Nach Atem ringen

dietintenfisch ©

Wie ich diese schlaksige Frau mit den unförmigen, überlangen, dürren Armen anziehend finden konnte? Ganz einfach, ich liebte sie. Ich liebte nichts mehr, als ihr beim Lesen zuzusehen. Sie sah so schön dabei aus. Außerdem musste ich auf Reisen nie Bücher mitnehmen, ich las einfach immer die, die sie mitgenommen hatte, wenn sie fertig war; sie las affenartig schnell. Noch lieber als die Bücher selbst zu lesen, lauschte ich jedoch ihrer Stimme, wenn sie mir immer wieder Stellen vorlas. Sie war in diesen Momenten so sehr bei sich, so sehr sie selbst, dass es mich zu Tränen rühren konnte. Sie war sie selbst und sie war gut darin. Manchmal wollte sie auch, dass ich vorlas, aber ich fühlte mich linkisch dabei, ungelenk. Wenn sie vorlas war es wie Magie. Jede Geschichte gewann an Dichte und Schönheit wenn sie von ihrer Stimme vertont wurde. Jeder Krimi wurde spannender, jede Liebesgeschichte herzzerreißender, jede Komödie lustiger. Es war ein Genuss ihr zuzuhören. Schreiberlinge hätten sie dafür bezahlen sollen ihre Werke vorzulesen; ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie ihre Verkaufszahlen durch sie verdoppelt hätten. In Wirklichkeit arbeitete sie in einer Schwimmbadbar an der Fritteuse. Sie roch jeden Tag nach Frittierfett und kam oft mit verbrannten Fingern nach Hause. Sie verdiente sieben Euro in der Stunde. Ich weiß nicht, wie sie sich erhalten hatte, bevor ich in ihr Leben getreten war; aber ich weiß, sie hätte alles geschafft; jedes Hindernis bezwungen, dass sich ihr in den Weg stellte. Wir lernten uns über eine gemeinsame Freundin kennen. Auf einer Gartenparty kam sie einfach her und quatschte mich an und das gefiel mir. Sie stellte mir viele Fragen. Ich wollte sie zum Lachen bringen, aber dann brachte sie mich zum Lachen und das war der Moment, in dem ich begriff, dass ich es wirklich ernst mit ihr meinen könnte; und das machte mir Angst. Ich glaube, sie fand meinen Beruf schon damals spannend. Ich glaube, sie stellte sich vor, dass ich dafür bezahlt wurde, zu reisen. In gewisser Weise hatte sie recht. Als Kartograph war ich schon viel herum gekommen; ich war in der Wüste Gobi gewesen und am Great Barrier Reef. Sie hatte diese romantische Vorstellung von meiner Arbeit. Manchmal konnte es aber auch ganz schön gefährlich werden. Es war schon vorgekommen, dass mein Team wochenlang an einem Ort in der Wüste verschüttet war und mit kleinen Wasservorräten auszukommen hatte. Ich erinnere mich noch, was sie bei unserer ersten Begegnung trug und welches Buch sie las. Ich weiß noch, dass ich es eigenartig fand, dass eine Frau, die „Le deuxieme sexe“ von Simone de Buvoir las; ein T-shirt mit der Aufschrift „I love Barbie“ trug; eigenartig und faszinierend. Sie war für mich ein Kreuzworträtsel das ich bis auf einen Begriff gelöst hatte, der mir einfach nicht einfallen wollte. Wir ergänzten uns so fließend, dass wir manchmal Angst bekamen. Es war unheimlich, wie oft wir wussten, was der Andere gerade dachte, fühlte oder brauchte. Vor allem, wenn wir sahen, dass das bei den Beziehungen in unserem Freundeskreis nicht so war. Ich weiß, deine Mutter hat einmal zu mir gesagt: „Wir sind schon was Besonderes, oder?“
Das waren wir auf jeden Fall. Ich glaube, man muss ein verdammtes Glück haben, jemandem zu begegnen der so gut zu einem passt und den man auch noch so überirdisch liebt. Leute mögen vielleicht meinen, sie war nicht schön; vielleicht sogar ganz und gar unauffällig; ich weiß nur, für mich war sie der schönste Mensch der Welt. Um es mit Virginia Woolfs Worten zu sagen: Ich glaube, es hat nie jemanden gegeben, der so glücklich war wie wir. Ich weiß, es wäre besser gewesen dir diese Worte persönlich zu sagen, als wir uns bei der Beerdigung gegenüber standen, aber ich war so ergriffen, dass mir die Worte fehlten. Ich weiß, dass ich dir kein guter Vater war; das letzte Mal, als wir uns gesehen haben warst du sieben Monate alt; heute bist du erwachsen. Und du siehst ihr so ähnlich, nicht wenn man nur flüchtig hinsieht, nur wenn man genau schaut. Dann sieht man eure Ähnlichkeit, den konzentrierten Blick, den die meisten Leute als wütend auffassen; der kleine Mund, die Knubbelnase. Du musst verstehen, dich dort stehen zu sehen, nach all den Jahren, war wie deine Mutter von den Toten erwacht neben mir stehen zu haben. Ich war mit der Gesamtsituation überfordert. Schon wieder. Oder noch immer? Deine Mutter war meine Stütze, mein Lebensinhalt, mein Grund jeden Tag aufzustehen. Sie zu pflegen war meine Aufgabe, sie zu begleiten, bis sie schließlich nachgab und ihren letzten Atemzug tat, war meine Aufgabe nicht als ihr Ehemann; sondern als der Mann, der sie liebte. Ich weiß wir sind Fremde, du und ich, wenn auch für immer miteinander verbunden, bitte vergib mir meine Offenheit, ich will endlich aufholen was ich dein Leben lang versäumt habe, auch wenn es jetzt natürlich viel zu spät ist. Kannst du mir vergeben?

Mir nach dreißig Jahren diesen Brief zu schicken, nach dreißig Jahren ohne Kontakt, ist mehr als dreist. Ich werde diese Tatsache jedoch übersehen, da ich nicht leugnen kann, dass ich Fragen habe. Zum Beispiel, wenn ihr euch so geliebt habt, warum habt ihr dann euer Kind verschmäht? Das Begräbnis war für mich ein rein formeller Akt, ich kenne die Frau nicht, die beerdigt wurde, ich sah sie an und fühlte nichts. Ich sah ihre toten Augen und es war mir egal. Dennoch war da diese Leere. Dieser Ort in meinem Herz, der bis heute unbewohnt ist. Der Ort an dem meine Eltern hätten sein sollen, meine Eltern, die mich nicht wollten, die mich abgeschoben haben. Mir fehlt diese spezielle Art von Liebe, die ich selbst nicht kennengelernt habe. Apropos Vergebung, vergeben habe ich euch schon lange, aber ich glaube nicht, dass ich den Schmerz vergessen werde, den ich viele Jahre gespürt habe. Der Mann an meiner Seite, den du auf der Beerdigung gesehen hast, ist der liebevollste Mann der Welt. Ich glaube, er hat mir etwas von dem gezeigt, das du Liebe nennst, er hat eine Türe für mich dorthin geöffnet. Ich will, dass du weißt, dass ich mich jahrelang gehasst habe, dass ich meine Minderwertigkeitsgefühle irgendwann nicht mehr aushielt und begann mich selbst zu verletzen, um ein kleines bisschen Erleichterung von meinen seelischen Qualen zu bekommen. Irgendwann, am Ende, habe ich dann verstanden, dass mit mir nichts falsch ist, dass es nicht mein Fehler war, dass ich verstoßen wurde, sondern eurer. Eure Unfähigkeit zerstörte mein Leben. Bis ich aufstand und es neu zusammensetzte. Ich mache dich, Vater, dafür verantwortlich was mit mir passiert ist. Denn ich war ein Kind, angewiesen auf die Liebe seiner Eltern, hilflos ohne sie; und ihr wart Erwachsene, die eine Entscheidung trafen. Wie konntet ihr damit leben? Habt ihr je über mich gesprochen? Habt ihr an mich gedacht? Dass ich aussehe wie sie dürfte nicht verwunderlich sein; das Erbgut ist nicht zu verleugnen. Als wir uns auf der Beerdigung sahen, stellte ich fest, dass ich deine Augen habe und den großen, schlaksigen Körperbau meiner Mutter. Diese äußeren Merkmale machen nur einen Bruchteil des Wesens aus, das ich bin. Mein Innenleben ist gänzlich verschieden. Anders als ihr. Zumindest hoffe ich das. Mein Mann und ich werden bald Eltern, wir freuen uns wie auf den ersten Schnee. Niemals könnten wir auch nur daran denken, unser Kind nicht zu behalten. Nicht einmal, wenn wir in der Gosse leben würden. So viel dazu.

Zu lesen was für schreckliche Ausmaße unsere eine fatale Entscheidung auf dich hatte, berührt mich zutiefst. Bitte glaube mir meine folgenden Worte. Ich habe bereut, dich weggegeben zu haben, in der Sekunde, in der ich dich; dieses winzige, zappelnde Etwas; der Sozialarbeiterin überreicht hatte. Aber wir hatten einen Vertrag unterschrieben, der uns legal band. Deine Mutter hat jeden Tag geweint, ungefähr ein Jahr lang, ich habe versucht stark zu sein, aber wir wussten, dass wir einen gewaltigen Fehler gemacht hatten. Ich weiß nicht, wie oft ich beim Jugendamt angerufen und gefragt habe, ob wir dich irgendwie zurück haben könnten. Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, dich zurück zu holen, hätten wir sie gefunden. Außer der einen Postkarte, die wir dir zu Weihnachten schickten, durften wir nicht mit dir in Kontakt treten; so ist das bei vollen Adoptionen. Sieh, wir hatten gedacht, dass wir dir kein zufriedenstellendes Umfeld bieten könnten, mit deiner pflegebedürftigen Mutter und ihren unangekündigten Anfällen. Ich glaubte, mich nicht um zwei hilflose Wesen kümmern zu können. Damals dachte ich auch noch, dass deine Mutter jeden Moment sterben könnte, wer konnte denn ahnen, dass sie noch dreißig Jahre leben sollte? Wir haben deinen Geburtstag jedes Jahr gefeiert, wir haben dir sogar Geschenke gekauft. Manchmal ging es ihr sogar so gut, dass sie das Haus verlassen konnte und dann spazierten wir durch Geschäfte und suchten die schönsten Spielsachen für dich, obwohl du schon lange nicht mehr bei uns gewesen warst. Ich habe mir oft Gedanken über dich gemacht und Vorwürfe, die mache ich mir noch heute. Ich habe mir unzählige Male vorgestellt, was ich zu dir sagen würde, wenn wir uns endlich gegenüber stehen würden und als wir es dann taten, waren meine Lippen versiegelt. Ich konnte nicht sprechen. Es hätte so Vieles gegeben, dass ich hätte sagen können, dass ich dich fragen wollte, aber kein Wort verließ meine Lippen. Was für eine frohe Botschaft, dass du schwanger bist. Ich wünschte, die Dinge wären anders verlaufen und ich könnte mein Enkelkind kennen lernen und meine Tochter mit dazu. Ich war gerührt, dass du zum Begräbnis deiner Mutter kamst, dieser völlig fremden aber doch vertrauten Frau. Ich wollte eigentlich nicht, aber ich tue es nun doch. Ich werde dir nun etwas schreiben, dass ich eigentlich für mich behalten wollte. Dein Brief hat mich zum Weinen gebracht. So viel dazu.

Ich bin jeden Mittwoch im Café Prückel. Ich trinke Tee und höre dem Klavierspieler für eine Stunde zu. Eigentlich ist das meine Alleinzeit. Die schätze ich über alles, aber vielleicht kann ich dieses Mal eine Ausnahme machen. Du erkennst mich daran, dass ich aussehe wie deine verstorbene Frau. Nur schwanger. Und jünger.

Das Kaffeehaus ist voll, er geht durch den Raucherbereich, um in den Nichtraucherbereich zu kommen, wie hirnrissig, er erblickt die Frau, die er gesucht hat und geht auf ihren Tisch zu. Er streckt seine Hand ganz förmlich aus und sagt:

Ich bin der Hannes.“

Sie lächelt.

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