Ritas Wohnzimmer

dietintenfisch ©

Es gibt Räume, die haben eine ganz besondere Wirkung. So wie das Wohnzimmer von Rita. Als ich es betrat, fühlte ich mich, als wäre ich angekommen. Da, wo ich immer hinwollte, nach Hause und in unendliche Geborgenheit. Ich fand das ganz schön krass, dass eine selbsternannte Heimatlose, wie ich es war; die es nicht länger als ein paar Monate am selben Ort aushielt, diese merkwürdig feste Bindung zu einem Ort, einem Zimmer, empfinden konnte. Vielleicht war es der Geruch nach Schuhcreme und Benzin, der aus der Autowerkstatt nebenan, herüberwehte. Vielleicht waren es die auberginefarbenen Wände, die mich an das Schlafzimmer meiner Großeltern erinnerten. Vielleicht war es die Musik, die leise im Hintergrund lief und den Raum in eine Art Gruselkabinett verwandelte. Wahrscheinlich aber war es das Skelett, das von der Decke hing. Seine drahtigen, langen Finger, die nach mir griffen und mich mit sich reißen wollten, die hohlen Augen, das falsche Lächeln. Rita mochte ausgefallene Möbelstücke. Sie hatte nichts im Zimmer, das keine Funktion erfüllte; das Skelett war eine Lampe, der Kopf war aufgeschnitten und eine Glühbirne hatte das Gehirn ersetzt. Mir gefiel die Metapher. Ein alter Kühlschrank war zu einem Couchtisch umfunktioniert worden und acht Umzugskartons waren das Bücherregal. Ich nahm auf dem rosafarbenen Sofa Platz, wie Rita mich gebeten hatte, und ließ mir von ihr Tee aus Holunderblüten servieren. Wir waren uns halt begegnet. Das war nichts Besonderes in einer großen Stadt. Man traf ständig Leute, das konnte man gar nicht vermeiden. Wir waren an einer Straßenecke zusammen gestoßen. Sie war damit beschäftigt gewesen, das Kabel ihres MP3 Players zu entwirren, das sich im Reisverschluss ihrer Jacke verfangen hatte und hatte nicht darauf geachtet, was vor ihr passierte. Ich war in ein Buch vertieft gewesen und hatte nicht darauf geachtet, was vor mir passierte. Unser Zusammenstoß bescherte mir eine gebrochene Nase und Rita ein schlechtes Gewissen. Rita hatte mich ganz anständig augenblicklich ins Krankenhaus begleitet, den fluchenden Taxifahrer beschwichtigt, der sich darüber ärgerte, dass ich sein Auto vollblutete, geduldig gewartet, bis ich aus dem Behandlungszimmer entlassen worden war und hatte mich nach Hause gebracht. Bei so viel Liebenswürdigkeit beließ sie es aber nicht. Sie bestand darauf, mich so bald als möglich in ihrer Wohnung zu bekochen als Entschädigung für meine jetzt bandagierte Nase. Rita hatte neben mir Platz genommen; das sah irgendwie zu komisch aus, diese hünenhafte Frau auf dem niedrigen Sofa. Sie wirkte auf einmal fast wie ein Kind.
„Ich mache Safranreis auf rote Beete Curry“ erklärte sie.
Ich fragte mich, ob sie das vor hatte oder das Essen schon fertig war, denn gegenwärtig saß sie ja mit mir im Wohnzimmer auf dem Sofa. Vielleicht wollte sie zuerst ihren Tee austrinken.
„Woher hast du deine Möbel?“ fragte ich, aus Interesse und weil ich peinliche Stille vermeiden wollte.
Rita machte eine dramatische Geste.
„Ich sammle“ war alles was sie sagte und ich beließ es dabei.
Sie trank ihren Tee und ging in die Küche, mir verbat sie die Küche zu betreten, so lange sie kochte, also blieb ich im Wohnzimmer. Genug zu sehen, gab es hier allemal. Ich stellte mir vor, dass Rita all diese ausgefallenen Möbel auf der ganzen Welt zusammen gesucht hatte; das Skelett aus dem Labor eines verrückten Professors in Florenz, den alten Kühlschrank von einer bankrottgegangenen Tankstelle in Bolivien; ich stellte mir vor, dass sie sie alle auf unterschiedlichsten Floh-und Trödelmärkten gefunden hatte. Vielleicht hatte sie das eine oder andere auch geschenkt bekommen, oder auf dem Sperrmüll gefunden. Ich erinnerte mich selbst einmal ein altes aber völlig funktionstüchtiges Bücherregal in einem Müllcontainer gefunden zu haben. Ein wunderbar süßlicher Geruch begann sich aus der Küche in der Wohnung zu verbreiten, ich hörte leise Musik durch die geschlossene Küchentüre. Rita verdiente ihr Geld unter anderem damit Vorträge über Recycling zu halten, sie hatte unkonventionelle Ideen und war deshalb sehr gefragt. Die einen hielten sie für eine völlig durchgeknallte Esoteriktante, die anderen beteten sie an, wie einen Guru. Aber eine Meinung hatte jeder zu ihr, der einmal einen ihrer Vorträge angehört hatte. Ich war mir nicht sicher, in welches Lager ich gehörte. Immerhin kannte ich sie ja noch kaum und unser Zusammentreffen war ja aus reinen Verpflichtungsgefühlen ihrer Seite zustande gekommen. Ich hatte sie nicht als Vortragende erlebt, sondern als leicht schrullige aber freundliche Frau mit originellem Inventar im Wohnzimmer. Ich konnte mir auch vorstellen, dass sie sich mir gegenüber anders verhielt als anderen Menschen, weil sie ein schlechtes Gewissen mir gegenüber hatte. Meine Nase war zwar gebrochen aber ich machte Rita nicht dafür verantwortlich, sie hatte ja nicht mit voller Absicht am anderen Ende der Ecke gelauert, bis ich vorbeikam, nur um dann in mich hinein zu laufen und mir das Buch, das ich gelesen hatte, ins Gesicht zu schmettern und dabei meine Nase zu zersplittern. Aber meine fünfzehn Beschwichtigungsversuche und Ablehnen eines Entschädigungsabendessens waren auf sture Ohren gestoßen, davon wollte sie nichts hören. Sie hatte mir die Nase gebrochen, darum würde sie mich bekochen und damit basta. Ich sah mich im Wohnzimmer sehr genau um. Ich las den Klappentext jedes Buches, ich inspizierte jede Glasfigur einzeln. Ich fand es spannend mir alles so genau anzusehen, ich bekam das Gefühl, Rita und ihre Welt dadurch etwas besser kennen zu lernen. Sie hatte keinen Fernseher und so weit ich das erkennen konnte, auch keinen Computer. Im Zeitalter in dem eine technologische Innovation die nächste jagte, fand ich das bemerkenswert. Ich war gerade dabei mir die Fotos anzuschauen, die Rita an ihren Wänden kleben hatte, als sie die Küchentüre öffnete und mit einem Lächeln auf den Lippen und zwei Tellern in der Hand, ins Wohnzimmer trat. Sie legte die Teller auf den Kühlschrank/Couchtisch, holte Besteck und Gläser aus der Küche, die sie mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt hatte und bat mich zu Tisch.
„Das ist Ribiselsaft“ erklärte sie.
„Lass es dir schmecken. Guten Appetit.“
„Guten Appetit.“
Wir aßen einen Moment schweigend, bis Rita plötzlich sagte:
„Die Möbel sind mir zugelaufen. Ich war mit dem Auto in Rumänien unterwegs. Plötzlich kam ich in eine Straße, die voll mit entsorgten Möbelstücken war. Die sind da einfach herum gelegen und am Rand waren ganz viele abgestellte Autos mit geöffneten Kofferräumen und überall wuselten Menschen herum, die sehr beschäftigt damit waren so viel wie möglich in ihre Autos zu stopfen. Hat mich irgendwie an Ameisen erinnert. Schmeckts dir?“
Einen Moment glaubte ich der Reis auf meinem Teller wären Ameisen, dann war es wieder Reis und ich sagte:
„Es sind also alles Fundstücke? Es schmeckt mir sehr gut, danke.“
„Hast du irgendwelche Allergien?“ fragte sie ohne Übergang und ohne meine Frage zu beantworten.
„Hausstaubmilben, wieso?“
„Weil ich mir vorstellen kann, dass Niesen bei einer gebrochenen Nase eine sehr schmerzhafte Angelegenheit ist.“
„Hast du dir schon mal etwas gebrochen?“
„Zweimal meine linke Hand. Als Nachspeise kann ich dir Zitronensorbet anbieten.“
Ich war noch nicht einmal zur Hälfte mit meinem Hauptgang fertig.
„Danke, aber ich glaube, ich bin nach diesem köstlichen Curry mehr als satt.“
„Wie du wünscht“ sagte Rita und ich fand sie in diesem Moment so fabelhaft, dass ich sie am liebsten erdrückt hätte.
Noch nie hatte ich jemanden so etwas Wunderbares sagen hören. Sie erzählte mir, dass sie bereits siebzehn unbeantwortete Briefe an die Umweltministerin geschrieben hatte, um selbige dazu zu bewegen in Österreich endlich Pfand auf Dosen und PET-Flaschen einzuführen, während ich aufaß. Ich glaube, ich habe selten jemanden erlebt, der so leidenschaftlich für eine Sache argumentierte. Ich glaube, ich habe selten jemanden getroffen, wie Rita. Ja, vielleicht traue ich mich sogar zu sagen, dass unsere Begegnung schicksalhaft war. Vielleicht ist Rita nicht in mich hinein, sondern mir zugelaufen. Vielleicht ist Rita ein besonders, seltenes Fundstück. Ich trank noch zwei Tassen Tee an diesem Nachmittag in Ritas Wohnzimmer und fühlte mich ausgesprochen wohl dabei. Unsere Wege trennten sich mit der Abmachung, dass beim nächsten Mal ich für sie kochen würde. Als ich nach Hause kam, sah ich noch immer das gruselige Lächeln des Skeletts aus Ritas Wohnzimmer vor mir.

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