Erinnerungen an einen alten Mann

dietintenfisch ©

Ich glaube, meine lebhafteste Erinnerung an meinen Vater ist eine als ich achtzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich natürlich an vieles vor diesem Datum aber ich finde in diesem Moment zeichnete sich die Persönlichkeit meines Vaters sehr viel genauer ab, als sonst. Er war von seiner strengen Mutter, einer alleinerziehenden Witwe in den dreißiger Jahren, zu absoluter Beherrschung erzogen worden. Sie hatte ihm wenig durchgehen lassen und vor allem keine Gefühlsregungen, die ihn davon abhalten konnten, seine Arbeit zu tun. Er hatte nie eine Schule von innen gesehen, erst als alter Mann, von klein auf hatte er seiner Mutter auf dem Bauernhof helfen müssen und bald gelernt, dass die Arbeit ohne Murren verrichtet werden musste, wenn er keine Schläge bekommen wollte. Mein Vater war stets so stoisch, dass ich glaubte, er habe überhaupt keine Gefühlsregungen in sich. Bis zu diesem Tag in meinem neunzehnten Lebensjahr, als ich ihn unerwartet zum Lachen brachte. Ich war damals sehr faul, es war der Sommer nach meiner Matura und ich verbrachte meine Zeit damit abzuhängen. Meistens jagte ich irgendwelchen Mädchen hinterher, oder sah planlos fern. An diesem Tag war es zweiteres. Ich wusste überhaupt nicht, was ich eigentlich ansah. Vater hatte sich zu mir gesetzt und nach etwa einer Minute begann er schallend zu lachen. Ich hatte ihn noch nie lachen gesehen und lachte mit, weil er ein einladendes Lachen hatte und mich damit überraschte. Ich glaube wir sahen gerade „Ohne Maulkorb“, eine Jugendserie, die mich damals sehr interessierte. Die Folge handelte von einem neuen musikalischen Phänomen aus New York, dem DJ. Mein Vater lachte sich schlapp über das Wort Disc Jockey. Ich glaube, in diesem Moment war er richtig frei.

Am Donnerstag ist mein Vater gestorben. Lara hat den ganzen Freitag Geschirr abgewaschen, bis ihre Finger sich abschälten und ihre Augen brannten, weil sie mit Spülmittel auf den Händen Tränen aus ihrem Gesicht gewischt hatte. Alexandra ist für drei Stunden spazieren gegangen, Alice ist schweigend am Sofa gesessen und hat Löcher in die Luft gestarrt und Adam hat in seinem Zimmer Computerspiele gespielt, die sein Weinen übertönten. Am Samstag war das Begräbnis, für das wir uns alle zusammengerissen haben. Adam hat eine Rede geschrieben, die mich zu Tränen gerührt hat. Und heute können wir wieder lachen, wieder eine Familie sein, die Routine ein bisschen umarmen. Jetzt wo Herr Müller in Alexandras altem Zimmer wohnt, schlafen die Mädchen in Alices Zimmer. Das ist nicht optimal aber für eine Woche wird es reichen. Nur ist es eben das Zimmer, in dem ihr Großvater die letzten drei Jahre gewohnt hat. Seine Kleidung hängt noch im Kasten, sein Geruch hängt noch in der Luft, ich weiß nicht, wie sie es da aushalten können. Herr Müller, höflich wie immer, hat sofort angeboten für eine Woche in einem Hotel zu schlafen, um die Situation für alle etwas leichter zu gestalten aber ich habe darauf bestanden, dass er bleibt. Immerhin hat er, zumindest in den letzten Jahren, irgendwie begonnen zur Familie zu gehören.

Jetzt bin ich Waise, denke ich, als ich mein Spiegelbild im Küchenfenster betrachte, während ich lustlos in meinem Salat stochere. Meine Mutter starb als ich so alt war wie Adam jetzt, völlig unerwartet, viel zu jung. Lara sagt manchmal, dass sie sich in mich verliebt hat, weil ich diese Aura der Traurigkeit um mich hatte, als wir uns kennen lernten. Ich habe mich in sie verliebt weil -.

„Lara, hab ich dir eigentlich jemals den Moment erzählt, in dem ich mich in dich verliebt habe?“

Meine umwerfende Frau sitzt mir gegenüber, schüttelt ihren dunklen Lockenkopf und sieht mich erwartungsvoll an. Genau wie unsere Kinder.

„Ich hatte dich das erste Mal mit nach Hause genommen. Ich glaube, es war erst wenige Monate her, dass Mami gestorben war. Ich hatte gehofft, wir wären allein“, ich ziehe eine Augenbraue hoch, „Vati war aber zu Hause und etwas überrumpelt von dieser schönen, jungen Dame in seinem Haus. Vor allem, weil du Leben hinein gebracht hast. Du warst so energetisch, so lebhaft, so begierig die Welt und das Leben in dir aufzusaugen. Du warst vollkommen natürlich und das hat ihm ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Das war dir so leicht gefallen. Ich hatte dieses Kunststück die letzten Wochen vergebens versucht.“

Lara legt ihr Besteck neben ihren Teller und kommt mit Tränen in den Augen zu mir herüber, damit sie mich umarmen kann.

„Das hast du schön gesagt, Ludwig Wittgenstein“, sagt sie und gibt mir einen Kuss.

„Ich bin ja auch ein Mann der Sprache“, erwidere ich verlegen.

„Wie war die Oma?“, fragt Adam.

„Ich glaub, das hast du noch nie gefragt“, sage ich anerkennend zu meinem Sohn und denke mir, dass er von uns allen konstant unterschätzt wird, weil er der Jüngste ist. Seine Schwestern, die Großen, haben sich nie getraut, mit mir über meine Mutter zu sprechen. Aber ich bin sicher, dass sie sich Gedanken über sie gemacht haben und über mich. Wie das gewesen sein muss, als sie starb. Unvorstellbar. Für jemanden, der es nicht erlebt hat. Glücklicherweise.

„Sie war eine sehr wissbegierige Frau. Sie hat den Menschen gerne zugehört, was gut war, weil mein Vater, wie ihr wisst, gerne geredet hat. Sie hat für ihr Leben gerne Dokumentarfilme angeschaut und sie war immer sehr fesch gekleidet, das war ihr wichtig. Ich hab ihr als Kind gerne dabei zugesehen, wenn sie sich zum Ausgehen fertig machte. Ich weiß nicht, es sind nur noch Erinnerungsfragmente da, ich weiß also nicht, ob ich mich richtig erinnere. Ich fand immer, sie war jung geblieben, damit meine ich im Geist. Sie hatte die wunderbare Fähigkeit Menschen so zu lieben wie sie waren und nicht so, wie sie sie haben wollte. Sie verurteilte nicht und verstand, dass sich Zeiten ändern und die Menschen mit ihnen. Darum glaube ich auch, dass sie Freude mit euch gehabt hätte, weil ihr in so völlig anderen Zeiten aufgewachsen seid, und sie das sicher total spannend fände. Das Internet erforschen und Fernsehen am Smartphone, irre. Ich glaube, das hätte ihr Spaß gemacht.“

Lara und ich haben dieses Spiel, einen Running Gag, der uns seit dem Anfang unserer Beziehung begleitet. Ich weiß gar nicht mehr so richtig, wie das entstanden ist. Ich glaub, wir waren auf einer Party und irgendein Trottel ist der Lara zudringlich geworden. Ich hab das gar nicht so richtig mitbekommen, aber dass sie ihm eine gefetzt hat, das hab ich mitbekommen. Der hat das nicht erwartet, so viel stand fest. Er ist hingefallen und hat sich schnellstens aus dem Staub gemacht. Ich war so beeindruckt von meiner Freundin in diesem Moment, dass ich sagte:

„Gut gemacht, Lara Croft.“

Laras Mädchenname war Kroftmann, an unserer Klingel steht Bernstein-Kroftmann. Sie antwortete darauf:

„Gut gesagt, Ludwig Wittgenstein.“

Weil ich Ludwig Bernstein heiße.

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