Schneepferdchen

dietintenfisch ©

Ich bin niemand. Mein Name ist nicht wichtig. Alles, was Sie über mich wissen müssen, wissen Sie bereits. Mein Großvater hat mir erklärt, dass es Situationen gibt, in denen man das Kostbarste, das man besitzt, opfern muss, um über sich selbst hinaus zu wachsen. Mein Leben lang habe ich nicht verstanden, was er damit gemeint hat, bis zu diesem Moment. Wie es dazu kam möchte ich Ihnen gerne erzählen.

Es war stickig und heiß, die Dunkelheit war vollkommen und ich mitten drin. Ich hatte mich von allen verabschiedet; das war so eine Angewohnheit von mir, mich auf Partys von jedem einzelnen Menschen zu verabschieden; das Licht war aus und ich wollte los. Mich hatte urplötzlich eine Welle von Einsamkeit gepackt, der ich mit absichtlich herbeigeführter Isolation entgegenwirken wollte. Ist es nicht eigenartig, dass wir uns unter Menschen einsamer fühlen können, als wenn wir alleine sind? Ich zog also meine Schuhe und Jacke an, ich schlug meinen Schal um meinen Hals und verließ das Fest. Die Straße war spärlich beleuchtet und ich stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Ich war mit Franz im Auto mitgefahren und wir hatten uns über Tierfilme unterhalten, das hatte meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich hatte ihn gefragt, ob er Pinguine oder Seepferdchen lieber mochte. Er hatte lange geschwiegen und das fand ich schön; er schien sich ernsthafte Gedanken über meine Frage zu machen. Als ich dachte, ich könnte es vor spannender Erwartung nicht mehr länger aushalten, antwortete er endlich mit seiner nur am Morgen rauen Stimme:

Ich glaube, Seepferdchen mag ich ein kleines Bisschen lieber. Die sind einfach so niedlich.“

Dass ein erwachsener Mann, der auch noch Elektriker von Beruf war, das Wort „niedlich“ verwendete, fand ich lustig, aber meine Frage war ja auch lustig gewesen. So eine Frage konnte man nicht jedem stellen, vor allem nicht, wenn man erwachsen war, so wie ich, und mit einem anderen Erwachsenen sprach, so wie Franz. Die meisten Leute fanden die Frage kindisch oder albern, kaum jemand weise oder essentiell. Franz jedoch erkannte, wie essentiell sie in Wahrheit war, weil er originelle Fragen gerne hatte. Darum mochte ich ihn auch so gern.

Du bist also ein Seepferdchenmensch,“ hatte ich geantwortet.

Ist das gut oder schlecht?“, fragte er.

Es gibt kein gut oder schlecht. Man ist entweder Seepferdchenmensch oder Pinguinmensch. Ich bin ein Pinguinmensch.“

Als ich die Straße entlang ging und mit einem Blick auf meine Armbanduhr bemerkte, dass ich die letzte U-Bahn verpasst hatte, begann ich mich nach anderen Transportoptionen umzusehen. Die elektronische Anzeige des Nachtbusses sagte mir, dass der Nächste erst in einer Stunde kommen würde. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiter zu Fuß zu gehen, mit den Beinen, die mir die Natur zum Laufen gegeben hatte. Ich war mir nicht sicher, ob ich in die richtige Richtung ging, ich war noch nie in diesem Teil der Stadt gewesen, ich wusste nicht, wie ich hier her gekommen war. Es war kein Mensch außer mir auf der Straße, den ich nach dem Weg hätte fragen können und da ich selbst den Weg nicht kannte, machte es keinen Sinn mich danach zu fragen.

Ich ging also weiter die sich vor mir erstreckende, endlos scheinende Straße entlang, da musste ich an das Kostbarste denken, das ich besaß. Den Fünfeuroschein in meiner rechten vorderen Hosentasche. Mein Konto hatte ich einige Monate zuvor gelöscht, aus Gründen, die ich hier nicht erwähnen mag. Geblieben waren die fünf Euro in meiner Hosentasche. Sie waren mein eiserner Vorrat für schlimme Zeiten. Ungefähr zur selben Zeit als ich mein Konto gelöscht hatte, hatte ich auch meine Wohnung und meinen Job aufgegeben. Seitdem vagabundierte ich mal hier, mal dort und genoss diese unmittelbare Lebensart. So kam man viel mehr mit den Leuten zusammen. So hatte man viel mehr Zeit, ihnen wichtige Fragen zu stellen. Nach der Pinguin- oder Seepferdchenfrage, folgten immer eine Zweite und eine Dritte. Zuerst wollte ich wissen, was die Leute am allerliebsten aßen. Die Meisten antworteten entweder Lasagne oder Spaghetti mit Tomatensoße, was ich eigenartig fand, denn das bestand doch Beides zu einem großen Teil aus Nudeln und das verwirrte mich. Wenn ich die dritte Frage stellte, nämlich was die Leute dachten, was meine allerliebste Leibspeise sei, lagen immer alle falsch. Dabei esse ich am allerliebsten Karotten. Franz war mit seinem Tipp, Pastinake, schon echt nah dran gewesen, aber eben nicht mehr.

Ich ging in eine Nebelwolke hinein und kam an einer Kreuzung heraus. Es war vollkommen still. Stellen Sie sich das mal vor, mitten in der Stadt ein vollkommen stiller Ort. So hatte ich mir immer den Himmel vorgestellt. Ich bin zwar Atheist, aber trotzdem. Langsam begann ich zu spüren, wie müde ich war, meine Augen fielen mir zu und meine Beine schmerzten. Sie waren vielleicht zum Gehen gemacht, aber sie brauchten auch mal eine Pause. Meine Müdigkeit war mit einem Schlag vergessen. An der Kreuzung, die aussah wie der Himmel, stand ein Engel. Sie war aus dem Nichts aufgetaucht und hatte den Sonnenaufgang im Rücken, der die Dunkelheit ablöste. Sie sah so wunderbar schön aus, dass ich beschloss, sie nach dem Weg zu fragen.

Wo willst du denn hin?“, fragte sie.

Ins Zentrum,“ sagte ich.

Da muss ich auch hin. Wir können gemeinsam gehen, wenn du willst.“

Ich fragte nach ihrem Namen, sie hieß Amanda Apfelbaum. Das war der wunderschönste Name, den ich je gehört hatte, nicht nur wegen der Alliteration. Bevor ich ihr meine drei wichtigen Fragen stellen konnte, stellte sie mir unerwartet eine.

Kennst du das, wenn du aus einem Flugzeugfenster schaust und die Wolken aussehen wie Schnee? Wie eine riesige Decke aus Schnee, die die ganze Welt zudeckt und alles was du willst ist darauf schifahren?“

Natürlich kannte ich das, viel mehr, ich fand es am allerwunderschönsten. Das gefiel ihr. Schließlich kam ich doch noch dazu Amanda zu fragen, ob sie lieber Seepferdchen oder lieber Pinguine mochte. Ihre Antwort war erstaunlicher als alle anderen, die ich bisher gehört hatte. Sie sagte:

Am liebsten mag ich Schneepferdchen.“

Was ist das denn?“, fragte ich glücklich über ihre Wortschöpfung.

Amanda ging wortlos zu einem der vielen schneebedeckten Autos und malte ein Seepferdchen auf die Windschutzscheibe.

Jetzt ist das Seepferdchen ein Schneepferdchen,“ erklärte sie stolz und fügte hinzu „die habe ich am liebsten, weil man sie immer bei sich hat, man muss einfach nur eins in den Schnee malen und schon ist es da.“

Diese Erklärung fand ich so famos, dass ich am liebsten vor Freude geweint hätte. Als ich Amanda nach ihrem Lieblingsessen fragte, sagte sie Heringsalat und meine dritte Frage beantwortete sie so:

Das seh ich dir an deiner Nasenspitze an. Am allerliebsten isst du Karotten.“

Weil sie die Erste war, die das erraten hatte und weil ich mich ein bisschen in sie verliebt hatte, gab ich ihr einen Kuss. Ich fühlte sie unter meiner Umarmung wegschmelzen, sie fiel gekrümmt zu Boden und wand sich gequält. Sie war ein Engel. Ein Engel aus Schnee, der schmolz, wenn er berührt wurde. Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich sah sie vor mir liegen und konnte ihr doch nur beim Sterben zusehen, mein Herz brach. Ich hörte ein Motorengeräusch näher kommen. Ich beugte mich zu meiner Geliebten, hob auf, was noch von ihr übrig war und hielt das herannahende Taxi an.

So habe ich Sie getroffen. Ich habe Ihnen erklärt, dass ich meine Freundin in ein Spital bringen muss und zwar sofort. Ich erklärte Ihnen auch, dass alles was ich bei mir hatte, das Kostbarste war, das ich besaß, ein Fünfeuroschein in meiner rechten vorderen Hosentasche. Außerdem erzählte ich Ihnen, was mein Opa mir über den kostbarsten Besitz gesagt hatte. Für Sie bin ich wahrscheinlich nur ein Verrückter, mit einem Häufchen Schnee in den Händen, das immer nur Schnee war und kein Mensch. Aber ich irre mich, denn Sie sagen:

Ich glaube Ihr Großvater war ein intelligenter Mann.“

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