Ulrike die Schreckliche

dietintenfisch ©

„Franz könntest du bitte mal den Fernseher leiser schalten?“ rief Ulrike aus dem Badezimmer. Dabei war sie doch die, die mit ihrer überdimensional lauten Opernmusik, die sie zu hören pflegte, wenn sie ein Bad nahm, störte. So hatte Franz sich das nicht vorgestellt. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit Ulrike. Das leere Zimmer seiner Tochter unterzumieten hatte er sich definitiv einfacher ausgemalt. Erst hatte er monatelang niemanden gefunden und jetzt hatte er Ulrike am Hals, die sich bei ihm einfach ein kleines bisschen zu wohl fühlte. Es hatte geheißen, sie würde ein paar Wochen in Wien bleiben. Ihre Gasttätigkeit beim ORF war eine einmalige Sache, die nach fünf Wochen Drehschluss zu Ende gehen sollte. Dass diese kleine, dickliche Frau mit der vorlauten Klappe und dem mangelnden Gefühl von Takt jedoch so hohe Einschaltquoten für ihre Sendung bekommen sollte, war nicht voraus zu sehen gewesen. Zumindest nicht für Franz. Der musste sich jetzt mit allerhand Dingen herumschlagen, mit denen er sich zuvor nicht hatte herumschlagen müssen. Wie zum Beispiel Reporter von seiner Wohnungstüre abwimmeln, die ein Interview mit Ulrike wollten, die Nachbarn beschwichtigen, die drohten ihre Rottweiler auf Ulrike loszulassen, sollte sie noch einmal Puccini Arien auf ihrem Kassettenrekorder spielen; oder Ulrikes Stimmungsschwankungen miterleben, die von enthusiastisch bis elendig gemein innerhalb von Sekunden jede Facette annehmen konnten. Franz hatte sich eine ruhige, freundliche Person als Mitbewohner gewünscht, stattdessen hatte er Ulrike bekommen, die ihn mit ihrer schrillen Stimme ständig herum kommandierte und ihm immerzu erklärte, was er schon wieder falsch gemacht hatte (Nein Franz, du hältst das Bügeleisen verkehrt). Wenn sie dabei noch die Lippen schürzte und ihren Kopf schief legte und ihn leicht spöttisch anlächelte, dann wollte er sie am liebsten erwürgen. Dass er es nicht tat, hatte er seinem Meditationsbuch zu verdanken, eines der ersten Dinge, die er sich gekauft hatte, nachdem Ulrike eingezogen war.
„Franz! Bist du schwerhörig? Mach den Fernseher leiser hab ich gesagt!“
Franz fühlte sich wie ein rebellischer Teenager als er stur die lauter Taste der Fernbedienung betätigte bis das Autorennen, dass er sich nur wegen seiner nervtötenden Lautstärke ansah, so sehr in seinen Ohren schmerzte, dass er sie zuhalten musste. Er hörte die Badezimmertüre aufgehen, Ulrike brüllen:
„FRANZ! DU MACHST DAS MIT ABSICHT! SCHALTE SOFORT DEN FERNSEHER LEISER! ICH BRAUCHE MEIN SCHÖNHEITSBAD, DAS WEIßT DU GANZ GENAU!“
Franz drehte den Fernseher auf Stufe hundert, so laut, dass er glaubte, sein Trommelfell würde platzen.  Aber ihm war alles lieber, als sich noch eine Sekunde länger mit Ulrike abgeben zu müssen.

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