Amandas Geheimnis

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Epilog:

Jonathan trat durch die Türe und erblindete einen Moment, weil sich der Wechsel von der Dunkelheit der Kirche zum Mittagslicht des Gartens für ihn zu schnell vollzogen hatte. Nach einigen Sekunden und heftigem Blinzeln erkannte er Schemen. Da war ein Blumenbeet; Rosen; und ein Mann, der es pflegte. Er trug eine Mönchskutte und einen Hut gegen die Hitze. Die Kutte, die an Pater Mairiere so stramm ausgesehen hatte, verschluckte ihn beinahe. Seine Hände waren voller Erde, er war dabei die Rosen mit einer überaus großen Gartenschere zu Recht zu schneiden. Er summte lächelnd vor sich hin. Er sah verdammt jung aus. Violetta und Clarissa kamen hinter ihm her, Violetta stützte die ältere Frau. Sie warf einen Blick auf den Mann im Rosenbeet, prüfend, dann mit Wiedersehensfreude. Bevor sie auf ihn zu stürmen, oder nach ihm rufen konnte, reagierte Jonathan.

„Herr Korn?“, fragte Jonathan vorsichtig.

Er war ein paar Schritte weiter nach vorne getreten, so dass Emil ihn aber nicht Violetta und Clarissa sehen konnte, die vor der Türe, hinter der Ecke warteten.

Das Summen verstummte, der Mann ließ die Schere sinken und drehte sich zu ihm um.

„So hat mich lange niemand mehr genannt“, sagte er und es wirkte als wäre er selbst überrascht vom Klang seiner Stimme.

„Sie sind ein schwer zu findender Mann.“

„Ja“, er nickte leicht, sein Lächeln war verschwunden.

„Mein Name ist… Jonathan. Ich schreibe eine Reportage über Waisen in Klöstern. Ich wollte ihnen ein paar Fragen stellen“, sagte Jonathan weil ihm nichts Besseres einfiel.

„Für welche Zeitung schreiben Sie?“

„Für den Standard“, Jonathan war überrascht wie leicht ihm das Schwindeln fiel.

„Ich spreche nicht mit Journalisten über mein Privatleben. Ich spreche mit niemandem über mein Privatleben.“

Jonathan war sich sicher, dieser Mann war sein Bruder. Er hatte Amandas Gesichtszüge. Jonathan lächelte. Wenn jetzt nur Hannah bei ihm wäre.

„Ich verstehe.“

„Außerdem sind Sie falsch informiert. Ich bin kein Waise.“

„Verzeihen Sie bitte die Störung. Ich dachte nur sie hätten vielleicht gerne Ihre Lebensgeschichte erzählt. Schließlich passiert es nicht alle Tage, dass-“.

Bevor er den Satz beenden konnte, stürzte Violetta hinter der Ecke hervor und schrie um Hilfe. Clarissa war in Ohnmacht gefallen. Emil erkannte seine Schwester, schien einen Moment verunsichert, ob er nicht träumte und dann eins und eins zusammen zu zählen.

 

 

 

Amandas Geheimnis

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10

Jonathan hätte es nicht über sich gebracht, zu fahren, ohne Violetta Bescheid zu geben. Sie hatte in kürzester Zeit Flugtickets für sie gebucht und ihren Koffer gepackt. Als er sie am Flughafen zwischen all den Leuten ausmachte, fand er sie sah aus, als hätte sie nicht viel geschlafen, sie trug ein vornehmes Kostüm und hielt einen winzigen Koffer in ihren Händen. Um die Stimmung aufzulockern scherzte Jonathan, ob sie vorhatte auszuwandern, mit all ihrem Gepäck. Sie beteuerte nichts mehr als eine Haarbürste dabei zu haben, das war alles was sie brauchte. Die Begrüßung von Violetta und Clarissa war höflich ausgefallen. Clarissa mochte Violetta, das konnte Jonathan sehen, ihr gefiel ihre zurückhaltende aber bestimmte Art, ihr gefiel, dass sie kein Geld von ihnen für die Flugtickets annahm. Sie waren sehr früh am Flughafen gewesen, nachdem Check in und der Sicherheitskontrolle hatten sie noch mehr als eine Stunde bis ihr Flieger ging. Sie setzten sich in ein Burgerrestaurant und Jonathan musste schmunzeln, weil die zwei so feinen Damen in seiner Gesellschaft so absolut nicht in diesen Laden passten. Nachdem sie Platz genommen und Violetta einen Cheeseburger und Clarissa einen Beefburger bestellt hatten, Jonathan merkte, dass er nichts essen konnte und fragte sich warum, richtete Violetta ihren Blick auf Jonathan.

„Wo ist Hannah?“

Er fragte sich, wie lange sie diese Frage schon hatte stellen wollen. Jonathan spürte einen Stich in seiner Brust beim Erwähnen dieses Namens.

„Hannah lies“, sagte er, als wäre das eine Antwort.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie treffend sie ihren Bühnennamen gewählt hatte.

„Sie ist weg vom Fenster“, sagte Clarissa, damit ihr Enkel nicht antworten musste.

Violetta schien nicht zufrieden mit dieser Antwort.

„Und woher hast du Emils Adresse?“

Jonathan zögerte, dann nahm er den Brief seiner Mutter aus seiner Jackentasche und reichte ihn Violetta. Je weiter sie las, desto mehr zitterten ihre Hände. Als sie das Ende des Briefs erreicht hatte, sah sie Jonathan einen Moment an. Dann legte sie ihre Hand auf seinen Arm, um ihm Trost zu spenden und seltsamerweise half ihm diese Geste. Ein Kellner mit Glatze brachte ihre Burger und für einige Zeit aßen sie schweigend. Jonathan nippte an seiner Orangenlimonade, die er statt etwas zu Essen bestellt hatte. Violetta wandte sich an Clarissa:

„Sie hätten mich wirklich einweihen können. Wissen Sie eigentlich, wie sehr mich diese Sache aufwühlt?“

Es war ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören. Clarissa reagierte nicht, sie schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte. Violetta nahm einen Bissen von ihrem Hamburger und tunkte ein Pommes in die Sauce auf ihrem Teller. Sie leckte sich ihre fettigen Finger ab und sprach weiter.

„Wie kommen Sie dazu, Ihrem Enkel so etwas anzutun? Wie kommen Sie dazu einer völlig Fremden so etwas anzutun? Haben Sie gar nicht an die Folgen gedacht?“

Clarissa nahm wortlos einen Brief aus ihrer Jackentasche und reichte ihn Violetta.

„Was ist das?“

„Lesen Sie“, war alles was Clarissa sagte.

Jonathan hatte seine Limonade ausgetrunken und bestellte eine zweite. Violetta las zuerst leise, dann laut.

Frau Mutter,

ich bitte Sie inständig, kontaktieren Sie meine Schwester. Vio ist eine zarte Seele. Ich glaube, mein Verschwinden hat sie hart getroffen. Es ist mir ein Anliegen, dass sie erfährt wo ich bin. Ich weiß, ich könnte ihr selbst einfach schreiben, sie anrufen, mich melden. Ich habe es unzählige Male versucht, hatte den Hörer schon in der Hand, saß vor dem unbeschriebenen Blatt Papier doch es kam nichts. Bitte geben Sie ihr ein Lebenszeichen von mir, richten Sie ihr aus, dass es mir gut geht, dass ich an sie denke.

Hochachtungsvoll,

Ihr verlorener Sohn,

Emil

Violetta verstummte einen Moment. Jonathans Herz raste. Diese Worte hatte sein Bruder geschrieben. Er konnte es kaum glauben.

„Sie wollten, dass Jonathan mich kontaktiert. Er hat mich gefunden, weil Sie es so wollten. Sie hätten dennoch den Wunsch meines Bruders erfüllen können und mir seine Botschaft ausrichten, ohne dass ich erfahren musste, dass er einen Halbbruder hat, der sein Leben lang nichts von ihm wusste, der sein verschmitztes Gesicht nicht kennt, wenn er Kuchen stiehlt, der seinen watschelnden Gang nicht kennt, der nichts von ihm weiß und plötzlich fordert wegen einer leiblichen Verwandtschaft etwas über ihn zu erfahren, wenn ich selbst nichts mehr über ihn weiß, weil ich nicht weiß, wo er ist. Wissen Sie eigentlich, wie sehr ich die letzten fünf Jahre gelitten habe? Sie hätten das mit einem Satz beenden können. Denken Sie ich bin Ihre Marionette?“

„Es war meiner Tochter und mir wichtig, dass ihr beide euch kennen lernt. Und zwar auf natürliche Weise. Wenn wir Sie kontaktiert hätten, hätten wir Ihnen von Jonathan erzählen müssen, dann hätten Sie ihn erwartet. Sie wären nicht authentisch gewesen. Das wollten wir vermeiden.“

Clarissas Stimme war kraftlos. Sie schien hin und hergerissen zwischen einer Rechtfertigung gegenüber dieser Fremden und einer Erklärung ihres Verhaltens. Sie begnügte sich damit zu schweigen. Violettas Stimme hatte an Stabilität gewonnen, sie schien zum Angriff bereit. Jonathan legte seine Hand auf ihren Arm und gab ihr damit zu verstehen, dass es keinen Sinn hatte sich über Clarissa und seine Mutter aufzuregen. Sie sah ihn angriffslustig an, ein paar Sekunden lang, dann sagte sie:

„Ich bevorzuge es selbst Entscheidungen über mein Leben zu treffen.“

Ihre Stimme bebte aber mehr sagte sie nicht. Jonathan sah seine Großmutter an, der er ansah, dass die Botschaft angekommen war. Wie für sie üblich, gab sie als einzige Regung ein Nicken von sich, was auch immer das heißen mochte. Sie aßen schweigend auf und Clarissa zahlte für alle, niemand erhob Einspruch. Es war ihre Art sich zu entschuldigen.

Die Flugbegleiterinnen huschten hin und her und vergaben Getränke an die Fluggäste, ein Kind weinte, von zwei Sitzreihen weiter hinten dröhnte Musik über Kopfhörer an seine Ohren. Während des ganzen Fluges war Jonathan schlecht vor Aufregung.

Vom Flughafen aus waren es noch zwei Stunden mit dem Bus. Violetta kaufte die Fahrkarten und fand heraus, wann sie aussteigen mussten. Clarissa klagte zunehmend öfter über schmerzende Glieder und Erschöpfung. Jonathan versuchte dem keine Beachtung zu schenken, aber ihre Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Das war ihre letzte Reise. Während der Busfahrt dachte er darüber nach, was er zu Emil sagen würde, wenn er vor ihm stand. Seine Übelkeit hatte ein Ausmaß angenommen, dass er kaum ertragen konnte. Seine Gesichtsfarbe hatte ein ungesundes grünblass angenommen und er musste sich bemühen nicht zu erbrechen. Als er dachte seine Magensäfte nicht mehr halten zu können, blieb der Bus an der Endstation stehen. Jonathan griff nach seinem Rucksack und rannte hinaus, um sich auf den Rasen neben der Bushaltestelle zu übergeben. Er bemerkte, dass er angewiderte Blicke zugeworfen bekam, manche Menschen stießen Laute des Ekels aus, glückicherweise konnte er nicht verstehen, was über ihn getuschelt wurde. Violetta eilte zu ihm und reichte ihm eine Flasche Wasser, deren Inhalt er gierig verschlang. Er gurgelte und spuckte das Wasser wieder aus, trank ein paar Schlucke und stützte sich auf Violetta. Seine Knie waren weich geworden. Der Busfahrer war ausgestiegen um eine Zigarette zu rauchen. Clarissa mühte sich ab die Koffer aus der Gepäckablage zu hieven, weil der Busfahrer ihr nicht half. Violetta verfrachtete Jonathan auf die Bank, die an der Busstation stand und eilte zu seiner Großmutter, um ihr mit den Koffern zu helfen. Sie verfrachtete Clarissa und das Gepäck neben Jonathan auf die Bank und ging auf den Busfahrer zu.

„Pardon Monsieur, nous cherchons le monastaire.“

Sie fragte ihn nach dem Weg zum Kloster in der Stadt. Er zuckte mit den Schultern, nicht ohne Violetta von oben bis unten zu mustern.

„Qu-est ce que tu fais ce soir?“ fragte er anstatt ihr zu antworten.

„Ganz bestimmt nichts mit dir“, sagte sie und spuckte ihm vor die Füße.

„Qua?“ fragte er empört.

Violetta ließ ihn stehen und wandte sich Clarissa und Jonathan zu.

„Lasst uns in die Stadt gehen und bei der Touristeninformation nach dem Kloster fragen.“

Clarissa schüttelte den Kopf.

„Das wird nicht nötig sein.“

Sie deutete hinter Violetta. Als sie sich umdrehte sah Violetta ein gigantisches Kloster in den Himmel ragen. Es hatte beige Steinwände und dunkle kegelförmige Dächer auf seinen Türmen.

—-

Sie saßen seit einer halben Stunde zwischen ihren Reisetaschen auf der Bank der Bushaltestelle. Clarissa hatte von einem fahrenden Händler Mangos gekauft und nun waren ihre Finger voll mit Mangosaft. Jonathan verzichtete darauf einen Bissen zu nehmen, sein Magen hatte sich zwar etwas beruhigt, jedoch wollte er keinen zweiten Vomitus provozieren. Violetta kaute auf ihren Nägeln herum. Keiner von ihnen sprach es aus aber bisher war der Gedanke Emil zu finden eben das gewesen, eine abstrakte Idee, doch jetzt als sie so nah dran waren ihn tatsächlich aufzuspüren, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Clarissa machte den ersten Schritt. Sie steckte sich das letzte Stück Mango in den Mund, wischte ihre Hände an ihrem Kleid ab und sagte:
„Ich will jetzt meinen Enkel sehen.“

Sie erhob sich schwerfällig und reichte Jonathan die Hand. Er nahm sie in seine und führte seine Omi auf das große Tor zu. Violetta folgte hinter ihnen. Der Temperaturwechsel von der französischen Sommerhitze zu der angenehmen Kühle im inneren der Kirche überraschte nicht, jedoch tat der Wechsel von hell zu dunkel ihnen einen Moment in den Augen weh. Beim Eingang war ein Schalter bei dem Eintrittskarten verkauft wurden. Ein großer fleischiger Mönch saß dort und sah grimmig drein, seine Kutte spannte an seiner Brust, an welcher ebenso ein Namensschild mit der Aufschrift Pater Mairiere befestigt war. Violetta wechselte ein paar Worte mit ihm auf Französisch, sein Gesicht hellte sich auf und er ließ sie gratis hinein. Als sie hinter der Absperrung waren und einen Moment ehrfürchtig schweigend die Wände und die Decke ansahen, die mit Malereien, Goldstatuen und bunten Glasfenstern verziert waren beobachteten fragte Jonathan:

„Was hast du zu ihm gesagt?“

„Dass wir von der Presse sind und einen Artikel über das Kloster schreiben.“

„Und er wollte keinen Ausweis sehen?“

„Nein.“

„Warum hast du ihm nicht die Wahrheit gesagt? Vielleicht kennt er Emil und hätte uns gesagt, wo wir ihn finden können.“

„Wer weiß, ob er uns sehen will. Besser, er weiß nicht, dass wir kommen.“

„Und was willst du jetzt machen? Hier sitzen und warten bis er kommt?“

„Warum nicht?“

„Meine Knochen schmerzen in der Kälte. Lasst uns lieber in den Klostergarten gehen, da ist es warm“, schlug Clarissa vor.

„Klostergarten?“, fragte Jonathan.

Clarissa deutete auf ein Schild an der Wand, das den Weg zum Klostergarten wies. Er nickte und führte seine Großmutter weiter am Arm. Sie schnaufte.

„Willst du dich setzen? Sollen wir eine Pause machen?“

„Nein!“, sagte Clarissa energisch.

Also gingen sie weiter. Violettas Schritte klangen wie Kinderfüße auf dem Steinboden. Die Haut seiner Großmutter hatte sich noch nie so alt und schwer angefühlt wie in diesem Augenblick. Jeder Schritt fühlte sich an wie eine Wallfahrt, sie schienen langsamer und langsamer zu werden. Je näher die Türe kam auf der in großen geschwungenen Buchstaben Klostergarten stand, desto weiter weg erschien sie. Und dann standen sie auf einmal davor, Jonathan legte seine Hand auf die Klinke und drückte sie herunter.

Was ist aus dir geworden?

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Es gab eine Zeit, da haben wir zusammen gelacht,

jeden Satz für den Anderen zu Ende gedacht.

Wir haben uns jeden Tag gesehen,

wir wollten überallhin mit einander gehen.

Jetzt frage ich mich, was ist aus dir geworden?

Lebst du in deinem Traumhaus im hohen Norden?

Bist du bei den Fjorden, wie du es immer wolltest?

Säuberst du Rauchfänge, oder produzierst du liebliche Klänge?

Hast du deine Ziele erreicht? Hast du deine Haare gebleicht?

Was ist aus dir geworden?

Hast du Kinder oder Rinder?

Bist du noch, wer du früher warst? Oder lebst du jetzt in einem Karst?

Amandas Geheimnis

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9

Jonathan war auf Hannahs warmem Körper eingeschlafen, er hatte ihre Haut berührt und ihren Geruch inhaliert. Er hatte ihre Lippen auf seinen gespürt, ihr Schweiß hatte sich mit seinem vermengt. Ein Lichtstrahl fiel durch einen Spalt zwischen den Vorhängen in sein Gesicht und machte ihn wach. Jonathan wollte noch einen Moment liegen bleiben, einen Moment länger genießen, dass Hannah neben ihm lag, unter ihm, das Bett mit ihm teilte. Sein Arm war unter seinem Torso eingeklemmt, er wechselte seine Position, ohne die Augen zu öffnen. Er wollte Hannah einen Guten Morgen-Kuss geben, er wollte ihr süßes Lächeln sehen. Jonathan zwang sich dazu ein Auge zu öffnen. Keine Hannah. Er öffnete auch das Zweite. Hannah war fort. Wahrscheinlich war sie in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen. Er raffte sich auf, wischte sich über die Augen, der Wein hatte ihm nicht gut getan, er spürte ihn in seinen Gliedern, bei jeder Bewegung, in seinem Kopf. Gerade als Jonathan aufstehen und sein Zimmer verlassen wollte, klopfte es an seiner Türe.

„Komm rein“, sagte er lächelnd.

Die Türe öffnete sich und sein Lächeln erstarb. Vor ihm stand Clarissa.

Sie bedeutete ihm schweigend ihr zu folgen. Ihr langsamer, humpelnder Gang verstärkte das Unbehagen, das sich seit sie vor der Türe gestanden war, in Jonathan ausgebreitet hatte. Sie hatte keine Worte gebraucht, um ihm zu verstehen zu geben, dass etwas vorgefallen war. Jonathan folgte ihr den Gang entlang, die Stiegen hinunter in das Esszimmer und erstarrte. Der Kandinsky war weg. Er sah sich um, setzte an etwas zu sagen. Seine Frage, was mit dem Bild passiert war, beantwortete er sich selbst, indem er einen Blick aus dem Fenster warf. Die Limousine war verschwunden. Das Gemälde war weg, Hannah war weg, die Limousine war weg.

„Wie um alles in der Welt konnte das passieren?“

Jonathan stand mit offenem Mund da. Clarissa antwortete nicht. Es hatte ihr die Sprache verschlagen. Ich bin eine Welle. Erst jetzt verstand Jonathan Hannahs Worte. Sie baute sich langsam auf, nahm mehr und mehr Platz ein, wurde so groß, dass man sich ihr nicht entziehen konnte, nur um dann zu zerplatzen. Hitze stieg in ihm auf. Er ging ein paar Schritte auf die nackte Wand zu, an der zuvor der Kandinsky gehangen war, um nach dem Telefon zu greifen, das daneben auf einem Hocker stand. Er nahm den Hörer und war im Begriff zu wählen, als ihm etwas ins Auge stach. Jonathan legte den Hörer wieder auf die Gabel und ging ganz nah an die Wand. Da klebte etwas. Ein Stück Papier? Nein, ein Kuvert, so weiß wie die Wand, sodass er es im ersten Moment übersehen hatte. Er wandte sich seiner Großmutter fragend zu, die am Esstisch platzgenommen hatte. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Jonathan griff nach dem Kuvert, löste die Klebestreifen von der Wand und öffnete den Umschlag. Seine Hände zitterten, die Hitze in ihm wurde unerträglich. Er hatte das merkwürdige Gefühl sich setzen zu müssen und ließ sich auf dem Boden nieder. Erst dann nahm er das Blattpapier aus dem Umschlag und las was darauf stand.

Mein lieber Jonathan,

bitte entschuldige. Ich weiß bereits seit längerem, wo sich dein Bruder befindet. Ich habe vor drei Jahren über eine Zeitungsannonce Kontakt zu ihm aufgenommen und seitdem schreiben wir uns Briefe. Ich bin der einzige Mensch, dem er seinen Aufenthaltsort anvertraut hat. Wahrscheinlich, weil er weiß, dass ich ihn nie besuchen werde können. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dir sagen soll, wo du ihn finden kannst. Mama und ich fanden, du könntest ein Abenteuer vertragen. Wir haben alles auf deinen dreißigsten Geburtstag gelegt. Wir wollten dir endlich die Chance geben aus dem Schneckenhaus auszubrechen, in das wir dich dein Leben lang gezwängt haben. Wir wollten dich zwingen deinen Weg zu gehen, endlich dein Leben zu leben. Ich habe mir immer für dich gewünscht, dass du deinen Weg findest. Ich fürchte, das ist mir misslungen. Das Abenteuer erforderte viel Planung, zunächst musste ich dir die Wahrheit sagen. Dann engagierte Mama Hannah und Dario. Sie sollten dein Vertrauen gewinnen, sich mit dir anfreunden, dir helfen. Sie sind Geschwister, verwaist, leben von Hannahs Gage als Sängerin und Darios Gehalt als Chauffeur. Als Bezahlung für ihre Dienste wollten sie den Kandinsky. Er ist mehr wert, als sie beide zusammen in einem Jahr verdienen könnten. Mama und ich gaben dir nur die notwendigen Informationsstücke, die du brauchtest, um selbst Nachforschungen anzustellen. Dass du die Antwort hinter dem Bild finden würdest, ist eine meiner besseren Ideen. Mama hat diesen Brief vor ein paar Wochen dahinter versteckt. Wenn du diesen Brief liest, bist du am Ende deiner Suche angekommen. Im Kuvert findest du Emils Kontaktdaten beigelegt. Es steht dir frei ihn zu kontaktieren oder nicht. Er weiß nichts von dir. Die Tatsache, dass er adoptiert ist, aus einer Vergewaltigung entstanden, mit einer Mutter im Gefängnis, schien mir für den Anfang genug der Wahrheit. Dass er einen kleinen Bruder hat, einen unglücklichen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, wollte ich mir für einen Moment aufsparen, in dem ihm dieser Gedanke Trost spendet. Oder du tust es einfach selbst.

Ich hoffe, wir haben dich nicht zu sehr verärgert.

In Liebe,

deine Mutter, Amanda.

Jonathan ließ den Brief sinken und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Einen Moment blieb er so sitzen, dann anders als Clarissa erwartet hatte, begann er schallend zu lachen. Er war von sich selbst überrascht, hatte er doch nicht gedacht, dass er noch genug Kraft dafür in sich tragen würde. Er fühlte sich wie verdaut und ausgespuckt. Verkatert, müde, verwundet.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, hörte er die Stimme seiner Oma vom Tisch zu ihm herüber klingen.

Anstatt ihr zu antworten, lachte er noch mehr, legte sich nun ganz auf den Boden, kugelte sich vor Lachen.

„Was ist nur in dich gefahren?“

Sie hatte den strengen Tonfall angenommen, mit dem sie ihn als Kind oft zurechtgewiesen hatte, wenn er Unfug gemacht hatte. Jonathan holte tief Luft und hörte schlagartig auf zu lachen. Er erhob sich vom Boden und ging die wenigen Schritte zum Esstisch. Er nahm neben seiner Großmutter Platz, legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und sagte:

„Ich sollte also ein Abenteuer erleben? Das ist euch gelungen. Ihr habt die Fäden lange genug gezogen. Jetzt entscheide ich. Ich fliege nach Frankreich. Heute noch.“

Er sprach ohne seine Stimme zu erheben, ohne laut zu werden, ganz ruhig. Alle Emotion war mit dem Lachen aus ihm gewichen. Er war jetzt nur noch unendlich erschöpft.

„Geh vielleicht duschen, bevor du aufbrichst. Du hast schon mal frischer ausgesehen.“

Er sah Clarissa in die Augen und glaubte für einen Moment so etwas wie Mitgefühl in ihnen aufflackern zu sehen aber dann hatte sie wieder ihren altbekannten strengen Blick. Sie hatte ihn zwar beleidigt aber immerhin schien sie verstanden zu haben, ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen zu können. Er verschwand ins Badezimmer.

Er wollte sich reinwaschen. Dreck weg, Schweiß weg, Schmerzen weg. Hannah weg. Jonathan hatte nie an die angeblichen Heilkräfte von Wasser geglaubt, als er aus der Dusche stieg musste er jedoch feststellen, dass zumindest seine Kopfschmerzen und sein Schwindel verschwunden waren. Jetzt noch eine starke Tasse Kaffee und er war wieder wie neu. Naja fast. Er hatte sich einen Bademantel seines Großvaters angezogen, war barfuß in die Küche geschlüpft und hatte Kaffee aufgestellt. Er hatte das Eintreten von Clarissa nicht bemerkt.

„Du siehst aus wie er.“

Einen Moment dachte er, sie meinte es als Kompliment, dann fügte sie hinzu:

„Unheimlich, wie wenn er von den Toten zurückgekommen wäre.“

In diesem Moment, als er dastand, nackt unter dem Stoff, barfuß mit nassen Haaren, hinter ihm der kochende Kaffee am Herd, wurde ihm klar, dass er nicht der Einzige war, dem das Herz gebrochen worden war. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass Clarissa, seine Omi, auch all die Verluste erlebt hatte, die er erlebt hatte. Nicht nur er hatte seinen Großvater verloren, sondern auch sie ihren Mann, nicht nur er hatte seiner Mutter Lebwohl gesagt, sondern sie auch ihrer Tochter und nicht nur er war um seinen Bruder gebracht worden, sondern sie auch um ihren Enkel. Sie war mit ihm alleine gewesen, eine ältere Dame, stets elegant gekleidet und sehr belesen, mit dieser gewählten Ausdrucksweise, sicherlich hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie war nicht nur körperlich, auch finanziell, gar nicht in der Lage gewesen sich um ihn zu kümmern. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Er goss Kaffee in eine Tasse, leerte Milch darauf und gab zwei Stücke Zucker hinzu.

„Fehlt er dir?“, fragte er.

 „Mit jedem Atemzug.“

„Kommst du mit nach Frankreich?“

„Ich bin alt.“

Er zuckte mit den Achseln, um ihr zu zeigen, dass er nicht verstand, was das heißen sollte. Er nahm einen Schluck Kaffee und achtete darauf, wie er ihm die Kehle herunter rann.

„Wenn ich diese Reise mache, wird es meine letzte sein.“

„Ich fühle es in meinen Knochen. Ich werde endlich zu ihm gerufen.“