die Aufmerksamkeit für jedes Detail an ihr, wie Florian es tat, er machte ihr keine Komplimente, wie Florian es tat, er nahm sie gar nicht mehr richtig wahr; ihre Bedürfnisse interessierten ihn nicht; Hauptsache er hatte seine zahllosen Geliebten, die ihn bei Laune hielten und seine elfenhafte Frau, die ihm bei Geschäftsessen nützlich war, vor allem wenn es galt einen schwierigen Kunden zu becircen, damit Kai-Uwe am Ende des Abends Profit machte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal eine bedeutungsvolle Unterhaltung mit ihrem Mann geführt hatte, es gab Tage an denen sie sich nicht einmal außerhalb der Arbeit sahen; wenn er die Nacht im Büro verbrachte und sie das Haus für sich alleine hatte. Er meldete sich nicht bei ihr, er schrieb ihr nicht Schlaf gut mein Schatz, oder Ich denk an dich, es war eine Stille zwischen ihnen eingetreten, die sie neben einander her leben ließ, aber nicht mehr miteinander. Und dann war Florian in ihr Leben getreten. Dieser gut aussehende, charmante junge Mann, der durch seine Avancen ihr Ego streichelte. Sie konnte nicht glauben, was sie tat. Sie küsste einen fremden Mann, einen Mann, der nicht ihr Angetrauter war. Sie tat etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte, aber Florian hatte ihr den Erdboden unter den Füßen weggerissen, er hatte sie im Sturm erobert und ihr Herz gestohlen. Er hielt in seinem Kuss inne, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, grinste sie einen Moment an und umarmte sie so fest, dass sie glaubte zu zerspringen.

„Am liebsten würde ich dich für immer in meinen Armen halten“, sagte er.

„Am liebsten würde ich für immer in deinen Armen verweilen“, sagte sie.

In diesem Moment erkannte Florian, er liebte diese Frau und das war mehr wert als alles andere. In diesem Moment traf Eleonora eine Entscheidung, das Leben war zu kurz für schlechte Ehen; sie würde sich ihrem Geliebten hingeben. Es gab für sie zwei Möglichkeiten, entweder die Welt lag ihnen zu Füßen, oder sie waren zum Scheitern verurteilt. Sie ließen es drauf ankommen.

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