Ich bereue nichts

dietintenfisch ©

GUTEN MORGEN, schleudert ihr der Müllmann, der ihr entgegen kommt freudig vor die Nase. Sie ist gerade aufgestanden, verkatert und emotional verwirrt. Sie kann mit so viel Elan und Sonnenschein jetzt nicht umgehen. Sie brummt irgendwas Unverständliches zurück und lässt den gestrigen Abend in ihrer Erinnerung am Weg zum Supermarkt Revue passieren.

Der Klub ist laut, an die Musik kann sie sich nicht erinnern, sie weiß noch, dass es zwei DJs waren. Hipp gekleidet und ultracool. Sie steht die ganze Zeit im Raucherbereich herum, weil sich da irgendwie immer mehr Leute aufhalten und sie nicht die ganze Action verpassen will. Wenn sie morgen nach Aschenbecher stinkt wird sie es bereuen. Auch egal, sie bestellt ihr zweites Getränk an diesem Abend und merkt, wie es langsam seine himmlische Wirkung zu tun beginnt. Sie redet mit jemandem über die Kappe eines Typs, der sie immer aufhat aber beknackt mit ihr aussieht. Sie schaut auf die Uhr. Der freundliche Barkeeper prostet ihr zu, weil sie ihm ein gutes Trinkgeld gegeben hat. Sie erwidert seinen Gruß und setzt sich mal.

„Woha, hallo, dich kenn ich ja. Lange nicht gesehen, was machst du hier? Krasse Scheiße.“

Da hat sie sich doch glatt neben den Franz gesetzt.

„Ich hab dich letzte Woche auf der Bühne gesehen, hat mich echt beeindruckt.“

„Danke danke, du bist auch nicht ohne.“

„Willst du was trinken?“

Eigentlich ist ihr Glas noch ziemlich voll, aber sie sagt einfach mal: „Ja Franz, bring mir was mit von der Bar. Sag dem Barkeeper es ist für mich, dann bekommst du Streetcredits.“

Franz versteht ihren Joke nicht, geht aber trotzdem zur Bar. Sie kippt derweil mal ihren weißen Spritzer mit Zitrone und Schirmchen im Glas. Franz kommt auch schon zurück und drückt ihr ein Bier in die Hand. Er setzt sich neben sie und fühlt sich ziemlich wohl dabei. Sie sich auch. Sie reden über alte Zeiten, über das türkisfarbene Plüschtier ihrer Lateinlehrerin, über Stars, die ihren Kindern beknackte Namen geben und plötzlich sagt Franz:

„Weißt du eigentlich wie hart das für mich war, dass du damals mim Sascha zusammen gekommen bist?“

Sie nimmt einen großen Schluck von ihrem Bier, schaut ihm in die Augen und schüttelt ihren Kopf. Franz trinkt sein Bier aus und redet weiter.

„Ich war echt verliebt in dich früher. Und das sag ich jetzt nicht nur, weil ich betrunken bin.“
„Sondern?“, fragt sie, nicht sicher, was sie mit dieser Information anfangen soll.

„Weils stimmt.“

Das ist irgendwie rührend, denkt sie und weil sich vor ihren Augen gerade alles so schön zu drehen beginnt, das ist wie Karussell fahren, sagt sie so:

„Wollen wir mal kurz zusammen verschwinden?“

Franz lacht mit seinen Augen: „Ich geh zuerst und du kommst nach.“

Sie nickt. Franz geht in Richtung Toilette, sie folgt kurz darauf, hoffentlich unauffällig, muss ja nicht gleich jeder mitkriegen. Am Klo erwartet sie Franz schon ungeduldig, zieht sie in eine Kabine und sie haben Spaß. Man könnte sich jetzt denken, Sex am Klo? Romantisch is anders. Aber sie findets cool. Nicht, weil sie solche Aktionen öfter bringt, im Gegenteil, heute Nacht ist sie abenteuerlustig, ohne Rücksicht auf Verluste. Zwei Minuten später sind sie fertig und zufrieden. Hat nicht wirklich hingehauen und Kondome gabs auch keine, also lassen sie das lieber doch. Sie ziehen sich wieder an.

„Das könnte jetzt ur peinlich sein“, sagt Franz.

„Das find ich jetzt nicht“, sagt sie und spürt schon wieder das Karussell in ihrem Kopf.

„Mir hats Spaß gemacht“, wirft sie noch nach, damit er weiß, was sie meint.

„Geh ma?“, fragt er.

Sie weiß nicht, was er meint und sagt einfach mal ja. Zwei weiße Spritzer und ein Bier reichen wohl aus, um sie rumzukriegen, denkt sie, als sie aus der Klokabine geht und grinst sich selbst im Spiegel an, während sie ihre Hände wäscht.

Sie sind wieder im Klub, die hippen Djs finden sich noch immer cool und heizen mit ihrer Musik ein. Plötzlich taucht der Sascha aus dem Nichts auf und redet auf den Franz ein. Ein paar Minuten später stehen sie alle draußen, vor dem Klub.

„So, was geht jetzt?“, will der Franz wissen.

„Heast Franz, mach keinen Scheiß. Bring sie nach Hause und dann fahr selber nach Hause“, meint Sascha.

Ach Sascha, denkt sie, er spielt gern den Retter, den Ritter in der scheinenden Rüstung, in der Vergangenheit schon super gewesen, gegenwärtig völlig unnötig.

„Mein lieber Sascha, ich bin durchaus in der Lage für mich selber zu entscheiden. Ich bin kein kleines, naives Mädchen.“

„Aber du wirst das bereuen schon morgen in der Früh, wenn du jetzt mit ihm mitgehst“, wendet Sascha ein.

„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht will ich mich morgen vor Blamage in einem Erdloch vergraben und erst wieder nächsten Winter herauskommen, aber vielleicht find ichs morgen noch genauso super wie jetzt. Wir sind doch alles erwachsene Menschen, das kriegen wir schon hin.“

Was heißt eigentlich erwachsen sein, denkt sie in dem Moment. Sie konsultiert den Duden auf ihrem Smartphone. Ihre Suche ergibt: ein Erwachsener ist eine dem Jugendalter entwachsene Person. Na ja sehr viel schlauer ist sie jetzt nicht. Sie hat eine bessere Definition gefunden: Erwachsen sein heißt, die Verantwortung für sich und seine Entscheidungen zu übernehmen. Sich bewusst gegen das Richtige, Vernünftige und für das spontane Abenteuer mit dem unsicheren Ausgang zu entscheiden. Sie bereut nichts. Sie freut sich sogar. Die Burschen, beste Freunde und Mitbewohner, rufen sich ein Taxi. Wahrscheinlich will der Franz keinen Ärger mit dem Sascha, verständlich, Sascha kann Karate. Sie sprechen also Worte der Verabschiedung, Sascha fragt:

„Kommst du auch sicher okay nach Hause?“

Franz küsst sie und sagt schmunzelnd: „Bis zum nächsten Mal.“

Sie steht an der Supermarktkassa und die Kassiererin bittet sie zu bezahlen. Sie war einen Moment in Gedanken. Sie zahlt, packt ihre Lebensmittel ein und denkt: Ich bereue nichts. Ich freu mich sogar. Und jetzt mach ich mir ein Katerfrühstück.

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2 Kommentare

  1. Schatzi, es ist wieder sehr schwungvoll geschrieben, wenn auch sehr im Szenejargon. Und dann fragt man sich nach dem Grund des Textes, und irgendwie ahnt man es, sie redet sich ein, dass sie nichts bereut, in Wahrheit macht ihr die Sache sehr wohl Kopfzerbrechen, sie will sich aber unbedingt über ihre Gewissensbisse hinwegsetzen, will sich bloß nicht auf schlechte Gefühle einlassen, es muss ja alles immer so schön cool weitergehen… Andererseits wäre Reue literarisch sehr anspruchsvoll und schwierig.

    Freu mich auf unsere Skyperei So. Abend!! Cornie

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