Berlin Februar 2015

dietintenfisch ©

Berlin Tag 1:

Ein Meer aus Schuhen fliegt mir in der Berliner Wohnung von Luisa, Schauspielstudentin und Seelenverwandte, entgegen. Sie entblößt ihren leicht abgeschlagenen Vorderzahn beim Lächeln, den ich so vermisst habe. Sie ist ziemlich gerädert, wir gehen trotzdem zum Asiaten und anschließend in Hermann Fritschs neues Stück an der Volksbühne. Beim Anstehen für Restkarten treffen wir einen Bekannten von Luisa und seine Freundin. Wir gehen alle zusammen zum Asiaten und plaudern. Wir machen alle was mit Kunst, Schauspiel, Kostümdesign, Film, Dichtung; was für eine flotte Truppe. In der Volksbühne habe ich dieses Gefühl, das ich sooft im Theater habe; nach Hause kommen. Es ist das erste Mal seit neunzehn Jahren, dass ich eine Berliner Theaterbühne betrete. An Was ihr Wollt und Weiningers Nacht erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Am Heimweg gehen Luisa und ich, nachdem wir uns von unserem bekannten Paar verabschiedet haben, in einen echten Berliner Späti und eine echte Berliner Videothek (in Wien machen die ja alle zu), in denen wir uns mit Eis und Süßigkeiten für den abendlichen Tatort ausrüsten. Beim Tatort schauen mit David, einer von sechs Bewohnern der WG; ich schaue eigentlich nur halb, weil ich mich bei Krimis immer so gruseln und fürchten muss; verspeisen wir das Makadamianuss Eis vom Späti. Danach geht David, noch verkatert von der letzten Nacht, ins Bett und Luisa und ich unterhalten uns über zu hohe Eintrittsgelder für Nachtklubs und DJs, die Playlisten von Youtube abspielen. Das Gespräch wird dann zu einem Gespräch über Verantwortung für die Welt. Ich als zukünftige Lehrerin sehe es als meine Aufgabe, diese in zukünftigen Generationen zu wecken; Luisa meint das ist eine Utopie. Ist es wahrscheinlich auch. Ich will es trotzdem versuchen. Ich unterhalte mich mit Daniel, einem eben vom legendären Berliner Berghain Heimgekehrten Mitbewohner, während Luisa sich fertig fürs Bett macht. Luisa geht schlafen, ich schreibe diese Worte, getrieben von einer merkwürdigen Schlaflosigkeit, der ich machtlos ausgeliefert bin. Endlich greift die Müdigkeit nach mir; die die die Augen schwer und den Kopf langsam macht. Kurz vorm Einschlagen freue ich mich auf morgen; auf den Tag, den ich erleben werde. Einen Tag in den Straßen von Berlin.

Berlin Tag 2:

Heute Früh machen wir es uns gemütlich. Luisa konnte seit langem mal wieder ausschlafen, wir holen uns lauter gute Sachen von Edeka um die Ecke und machen uns ein mächtiges Frühstück mit Smoothies und Avocado. Langsam gehen wir dann los, zu Luisas Uni, da sind gerade Aufnahmeprüfungen und eine Freundin von ihr muss vorher noch geherzt werden. Dazu brachte Luisa ihr eine knall pinke Perücke von Zuhause mit. Ich ziehe dann alleine los, zum Martin Gropius Bau, eine Fotografie- und Lyrikausstellung von Liu Xia anschauen, politisch wichtig. Sie ist mit Liu Xiaobo verheiratet, der seit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2010 in China in Haft sitzt, weil er für die freie Meinungsäußerung im chinesischen System plädiert. Liu Xia selbst, hat seit einem Jahr Hausarrest, weil sie sich unerbittlich für die Freilassung ihres Mannes einsetzt. Ihre Fotografien empfinde ich als verstörend, ihre Gedichte als herzzerreißend. Vom Potsdamerplatz fahre ich mit der U2 nach Hause, es ist schon halb sieben, die Fahrt vom Kudamm zum Museum hat über eine Stunde gedauert, weil ich einmal kurz in die falsche Richtung gegangen war; jetzt bin ich hungrig. Ich gehe zu Hause um die Ecke zu Edeka und hole Ricotta-Spinat Tortellini und Pesto Rosso für teure 5 Euro 26 und mache mir oben in der Wohnung (der Schlüssel und die vielen Schlösser an der Wohnungstüre machen mir Probleme, die freundlichen Mitbewohner öffnen mir) ein schnelles Abendessen, während ich The Newsroom schaue. Später unterhalte ich mich mit Boni, David und Tim, einem Studienkollegen von David, über Luisas und meine imaginären Kinder namens Kevin und Chantal. Boni studiert Philosophie, wir haben einige Gesprächsthemen. Luisa ist noch nicht zu Hause, sie ist schlüssellos, weil ich ihren habe. Wie kommt sie nur heim?

Berlin Tag 3:

Luisa hat auswärts übernachtet, wie ich aus einer Sms erfahre, die sie mir um drei Uhr morgens geschickt hat, als ich in der Früh auf mein Handy schaue, um die Uhrzeit heraus zu finden. Ich nutze den Vormittag um Charlottenburg, da wo Luisa wohnt, zu erkunden, ich gehe zu Fuß zum Schloss Charlottenburg und ins Berggruen Museum. Für fünf Euro kann ich mir drei Ausstellungen anschauen, Surrealisten, Psychoanalysekunst und Klassiker der Moderne. Eine Schulklasse ist im Museum, malt Gemälde ab und schreibt Texte dazu. Um dreizehn Uhr bin ich mit Luisa in der Wohnung verabredet, weil sie ja keinen Schlüssel hat. Wir essen zusammen und am späteren Nachmittag treffe ich Lili, eine sehr gute Freundin von mir aus Wien, die seit einem Jahr mit ihrem Freund in Berlin lebt. Wir finden uns nicht gleich, weil ich verwirrt bin und wo anders warte, als ausgemacht, dank unserer Handys finden wir uns schließlich doch; ich überquere die Charlottenstraße und finde das cool; wir lachen über unsere geistige Verwirrung und gehen um die Ecke Kaffee trinken. Wir plaudern gemütlich und stellen fest, dass wir uns gerade das erste Mal zu zweit treffen, ohne Gruppe, ohne gemeinsame Freunde. Wir reden über Berlin und Wien und über Männer. Auf der Toilette im Café spielt es Märchen, bei Lili den Froschkönig, bei mir Dornröschen. Lili lädt mich ein zum Abendessen mit ihren ehemaligen Arbeitskolleginnen mitzugehen, sie gehen heute in einem japanischen Restaurant um die Ecke Sushi essen. Ich nehme die Einladung begeistert an und Lili und ich sind die Ersten am Treffpunkt. Wir bekommen pro Person eine Tasse Grüntee geschenkt und man kann sich immer nachnehmen, ohne zu bezahlen. Ich bestelle Avocadomakis und Inari, Tofubällchen mit Reis gefüllt, und zahle dafür sechs Euro. Das Abendessen verläuft sehr entspannt und fröhlich, Lilis ehemalige Arbeitskolleginnen sind sehr sympathisch, wir haben Spaß zusammen. Wir fragen uns, ob das Wappentier Berlins, der Bär, von dem Namen der Stadt hergeleitet wurde, oder umgekehrt. Wir befragen Wikipedia und erfahren es nicht. Ich verabschiede mich von Lili, die im März nach Wien kommen wird, wir sehen uns also recht bald wieder. Es ist in dieser Truppe so nett, dass ich länger bleiben will, aber weil ich noch etwas vor habe, auf dass ich mich genauso freue, eise ich mich nach zweieinhalb Stunden los und fahre zum Mehringdamm; in eine Coctailbar namens Café Rubens, in der ich meinen ältesten Freund Pauli, seinen Kumpel Tim und seine Studienkollegin Jessica treffe. Ich bestelle zwei Coctails (einen Margarita und eine Caipirinha) und Pommes mit Ketchup, auch hier führen wir wunderbare Gespräche und verstehen uns alle prächtig. Wir reden über Autounfälle mit Schilf und schlechte Wortspiele, Autofahrer in Griechenland, Tims Koffer und meine nordpolexpeditionstüchtige Jacke. Jessica und Tim nehmen später die U-Bahn, Pauli und ich gehen noch ein Weilchen zu Fuß, durch die nächtlichen Straßen von Berlin und plaudern über Musik, Bloggen und gemeinsame Freunde; bis auch wir in die U7 steigen und nach Hause fahren. Ich habe Glück, als ich nach Hause komme ist Luisa da und macht mir auf. Wir gehen schlafen, es ist schon ein Uhr Früh und morgen habe ich meinen letzten Tag in Berlin vor mir, in den ich mit möglichst viel Kraft starten will.

Berlin Tag 4:

Luisa fühlt sich krank, sie muss trotzdem zur Probe für einen Dreh, in dem sie ein Punkmädchen namens Krätze spielt. Ich prüfe sie Text ab. Dann geht sie zur Probe und ich breche zum Hauptbahnhof auf, weil ich wegen meiner morgigen Fahrt nach Belgien für meinen Anschlusszug von Amsterdam nach Antwerpen eine Reservierung brauche. Die Dame am Schalter der deutschen Bahn, erklärt mir jedoch, dass diese Reservierung nur vor Ort, also nur in den Niederlanden gemacht werden kann. Sie kann mir also nicht helfen und ich überlege einen Moment, was das für mich heißt. Ich muss dann wohl einen Zug, eine Stunde später nehmen, und hoffen, dass er nicht voll ist, dass ich eine Reservierung bekomme und problemlos nach Antwerpen fahren kann, wie ich es geplant hatte. Vom Hauptbahnhof, wo ich mir einen U-Bahnplan von der Informationsstelle hole, fahre ich über Alexanderplatz und mit Umstieg in die U8 zum Herrmannplatz, von wo aus ich die Sonnenallee überquere (und mich freue, weil ich den Film gesehen habe und das cool finde), um in die Hobrechtstraße zu gelangen, in der ein Buchgeschäft ist, das mir von Boni empfohlen wurde. Ich betrete die Buchkönigin und bin augenblicklich verliebt in dieses Geschäft, mein Paradies auf Erden, mein Ort der Stille, meine Quelle der Weisheit. Von da holt mich Pauli ab und wir marschieren wieder flott los durch die Stadt. Ich erzähle ihm von einer Frau, die zuvor, als ich die Buchkönigin ausfindig machte, mit einem Einkaufswagen von hinten über meine Füße fuhr, so dass ich beinahe hingefallen wäre und dann von mir erwartete, dass ich mich dafür bei ihr entschuldige; was ich auch getan habe, weil ich die Umgangsformen in Berlin noch nicht verinnerlicht habe. Pauli beeindruckt das nicht, er kennt die Berliner jetzt schon seit vier Jahren und erklärt mir, dass sie glauben, das Recht zu haben, zu tun und zu lassen, was sie wollen, ohne Rücksicht auf Verluste und das die Stadt einem beibringt seine inneren Arschlochqualitäten nach außen zu kehren, wenn man nicht untergehen oder vor Wut explodieren will. Wir gehen von Hermannplatz bis Kleistpark zu Fuß, durch den Gleisdreieckpark. Wir schauen von dort hinunter auf die Straße, auf eine Stelle, an der wir gestern gegangen sind, ich sage scherzend: „Schau, jetzt können wir uns gestern beim Gehen zusehen.“ Ein euphorischer Gedanke, die Grenzen von Zeit und Raum zu überschreiten, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und einem Selbst aus einer anderen Zeit zu begegnen. Ich bin begeistert von den Hasen in der Dämmerung des Gleisdreiecksparks, Pauli, durch Gewohnheit unbeeindruckt von denselben, klärt mich nüchtern über die Häufigkeit von Hasen in Berlin auf. Wenige Minuten später, erreichen wir einen seiner Lieblingsorte in Berlin, ein Teil des Gleisdreieckparks, die Straße, Fußgänger, Radfahrer, Skater, daneben die S-Bahn, die Musik, die er mit seinem MP3 Player und den Kopfhörern hört, während er geht, neben ihm die S-Bahn, vor ihm der Sonnenuntergang. Ein magischer Moment, wie man ihn eben nur manchmal erhascht in einer Großstadt. Pauli erzählt mir von dem Film Paranoid Park, als wir den Gleisdreieckpark verlassen. Wir gehen am scheinbar kleinsten Theater Berlins vorbei, erreichen die Helmstraße, die Kindheitserinnerungen in mir weckt, und enden unseren Spaziergang hier, mit einem Stopp in einem Restaurant namens Toronto. Wir essen Cannelloni, Pauli mit Käse und Speck, ich mit Rucolapesto und plaudern und lachen über unseren fiktiven gemeinsamen Freund Kai-Uwe, der sein Geld damit verdient, Palmen zu vertreiben, sich grundsätzlich nur von Kuchen ernährt und im Winter immer arbeitslos ist. Im Spätkauf neben an, kaufe ich eine Packung Merci, für Luisa und ihre netten Mitbewohner, weil ich die letzten fünf Tage ihre Wohnung belagert habe, ich schreibe eine Karte dazu und beglücke sie mit meinen spärlichen Malkünsten. Pauli und ich verabschieden uns in der U-Bahn, weil er früher aussteigt, auch er wird im März in Wien sein, glücklicherweise sogar zu meinem Geburtstag. Luisa und ich gehen recht zeitig ins Bett, sie, weil sie sich krank fühlt, ich, weil ich am nächsten Tag um sieben Uhr aufzustehen habe, wenn ich meinen Zug um 8:36 erwischen möchte. Luisa und ich plaudern noch über Menstruationsbeschwerden und Menschen, die nicht zuhören können, dann umarmen wir uns zum Abschied und gehen schlafen.

Berlin Tag 5:

Ich verlasse die Wohnung in der Kaiser-Friedrichstraße mit dem Meer aus Schuhen pünktlich und habe am Bahnhof angenehm viel Zeit mir Brötchen und Kaffee für die Fahrt zu kaufen und ohne Probleme in den Zug zu steigen. Leb wohl Berlin, auf bald.

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